Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 09
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 09

1   Des Kleinmuts Blässe, die mein Antlitz deckte,
2   Als ich den Führer sah so traurig kehren,
3   Trieb ihn, daß er die eigene Furcht versteckte.

4   Er horchte aufmerksam, alsob belehren
5   Das Ohr ihn sollte, weil nicht in die Weite
6   Das Auge drang, dem Dunst und Qualm zu wehren.

7   »Nur uns allein gebührt der Sieg im Streite,«
8   Begann er, »wenn nicht ... darf ich auf ihn pochen?
9   Wie lang doch währts bis Er an meiner Seite!«

10   Ich sah wohl, daß er sich nur unterbrochen,
11   Um mir den Schlußgedanken zu verdecken,
12   Denn anders klang, was er zuerst gesprochen.

13   Gleichwohl ließ mich sein Selbstgespräch erschrecken;
14   Denn in dem Satze, den er jäh durchschnitten,
15   Sah Schlimmres als er selbst mein Argwohn stecken.

16   »Hat je des Qualenkessels Grund beschritten
17   Von denen einer, die im ersten Kreise
18   Getäuschter Hoffnung Strafe nur erlitten?«

19   So fragt ich. »Nur sehr selten,« sprach der Weise,
20   »Geschahs, daß unsereiner ward erkoren,
21   Den Weg zu wandern, den ich jetzt durchreise.

22   Zwar ich ward einmal schon hierherbeschworen.
23   Durch der Erichtho grausige Zaubereien,
24   Die Tote weckt, schritt ich zu diesen Toren.

25   Kaum ließ mein Tod sich Fleisch und Geist entzweien,
26   Als sie mich hergesandt zu diesen Mauern,
27   Um einen Geist Judeccas zu befreien,

28   Des tiefsten Ortes, dessen finstern Schauern
29   Zufernst ums All des Himmels Räume schwingen.
30   Vertraut ist mir der Weg, drum laß dein Trauern.

31   Von einem Sumpf, draus ekle Dünste dringen,
32   Ist dieser Schmerzenswohnort rings umwunden,
33   Zu dem nur Zorn uns Einlaß kann erzwingen.«

34   Was er noch sprach, ist meinem Sinn entschwunden,
35   Weil mir der hohe Turm, starr hinzuschauen
36   Zur Zinnenglut, das Auge hielt gebunden,

37   Wo plötzlich, steil emporgereckt zum Grauen,
38   Drei blutbefleckte Höllenfurien standen:
39   Glieder und Haltung ganz wie Erdenfrauen,

40   Nur daß die Hüften grüne Hydern banden
41   Und daß, wo Haare sonst das Haupt umspinnen,
42   Sich Natternbrut und Vipern grausig wanden.

43   Und er, dem wohlbekannt die Dienerinnen
44   Der Königin niemals-ausgeweinter Zähren,
45   Er rief: »Sieh da die schrecklichen Erinnen!

46   Rechts weint Alekto, links siehst du Megären,
47   Dazwischen ist Tisiphone zu schauen.«
48   Und er verstummte mitten im Erklären.

49   Die Brust zerriß sich jede mit den Klauen,
50   Und zu der Fäuste Schlagen scholl ihr Brüllen,
51   Daß ich mich eng am Dichter hielt vor Grauen.

52   »Er werde Stein! Laß uns dein Haupt enthüllen,
53   Medusa,« kreischten sie und stierten nieder,
54   »An Theseus endlich Rache zu erfüllen!« -

55   »Dreh dich und drück aufs Auge fest die Lider,
56   wenn es bei Gorgos Anblick offenstände,
57   Du kehrtest niemals heim nach oben wieder!«

58   So rief Vergil, der - daß er selbst mich wände -
59   Sich eilte und zum Schutze des Gesichtes
60   Auf meine Hand noch legte seine Hände. -

61   Ihr, deren Geist sich freut gesunden Lichtes,
62   Bedenkt die Lehre, die mit Schleiers Hülle
63   Den Sinn bedeckt des seltsamen Gedichtes! -

64   Schon überflog ein dröhnendes Gebrülle
65   Die trüben Wogen so, alsob vor Grausen
66   Ein jedes Ufer tiefer Schreck erfülle.

67   Es klang wie Sturmwind, der mit zornigem Brausen
68   Bekämpft die Lüfte, die zuheiß-erglühten,
69   Der durch die Waldung rast mit wildem Sausen,

70   Äste knickt, abreißt, mitsichführt im Wüten,
71   Und staubaufwirbelnd stolz durchfegt die Aue,
72   Daß bang die Herden fliehn und die sie hüten.

73   Mein Auge gab er frei und sprach: »Nun schaue
74   Dein Sehnerv hin zum abgestandenen Schaume,
75   Dort, wo am beißendsten der Qualm, der graue.«

76   Wie Frösche angstvoll aus des Sumpfes Raume
77   Vor ihrer Feindin Schlange jäh zerstieben
78   Und eng sich kauern an des Ufers Saume,

79   So sah ich tausend Seelen angstgetrieben,
80   Ja mehr, vor einem fliehn, dem beim Durchschreiten
81   Des grausen Styx die Sohlen trocken blieben.

82   Die linke Hand bewegte er zuzeiten,
83   Daß er den dicken Dunst vom Antlitz bannte,
84   Denn das nur schien ihm Unmut zu bereiten.

85   Wohl merkt ich, daß der Himmel ihn entsandte,
86   Zum Meister kehrt ich mich; doch auf sein Zeichen
87   Ich stummen Neigens Ehrfurcht ihm bekannte.

88   Ha! wie er schien vor Unmut zu erbleichen.
89   Er trat ans Tor und schlugs mit einer Rute:
90   Aufsprangs, denn jedes Hemmnis mußte weichen.

91   »Himmelsverbannte, ewigen Trotz im Blute,«
92   Begann er auf der fürchterlichen Schwelle,
93   »Was führt euch zu so tollem Übermute?

94   Was trotzt dem Willen ihr von höchster Stelle,
95   Der, eurer lachend, stets sein Ziel gefunden,
96   Und euch ward mehrmals neuen Schmerzes Quelle?

97   Was hilfts, die Stirn am Schicksal zu verwunden?
98   Denkt euers Zerberus: zu seinem Glücke
99   Zeigt er nur Kinn und Hals noch heut zerschunden!«

100   Dann kehrte durch den Schlammpfad er zurücke,
101   Doch ohnedaß sein Wort an uns erginge,
102   Nein so, alsob ihn andres quäl und drücke,

103   Als unsere Sorge, die ihm zu geringe. -
104   Wir lenkten nun zur Stadt, vom heiligen Worte
105   Gesichert, daß der Eintritt uns gelinge,

106   Und schritten ungehindert durch die Pforte.
107   Ich aber, zu erkunden voll Verlangen,
108   Was einschloß dieser Festung äußere Borte,

109   Sah ringsherum, als ich hineingegangen.
110   Und rechts und links war weites Feld zu schauen,
111   Von Qual und Foltern sonder Zahl umfangen.

112   Gleichwie bei Arles, wo Rhodans Fluten stauen,
113   Gleichwie bei Pola, wo Quarnaros Wellen
114   Italien schließen, badend seine Auen,

115   Von Hügelgräbern rings die Felder schwellen,
116   So hier aus allen Seiten sie erschienen,
117   Nur daß hier schmerzlicher die Ruhestellen.

118   Zahlreiche Flammen sprühten zwischen ihnen
119   Und gaben solche Glut den Sarkophagen,
120   Daß glühender braucht kein Stahl der Kunst zu dienen.

121   All ihre Deckel standen aufgeschlagen;
122   Und drinnen wußten bittere Jammertöne
123   von Armen und Verletzten viel zu klagen.

124   »O Herr,« sprach ich, »wer sind die Unglückssöhne,
125   Die eingesargt in diesen glühenden Zwingern
126   Solch Wimmern hören lassen und Gestöhne?« -

127   »Von Ketzern starrt, von höheren und geringern,
128   Samt ihrem Troß dies Feld; und solcher Arten
129   Giebts mehr hier als du ahnst von Irrtumsbringern.

130   Die Gleichen,« schloß er, »sich mit Gleichen paarten,
131   Und mehr und minder glühen die Gräber innen.« -
132   Und rechts sich wendend gings zu neuen Fahrten

133   Zwischen den Mauern fort und hohen Zinnen.

list operone