Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 10
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 10

1   So geht mein Meister auf geheimem Pfade,
2   Der zwischen Martern sich und Mauer hinzieht,
3   Und wandelnd folg' ich hinter seinen Schultern.

4   Erhabne Kraft, die durch die sünd'gen Kreise
5   Wie dir's beliebt mich wendet, so begann ich,
6   Steh Rede und gib Antwort meinen Fragen.

7   Könnt' ich das Volk nicht sehn, das in den Gräbern
8   Hier liegt? Sind doch die Deckel all gehoben
9   Und niemand ist zu sehn, der Wache hielte? -

10   Geschlossen werden, sprach er, all die Gräber,
11   Wenn heimgekehrt sie sind von Josaphat
12   Mit ihren Leibern, die sie droben ließen.

13   Nach dieser Seite hin streckt sich der Kirchhof
14   Des Epikur und der ihm Gleichgesinnten,
15   Die mit dem Leib die Seele sterben lassen.

16   Drum soll Genüge dir alsbald hier werden,
17   Nicht auf die Frage nur, die du getan hast,
18   Nein auf die andere auch, die du verschwiegen. -

19   Da sprach ich: Guter Herr, sag' ich nicht alles,
20   So tu' ich's nur, um nicht zu viel zu reden,
21   Und öfter schon hast du mir so geraten. -

22   Toscaner, der du durch die Stadt des Feuers
23   Lebendig wandelst, so verständig redend,
24   Gefalle dir's, ein wenig hier zu weilen.

25   Mir offenbar macht deine Sprache dich
26   Als in dem edlen Vaterland geboren,
27   Dem ich vielleicht zu viel Beschwerde brachte. -

28   So tönte plötzlich aus der Gräber einem
29   Zu mir empor vernehmbar eine Stimme,
30   Weshalb ich furchtsam mich dem Führer nahte.

31   Er aber sagte: Wende dich, was tust du?
32   Sieh' Farinata dort, der sich erhoben;
33   Vom Gürtel aufwärts wirst du ganz ihn sehn. -

34   Schon hatt' ich meine Blick' auf ihn gewendet,
35   Und er erhob mit Stirne sich und Brust,
36   Als achtet' er gering die ganze Hölle.

37   Da drängten meines Führers kräftige Hände
38   Mich zwischen all den Grüften zu ihm hin,
39   Wobei er sprach: Gezählt sei'n deine Worte. -

40   Als ich gelangt zu seines Grabes Fuße,
41   Schaut er mich etwas an und fast verächtlich
42   Frug er mich drauf: Wer waren deine Ahnen? -

43   Ich aber, der bereit war zu gehorchen,
44   Verbarg ihm nichts und offenbart' ihm alles,
45   Worauf die Wimper er ein wenig aufschlug.

46   Dann sagt' er: Feindlich waren sie zuwider
47   So mir als meinen Stamm und der Partei,
48   So daß im Kampf ich zweimal sie zerstreute. -

49   Und wurden sie verjagt, so sind allseitig
50   Das ein' und andre Mal sie heimgekehrt;
51   Schlecht lernten aber diese Kunst die euren. -

52   Da richtete längs jenem ersten Schatten
53   Ein zweiter, sichtbar bis zum Kinn, sich auf:
54   Ich glaub' er hatte knieend sich erhoben.

55   Er blickte um mich, als ob er verlangte
56   Zu wissen, ob nicht sonst wer mich begleite.
57   Als aber sein Vermuten ganz erloschen,

58   Begann er weinend: Gibt des Geistes Hoheit
59   Dir Recht, durch diese Kerkernacht zu wandeln,
60   Wo ist mein Sohn dann, und warum nicht mit dir? -

61   Ich sagte drauf: Nicht von mir selber komm' ich;
62   Mich leitet jener, der dort auf mich wartet,
63   Den zu gering vielleicht eu'r Guido hielt. -

64   Verkündet hatten schon die Art der Strafe
65   Und seine Worte mir des Schattens Namen,
66   Darum war meine Antwort so erschöpfend.

67   Da schnellt' er plötzlich in die Höh' und rief:
68   Du sagst, er hielt; so lebt er denn nicht mehr,
69   Verschloß sein Auge sich dem süßen Lichte? -

70   Und als er sah, daß ich ein wenig zaudre,
71   Eh' ich ihm Antwort gab auf seine Frage,
72   Stürzt' er zurück und ward nicht mehr gesehen.

73   Doch der hochherz'ge andr', auf dessen Bitte
74   Ich stehn geblieben war, verzog die Miene
75   So wenig, wie er Hals und Hüfte wandte.

76   Und wenn, fuhr in der vor'gen Red' er fort,
77   Wenn schlecht die meinen jene Kunst erlernten,
78   Ist größre Qual mir das als dieses Bette.

79   Doch fünfzig Male nicht wird neu entzündet
80   Der Herrin Antlitz, welche hier regieret,
81   So hast, wie schwer die Kunst sei, du erfahren.

82   Und, willst zur schönen Welt du jemals kehren,
83   So sprich, warum in jeglichem Gesetze
84   So grausam mit den Meinen jenes Volk ist? -

85   Die Niederlage, sagt' ich und das Unheil,
86   Die rot von Blut der Arbia Wasser färbten,
87   Sind solcher Predigt Grund in unsrem Tempel. -

88   Als seufzend er darauf das Haupt geschüttelt,
89   Sagt' er: Da war ich nicht allein und sicher
90   Hätt' ich ohn Ursach nicht dabei geholfen.

91   Doch da war ich allein, als alle riefen,
92   Vertilgt vom Boden müsse Florenz werden,
93   Der es mit offenem Visier verteidigt. -

94   Soll jemals eu'r Geschlecht zur Ruhe kommen,
95   Beschwor ich ihn, so löset mir den Knoten,
96   In den sich mein Verständnis hier verwickelt.

97   Vernehm' ich recht, so scheint es, ihr gewahret
98   Im voraus, was die Zeit erst mit sich bringet;
99   Doch für die Gegenwart verhält sich's anders. -

100   Wir sehn gleich einem, dessen Auge schwach ist,
101   Erwidert' er, die Dinge die uns fern sind;
102   So viel vergönnt uns noch der höchste Herrscher.

103   Doch nahn sie, oder sind sie schon, so können
104   Wir sie nicht sehn, und von dem Loos der Menschen
105   Erfahren wir nur, was uns andre melden.

106   Begreifen kannst du nun, daß alles Wissen
107   Für uns erlöschen muß mit jenem Tage,
108   An dem der Zukunft Tor sich ewig zuschließt. -

109   Da sprach ich, wie von meiner Schuld betroffen:
110   Nun saget jenem, der dort niederfiel,
111   Daß bei den Lebenden sein Sohn noch weilet.

112   Wenn statt der Antwort ich vorhin verstummte,
113   So sagt ihm, es geschah, weil ich dem Irrtum
114   Schon nachsann, welchen ihr vorhin mir lös'tet. -

115   Schon aber rief zurücke mich der Meister,
116   Weshalb den Schatten ich in Eile bat,
117   Mir noch zu sagen, wer mit ihm dort weile.

118   Ich liege hier mit mehr als tausend, sagt' er;
119   Dort innen ist der zweite Friederich,
120   Sodann der Kardinal, von andern schweig' ich. -

121   Drauf barg er in der Gruft sich und ich wandte
122   Zum alten Dichter meine Schritt', erwägend
123   Was feindlich mir in jener Rede schien.

124   Mein Führer ging voran und, wie wir gingen,
125   Sagt' er zu mir: Was bist du so betreten? -
126   Ich aber gab auf seine Frage Auskunft.

127   Es wahre dein Gedächtnis, was du hörtest
128   Daß dich bedrohe, - so gebot der Weise,
129   Und sprach, den Finger hebend: Nun merk' auf:

130   Stehst du einst vor dem süßen Strahle jener,
131   Die alles sieht mit ihrem schönen Auge,
132   So hörst von ihr du deinen Lebensweg. -

133   Dann wandt' er seinen Fuß zur linken Seite;
134   Fort von der Mauer gingen wir der Mitte
135   Auf einem Pfade zu, der nach dem Tale

136   Hinführet, dessen Stank die Luft schon einnimmt.


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