Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 12
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 12

Als Symbol der Vertierten oder Gewalttätigen gegen den Nächsten, sich und Gott, tritt den Dichtern, am Eingange in den ersten Kreis der tieferen Hölle, das, durch naturwidrigen Trieb entstandene Halbtier, der Minotaurus entgegen. Virgil erinnert ihn an seinen Untergang durch Thesus, und das ehemals menschenverschlingende Ungeheuer fällt sich selbst an, in unmächtiger Schattenwut, so dass die Dichter Zeit behalten, die furchtbare Zertrümmerung dieses Randes hinabzuklimmen. Die Steine regen sich unter Dantes Füßen und er erfährt, dass dieses Ufer des heißen Blutstroms, worin die Gewalttätigen am Nächsten leiden, bei Christi Verscheiden so zertrümmert. (Hier ließt man zwischen den Zeilen: "weil an ihm Gewalt verübt worden".) Das Blut ihrer Erschlagenen tritt hier vor der Sünder Bewusstsein, mehr oder minder hoch und heiß sprudelnd wie aus frischen Wunden. Centauren, die Bilder raschvertilgender Wut, umjagen beständig die Sünder, drohend mit Geschossen. Nessus hält die Dichter an; Virgil aber sagt: er werde Chiron Rede stehen, und bittet diesen, seinen Auftrag erzählend, um einen Geleiter, der auch Dante über die Furt trage; da er noch nicht wie die Seelen auf der Luft wandeln könne. Der weise Chiron, hier das Insichgehen der Sünder vorbildend, welches übereilter Tat folgt, gebeut Nessus ihren Willen zu tun. Dieser geleitet sie also und trägt Dante, wo der Strom seichter und seichter wird, über die Furt. Auf dem Wege zeigt er ihnen in dem Blute leidende Tyrannen: Alexander, Dionys, Azzolin und Obizzo von Esti; dann, seitwärts einsam, den Schatten Guidos von Montfort, der in der Kirche mordete und nicht genannt, nur bezeichnet wird. Außer diesen nennt er ihnen, als die da seufzen, wo der Strom wieder tiefer wird: Attila, Pyrrhus von Epirus, Sextus Pompejus, Rinier von Corneto und Rinier Pazza. Hierauf veerlässt der die Dichter, nach Erfüllung seines Auftrages, am inneren Rande des Blutstroms und sprengt durch die Furt zurück.

001 Der Ort, wo wir vom Strand zu klimmen kamen,
002 War wild und so durch das allda Vorhandne,
003 Daß jedem Blick davor geschaudert hätte!

004 Wie jener Bergfall, welcher in die Seite,
005 Disseit Trient, den Strom der Etsch geschlagen,
006 Durch Erdstoß oder mangelhafte Hältniß:

007 Denn von der Höh', von der er sich beweget,
008 Zur Ebne ist der Fels so steil, daß einen
009 Fußpfad er böte, dem der oben wäre:

010 So war der Niedergang in diesen Abgrund.
011 Und auf dem Gipfel der zerrißnen Klüftung,
012 Lag ausgestreckt jener Gräuel Kretas,

013 Der in der falschen Kuh empfangen worden,
014 Und als er uns ersah, biß er sich selber,
015 Wie Einer, den der Zorn inwendig aufreibt.

016 Mein Weiser schrie zu ihm hinüber: "Meinst du
017 Vielleicht, daß hier der Herzog von Athen sei,
018 Der Droben auf der Erde dir den Tod gab?

019 Hinweg von da! Unthier! denn dieser steigt nicht
020 Von deiner Schwester unterwiesen nieder:
021 Er kommt um eure Strafe zu betrachten." -

022 Gleichwie ein Stier, der sich gewaltsam aufwirft,
023 Wenn eben er den Todesstreich empfangen,
024 Nicht wandeln kann, nur hie und dahin auffährt:

025 Desgleichen thun sah ich den Minotaurus.
026 Und der Erfahrne rief: "Lauf zu der Furt hin,
027 So lang er tobt ist's gut, daß du hinabsteigst!" -

028 So nahmen wir den Weg den Schutt hinunter,
029 Der Steine, die sich unter meinen Füßen
030 Oftmals, von solcher neuen Last, bewegten.

031 Nachdenklich ging ich und er sprach: "Du sinnest
032 Vielleicht dem Einsturz nach, der von dem Toben,
033 Dem viehischen, bewacht ist, das ich dämpfte.

034 Jetzt sollst du wissen, daß, beim ersten Male,
035 Als hier hinab ich stieg zur tiefen Hölle,
036 Derselbe Fels noch nicht hinabgestürzt war;

037 Doch sicher wenig früher, seh ich recht es,
038 Als Jener herkam, der die große Beute
039 Dem Dis hinwegnahm, aus dem obern Kreise:

040 Von allen Seiten zitterte das Graunthal,
041 Das tiefe, daß ich glaubte, daß das ganze
042 All Lieb' empfänd', wodurch, wie Einer meinet,

043 Die Welt schon oft zum Chaos umgekehrt ward:
044 Und um dieselbe Stund' erlitt der alte
045 Fels hier und anderwärts noch größern Einsturz.

046 Doch senk' thalein die Augen; denn es nahet
047 Der Strom von Blut, in welchem Jeder kochet,
048 Der durch Gewaltthat Andern Schaden zufügt." -

049 O blinde Gier, o übertolles Wüthen,
050 Das uns so spornet in dem kurzen Leben,
051 Und in dem ew'gen uns so bös erweichet!

052 Geschwungen sah ich einen weiten Graben,
053 Als solchen, der den ganzen Plan umfähet,
054 Nach dem, was mein Gebieter mir gesaget.

055 Und, zwischen ihm und dem Fuß des Ufers, rannten
056 Centauren hintereinander, pfeilbewehret,
057 Wie sonst auf Erden sie zur Jagd gezogen.

058 Uns niederklimmen sehend, blieben Alle
059 Da stehn und dreie sprengten aus der Schaar vor,
060 Mit Bogen und vorher erwählten Pfeilen:

061 Und Einer schrie von fern: "Zu welcher Marter
062 Kommt ihr, die ihr das Ufer niederklimmet?
063 Sagt es von da, wenn nicht, schieß ich den Pfeil ab!" -

064 Mein Meister aber sprach: "Die Antwort werden
065 Wir, nicht gar weit von hier, an Chiron geben!
066 Schlimm war's von jeher, daß dein Trieb so rasch war!" -

067 Dann sagt' er, mich anrührend: "Das ist Nessus,
068 Der um die schöne Dejanira hinstarb
069 Und aus sich selbst Blutrache für sich übte.

070 Der in der Mitte auf die Brust sich blickt, ist
071 Der große Chiron, der Achillen aufzog,
072 Der andre Pholus, der so voll von Zorn war.

073 Zu Tausenden, rings um den Graben, ziehn sie
074 Pfeilschießend jede Seele, die mehr auswill
075 Dort aus dem Blut, als ihre Schuld sie austhat." -

076 Wir näherten uns den geschwinden Thieren:
077 Chiron nahm einen Pfeil, und mit dem Kerbtheil
078 Warf er den Bart zurück sich von der Kiefer.

079 Als sich der große Mund nunmehr enthüllet,
080 Sagt' er zu den Gefährten: "Merkt ihr wohl es,
081 Wie der da hinten regt, was er berühret?

082 Dergleichen thun sonst nicht der Todten Füße?" -
083 Mein Führer, der bereits ihm an der Brust stand,
084 Allwo die zwei Naturen sich vermählet,

085 Antwortete: "Wohl lebt er und so einsam
086 Muß ich ihm zeigen diesen dunkeln Abgrund.
087 Nothwendigkeit führt ihn herein, nicht Schaulust.

088 Herabgeschwebt vom Hallelujasingen
089 Kam die, so mir dies neue Amt befohlen:
090 Der ist kein Räuber, ich kein Geist des Frevels.

091 Doch bei der Tugend, durch die meine Schritte
092 Ich rege, durch so ungebahnte Straße,
093 Gieb einen uns der Deinen, dem wir folgen,

094 Der auch den Ort uns zeige, wo die Furt ist,
095 Und diesen hier auf seinem Rücken trage:
096 Er ist kein Geist, daß er die Luft durchwalle!"

097 Nun wandt' über die rechte Brust sich Chiron
098 Und sprach zu Nessus: "Kehr' und führ' sie also
099 Und trifft euch andrer Schwarm an, halt ihn ferne!" -

100 Nun zogen wir, im sicheren Geleite,
101 Entlang dem Ufer des purpurnen Sudes,
102 Drinn die Gesottnen grimme Schreie thaten.

103 Volk sah ich da versenkt bis zu der Braue:
104 Der große Centaur sprach: "Tyrannen sind es,
105 Die schnell die Hand geregt zu Blut und Plündrung.

106 Dahier beweint man unbarmherz'ge Sünden:
107 Schau Alexander, Dionis' den grausen,
108 Der einst Sicilien böse Jahre machte;

109 Doch jene Stirn da, die das Haar so schwarz hat,
110 Ist Azzolin, der andre da, der Blonde
111 Ist Obizzo von Esti, der in Wahrheit

112 Auf Erden dort erwürget ward vom Stiefsohn." -
113 Dann wandt' ich mich zum Dichter, doch er sagte:
114 "Der sei dir nun der Erst' und ich der Zweite." -

115 Ein wenig weiter machte der Centaur Halt,
116 Bei einer Schaar, die bis herauf zur Kehle
117 Hervorzustehn schien aus dem heißen Sprudel.

118 Er zeigt uns einen Schatten seitwärts, einsam,
119 Und sprach: "Der da durchstach im Schooße Gottes
120 Das Herz, das an der Themse noch verehrt wird." -

121 Drauf sah ich Schaaren, welche aus dem Strome
122 Das Haupt erhuben sammt dem ganzen Rumpfe,
123 Und von denselbigen gar Viel' erkannt' ich!

124 So wurde mehr und mehr nun immer seichter
125 Das Blut, so daß es nur die Füße deckte,
126 Und hier war unsre Furt durch diesen Graben.

127 "Gleichwie du hier nach dieser Seite schauest
128 Den Sprudel, daß er immer mehr versieget,
129 Sprach der Centaur: so will ich, daß du glaubest,

130 Daß nach der andern mehr und mehr sich tiefet
131 Sein Grund, bis wieder er dorthin gelanget,
132 Wo es der Tyrannei gebührt zu seufzen.

133 Die göttliche Gerechtigkeit zerpeinigt
134 Dort Attila, der einst der Erde Geißel,
135 Pyrrhus und Sextus und entpresset ewig

136 Die Thränen, die sie mit dem Sude löset
137 Dem Rinier von Cornet' und Rinier Pazzo,
138 Die allen Straßen so viel Kampf bereitet." -

139 Drauf wandt' er sich und lief die Furt zurücke.

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