Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 11
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 11

1   An eines hohen Ufers letztem Rande,
2   Gelangten wir zu schlimmerem Gedränge.
3   Den Felsen, die im Kreis gebrochen, bilden,

4   Wir aber zogen vor dem Übermaße
5   Des schrecklichen Gestankes, der vom Abgrund
6   Emporqualmt, hinter eines hohen Grabes

7   Steindecke uns zurück, auf der ich las
8   Die Inschrift: Anastas, den Papst bewahr' ich,
9   Den ab vom rechten Wege zog Photin. -

10   Nur zögernd wollen wir jetzt niedersteigen,
11   Daß etwas sich zuvor der Sinn gewöhne
12   An den Gestank und er nachher nicht hindre. -

13   So sprach der Meister, und ich sagt': Ersinne
14   Was uns die Zeit, die wir hier weilen, ausfüllt. -
15   Er aber: Du wirst sehn, daß ich's bedachte.

16   Mein Sohn, im Innern dieses Felsgeklüftes,
17   Begann er, sind drei Kreislein, die gleich denen,
18   Die du verläßt, sich stufenweise folgen.

19   Von fluchbeladenen Geistern sind sie alle
20   Erfüllt, und daß dir bloßes Sehn genüge,
21   Vernimm, wie und warum sie eingepfercht sind.

22   Jedweder Bosheit Ziel, die Haß im Himmel
23   Erwirbt, ist Unrecht, und zu diesem Ziele
24   Gelangt durch Trug sie oder durch Gewalt.

25   Doch weil Betrug dem Menschen eigne Sünd' ist,
26   Mißfällt er Gott mehr, darum weilen tiefer
27   Und leiden größre Qualen die Betrüger.

28   Im ersten Kreis sind, die Gewalttat übten;
29   Doch weil Gewalt sich gegen drei läßt richten,
30   Ist weiter eingeteilt er in drei Ringe.

31   Man kann sich selbst, dem Nächsten, oder Gott
32   Gewalt antun, so ihnen als dem Ihren,
33   Wie du noch hören und begreifen wirst.

34   Durch Mord und arge Wunden tut dem Nächsten
35   Gewalt man an, und dem was ihm gehöret
36   Durch Raub und Brand und bösliche Zerstörung.

37   Drum quält der erste Ring, mehrfach gegliedert,
38   Totschläger und die freventlich mißhandeln,
39   Mordbrenner, Räuber und Landschädiger.

40   Gewalttat übt an sich und an dem Gute
41   Das er besitzt der Mensch. Im zweiten Ring
42   Ist denen drum fruchtlose Reu beschieden,

43   Die sich des Sein's in eurer Welt berauben,
44   Die ihr Vermögen mutwillig vergeuden,
45   Und die, statt froh zu sein, trübsinnig weinen.

46   Es richtet gegen Gott, der die Gewalt,
47   Der ihn im Herzen leugnet oder lästert,
48   Und die Natur und was sie schenkt verachtet.

49   Darum beschließt der engste der drei Ringe
50   Mit seinem Siegel Sodom sowie Cahors
51   Und die böswillig Gott verachtend reden.

52   Trug, welchen jegliches Gewissen anklagt,
53   Kann gegen den man üben, der uns trauet,
54   Und gegen den, der kein Vertraun beherbergt.

55   Die letztgenannte Weise tötet nur
56   Das Liebesband, das die Natur geschaffen;
57   Drum nisten in dem zweiten dieser Kreise

58   Die Kuppler, Schmeichler und die Amtsverkäufer,
59   Die Fälscher, die Bestechlichen und Heuchler
60   Nebst Dieben und mehr ähnlichem Gezüchte.

61   Die andre Art verletzet mit der Liebe,
62   Die von Natur ist, die hinzugekommne,
63   Auf die sich das besondre Zutraun gründet.

64   Darum verzehrt im engsten Kreise, wo
65   Des Weltalls Punkt ist, auf dem Dis beruht,
66   Sich wer verraten hat in Ewigkeit. -

67   Drauf sprach ich, Meister, deine Rede schreitet
68   Zwar deutlich vor und unterscheidet gut
69   Den Schlund hier und das Volk, das ihn bewohnet.

70   Doch sage mir, die von dem fetten Sumpfe,
71   Die, die der Wind treibt, und der Regen geißelt,
72   Und die mit herbem Scheltwort sich begegnen,

73   Wenn unter Gottes Zorn sie stehn, warum
74   Sind in der roten Stadt sie nicht gestrafet?
75   Und tun sie's nicht, warum sind sie gepeinigt? -

76   Und er entgegnete: Was irrt so ferne
77   Dein Geist von dem ab, was er sonst zu sein pflegt,
78   Falls dein Gedanke nicht wo anders hinschaut?

79   Gedenkst du nicht der Worte deiner Ethik,
80   Mit denen sie die dreierlei Gesinnung
81   Behandelt, die zuwider Gottes Willen:

82   Maßlosigkeit und Bosheit und die wilde
83   Vertiertheit, und wie von den drei'n die erste
84   Gott minder kränkt und weniger bestraft wird?

85   Betrachtest du gehörig diesen Grundsatz,
86   Erinnerst du dich auch, wer jene sind,
87   Die außerhalb der Stadt dort Strafe leiden,

88   So siehst du ein, warum von diesen Argen
89   Getrennt sie sind, warum mit mindrem Zorne
90   Die göttliche Gerechtigkeit sie geißelt. -

91   O Sonne, die umtrübten Blick du heilest,
92   So sehr erfreuet stets mich deine Lösung,
93   Daß Wissen mir nicht lieber ist als Zweifeln.

94   Ich bitte, sprach ich, wende die Gedanken
95   Zurück und lehre mich, warum der Wucher
96   Die Güte Gottes, wie du sagst, verletzet? -

97   Philosophie belehret den, der aufmerkt,
98   So sagt' er drauf, an mehr als einer Stelle,
99   Daß die Natur die Bahnen, die sie einschlägt,

100   Aus Gottes Geist entnimmt und seiner Kunst.
101   Erwägst du dann das Buch von der Physik,
102   So findest du nach nicht gar vielen Blättern,

103   Daß eure Kunst, soweit sie kann, der letzten
104   So wie der Schüler seinem Meister, nachfolgt
105   Und sozusagen Gottes Enklin ist.

106   Aus diesen beiden, wie die Genesis
107   Dir bald im Anfang sagt, soll Unterhalt
108   Die Menschheit nehmen und sich vorwärts helfen.

109   Weil nun der Wuchrer andre Bahnen einschlägt,
110   Verachtet er in sich und ihrer Tochter
111   Natur; denn andershin zielt seine Hoffnung.

112   Nun aber komm, weil mir beliebt zu gehen.
113   Die Fische blinken schon am Horizonte
114   Und gen Nordwest senkt sich der ganze Wagen;

115   Der Absturz aber fällt dort jenseits ab. -


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