Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 10
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 10

1   Jetzt geht im abgelegnen Hohlweg weiter
2   Zwischen dem Stadtwall und den Martern allen
3   Mein Meister, und ich hinterher als Zweiter.

4   »O höchste Kraft, die durch die sündigen Hallen,«
5   Begann ich, »mir zum Führer ward und Fergen,
6   Sprich nun und laß Belehrung dir gefallen.

7   Das Volk, das ringsum diese Gräber bergen,
8   Darf ich es sehn? Sind doch schon abgehoben
9   Die Deckel und bewacht von keinem Schergen.«

10   Und er zu mir: »Die Schließung bleibt verschoben
11   Bis heim von Josaphat die Seelen wallen
12   Mit ihren Körpern, die sie ließen droben.

13   Hier liegt bestattet Epikur samt allen
14   Nachfolgern, die mit ihm am Wahn gehangen,
15   Daß mit dem Leib die Seele wird zerfallen.

16   Drum wird die Frage, die an mich ergangen,
17   Und jene auch, die du bei dir verstohlen
18   Behieltest, hierdrin schnell Bescheid erlangen.« -

19   »Mein guter Führer, dir schlägt unverhohlen
20   Mein Herz. Du wolltest, daß ich schweigsam bliebe,«
21   Sprach ich, »und hast mirs jüngst erst anempfohlen.« -

22   »O Tusker, der zur Stadt voll Glutgestiebe
23   Lebendig eintrat und mit biederer Rede -
24   Daß etwas hier zu harren dir beliebe!

25   Zeigt deine Mundart doch, klar wie nicht jede,
26   Daß du in selber edeln Stadt geboren,
27   Mit der ich wohl zu häufig lag in Fehde.«

28   Plötzlich aus einem Sarg drang mir zu Ohren
29   Solch Anruf, daß ich mich, als dies geschehen,
30   An meinen Führer schloß ganz mutverloren.

31   Und der zu mir: »Was giebts? du mußt dich drehen.
32   Sieh! Farinata hebt sich aus dem Schachte.
33   Vom Gürtel aufwärts an kannst du ihn sehen.«

34   Und wie ich ihn schon festen Blicks betrachte,
35   Hebt er mit Brust und Stirne sich zutage,
36   Alsob die Hölle gänzlich er verachte.

37   Dann schoben hurtig durch die Sarkophage
38   Mich hin zu ihm des Führers mutige Hände,
39   Indem er riet: »Sei klar in Wort und Frage.«

40   Als ich am Grabesfuß, war mirs, ich fände
41   Im kurz mich prüfenden Blick ein leis Verachten.
42   »Nenn deine Ahnen!« fragt er mich am Ende.

43   Und ich, dem Wunsch gehorsam nachzutrachten,
44   Verhehlte nichts, ließ alles ihn erfahren.
45   Drauf sah ich seine Brauen sich umnachten,

46   Worauf er sprach: »Furchtbare Gegner waren
47   Sie mir, den Vätern und Parteigenossen,
48   Und deshalb trieb ich zweimal sie zu Paaren.« -

49   »Ob auch verjagt, sie kehrten unverdrossen
50   Zweimal zurück,« sprach ich, »zweimal zu siegen!
51   Doch blieb den Euern diese Kunst verschlossen.«

52   Da war am offenen Grab emporgestiegen
53   Ein Schatten neben jenem bis zum Kinne:
54   Ich glaub, auf seinen Knieen mocht er liegen.

55   Er sah um mich herum, in seinem Sinne
56   Gern glaubend, daß mich jemand noch begleite.
57   Doch als er der zerstörten Hoffnung inne,

58   Sprach weinend er: »Wenn du dies nachtgeweihte
59   Verlies durchwallst durch hohen Geistes Segen,
60   Wo ist mein Sohn? Warum nicht dir zur Seite?« -

61   »Nicht selbst kam ich hierher,« sprach ich dagegen,
62   »Er, der dort harrt, wies mir den Weg, den schweren.
63   An ihm schien Eurem Guido kaum gelegen.«

64   Die Strafart nämlich wie auch sein Begehren
65   Ließ mich sogleich auf seinen Namen kommen;
66   Drum konnt ich bündige Antwort ihm bescheren.

67   Da rief er jäh-aufschnellend, doch beklommen:
68   »Ihm schien, sagst du? Ist er nichtmehr am Leben,
69   Daß ihm die süße Sonne schon verglommen?«

70   Ihm schiens, da ich nicht Antwort gleich gegeben,
71   Als wollt ich sie bedenklich ihm verschieben;
72   Drum sank er um, sich niemehr zu erheben.

73   Der Stolze doch, um den ich stehengeblieben,
74   Steif hielt er Kopf und Rücken um die Wette,
75   Und Hochmut blieb dem Antlitz eingeschrieben.

76   Und »Wenn« anknüpfend neu der Rede Kette,
77   »Wenn jene Kunst sie,« sprach er, »schlecht verstünden,
78   So martert das mich mehr als dieses Bette.

79   Doch nicht wird funfzigmal sich der entzünden
80   Das Antlitz, die wir hier als Königin grüßen,
81   Bis du, wie schwer die Kunst, wirst selbst ergründen.

82   Und willst du je zur Welt zurück, der süßen,
83   Sag mir, warum in jeder Satzungsfrage
84   Dies Volk so grausam läßt die Meinen büßen?«

85   Drob ich zu ihm: »Unheil und Niederlage,
86   Die einst die Arbia färbte rot im Blute,
87   Bringt solch Gebet im Tempel dort zutage.«

88   Kopfschüttelnd seufzte er mit trübem Mute:
89   »Ich ließ mich nicht allein dazu bewegen;
90   Und tat ichs, waren meine Gründe gute.

91   Doch ich allein wars, der - als anzuregen
92   Einstimmig man gewagt, Florenz zu schleifen -
93   Offnen Visiers dem kühnlich trat entgegen.« -

94   »Soll Euer Stamm nicht heimatlos mehr schweifen,
95   So löset,« bat ich ihn, »mir diesen Knoten,
96   Drin mir verstrickt sind Urteil und Begreifen.

97   Es scheint, verstand ich richtig, daß ihr Toten
98   Voraussehn könnt, was künftige Zeiten bringen.
99   Doch für die Gegenwart scheints euch verboten.« -

100   »Weitsichtigen ähnlich sehn wir von den Dingen
101   Nur die,« sprach er, »die noch im Fernen liegen:
102   Soweit läßt unsern Blick der Höchste dringen.

103   Doch sind sie nah und wirklich, so versiegen
104   Die Sinne uns. Und giebt uns niemand Kunde,
105   Bleibt uns der Erdendinge Gang verschwiegen.

106   Drum kannst du einsehn: zu derselben Stunde,
107   wo sich der Zukunft Tor schließt, geht verloren
108   Und stirbt all unser Wissen uns im Munde.«

109   Da fühlt ich mich der Reue Stachel bohren
110   Und sprach: »Sagt dem dahingesunkenen Alten,
111   Daß seinen Sohn der Tod noch nicht erkoren;

112   Und daß ich den Bescheid zurückgehalten,
113   Weil jenem Wahn, von dem dein Wort mich heilte,
114   Vorhin noch zweifelnd die Gedanken galten.«

115   Doch schon rief mich mein Meister, drob ich eilte,
116   Noch dringlicher dem Geiste anzuliegen,
117   Daß er mir sage, wer bei ihm hier weilte.

118   Er sprach: »Mit mehr als tausend muß ich schmiegen
119   Hierdrin mich, und bei Friedrich liegt, dem Zweiten,
120   Der Kardinal. Von andern sei geschwiegen.«

121   Drauf barg er sich. Doch ich beim Rückwärtsschreiten
122   Zum alten Dichter, prüfte überdenkend
123   Die Worte, die wohl Unheil profezeiten.

124   Er ging. Und dann, den Schritt so weiterlenkend,
125   Sprach er zu mir: »Was bist du so beklommen?«
126   Ich sagte ihm den Grund, gern Antwort schenkend.

127   »Bewahr im Geist, was Bitteres du vernommen,«
128   Sprach er. Dann hob den Finger auf der Weise:
129   »Und jetzt merk dies! Bist du dorthingekommen

130   Und weilest in dem holden Strahlenkreise
131   Der schönen Augen, die das All umschließen,
132   Wird klar durch sie dir deine Lebensreise.«

133   Nun bog er links hinunter. Wir verließen
134   Den Mauerwall, verfolgten bis zur Mitte
135   Den Weg, daran ein Tal sich schließt, und stießen

136   Hieroben auf Gestank bei jedem Schritte.

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