Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 09
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 09

1   Es trieb die Blässe, mit der Furcht mich malte,
2   Die neu entstanden, schleuniger zurück.
3   Als ich des Führers Umkehr sah, die seine,

4   Aufmerkend stand er gleich dem Mann der horchet;
5   Denn durch die düstre Luft, den dichten Nebel
6   Vermochte nicht das Aug' ihn weit zu tragen.

7   Wohl müssen wir in diesem Kampfe siegen,
8   Sagt' er. Wo nicht; - doch, der's versprach, wird helfen!
9   Wie lange däucht es mir, bis Hilfe eintrifft. -

10   Ich merkte wohl, wie er der Rede Anfang
11   Durch das verdeckte, was noch hinterdrein kam;
12   Denn Worte waren's jenen widersprechend.

13   Trotzdem erschreckte mich was er gesprochen;
14   Vielleicht weil ich die abgebroch'ne Rede
15   In schlimm'rem Sinn verstand als er sie meinte.

16   Stieg wohl zu diesem Grund der traur'gen Schale
17   Jemals ein Schatten von der ersten Stufe,
18   Die keine Strafe kennt als Hoffnungsmangel? -

19   So frug ich, und er sagte drauf: Nur selten
20   Geschieht es, daß aus unsrer Mitte einer
21   Den Weg zurücklegt, welchen ich jetzt wandle.

22   Doch ist es wahr, daß ich schon einmal hier war,
23   Beschworen von der grimmigen Erichtho,
24   Die zu den Leibern ihre Seelen heimrief,

25   Seit kurzem war mein Fleisch von mir entkleidet,
26   Als sie mich eingehn hieß in diese Mauer,
27   Um einen Geist aus Judas' Kreis zu holen.

28   Der dunkelste, der tiefste Ort ist das,
29   Der fernste von dem äußersten der Himmel;
30   Der Weg ist mir bekannt, darum sei ruhig.

31   Der argen Stank ausatmende Morast
32   Umgürtet rings die Stadt der bittern Schmerzen,
33   In die wir friedlich Eingang nicht mehr finden. -

34   Noch andres sagt' er, doch mir ist's entfallen;
35   Denn schon war zu des Turmes glühndem Gipfel
36   Ich durch mein Auge mächtig hingerissen.

37   Drei Höllenfurien, ganz von Blut gerötet,
38   Sah ich mit einem Mal dort aufrecht stehn,
39   Die an Gebärd' und Gliedern Weiber schienen.

40   Gegürtet waren sie mit grünen Schlangen,
41   Blindschleichen bildeten ihr Haar und Ottern,
42   Und wanden rings sich um die grausen Schläfe.

43   Er aber sagte, weil bekannt ihm waren
44   Der Königin der Tränen Dienerinnen:
45   Blick hin, das sind die gräßlichen Erynnen!

46   Die dort zur linken Seite ist Megaera,
47   Zur Rechten weint Alekto. In der Mitte
48   Siehst du Tisiphone - und damit schwieg er.

49   Die Brust zerriß sich mit den Nägeln jede,
50   Mit Fäusten sich einander schlagend, schrien
51   So laut sie, daß ich scheu zum Meister floh.

52   Medusen bringt herbei, ihn zu versteinen!
53   So sprachen alle, auf mich niederblickend,
54   Wir rächten zu gelind des Theseus Anfall. -

55   Schnell wende dich und schließe fest die Augen!
56   Denn, zeigen sie Gorgonen und du siehst sie,
57   So kehrst du nie zur Oberwelt zurücke. -

58   So sprach mein Meister, und er selber wandte
59   Mich rückwärts. Drauf, mißtrauend meinen Händen,
60   Schloß mit den seinen auch er mir die Augen.

61   Ihr die gesund euch das Verständnis wahrtet,
62   Erwägt die Lehre wohl, die mit dem Schleier
63   Der Verse sich verhüllt, die seltsam lauten!

64   Schon aber kam daher die schmutz'gen Wellen
65   Entsetzenvollen Tones fernes Dröhnen,
66   Davon die Ufer beiderseits erbebten.

67   Dem Winde glich es, welcher, ungestüm
68   Geworden durch den Kampf von Hitz' und Kälte,
69   Sich auf den Wald mit schrankenloser Wut stürzt,

70   Die Zweige bricht, hinaus die Blüten schleudert.
71   Staubwirbelnd schreitet er, jagt übermütig
72   Die Herde wie die Hirten in die Flucht.

73   Die Augen löst' er mir und sprach: Nun richte
74   Den Nerv des Sehens längs dem alten Schaume
75   Dorthin, wo dieses Sumpfes Qualm am dicksten. -

76   Wie vor der Wasserschlange, ihrer Feindin,
77   Die Frösche alle durch die Flut entschlüpfen,
78   Bis auf den Boden jeder sich geduckt hat,

79   So sah ich Tausende verlorener Seelen
80   Vor einem fliehen, der den Übergang
81   Des Styx bewirkte, nicht die Sohlen netzend.

82   Die dicke Luft von seinem Antlitz scheuchend,
83   Bewegt' er vor sich her oftmals die Linke,
84   Und nur von dieser Pein schien er beklommen.

85   Ich spürte wohl, er sei des Himmels Bote;
86   Mein Meister aber winkte noch ausdrücklich,
87   Daß ich in Schweigen mich vor ihm verneige.

88   Wie schien er so erfüllt mir von Entrüstung!
89   Das Tor berührt er kaum mit seiner Gerte,
90   So sprang es auf trotz alles Widerstrebens.

91   Vom Himmel ausgestoßenes schnödes Volk,
92   Begann er auf der grauenvollen Schwelle,
93   Was unterfangt ihr euch so kecker Frechheit?

94   Wie wagt dem Willen ihr zu widerstreben,
95   Der niemals unerreicht sein Ziel gelassen,
96   Und öfters eure Qualen schon gemehrt hat?

97   Was hilft es dem Geschick zu widerstreben?
98   Eu'r Cerberus trägt, wenn Ihr Euch entsinnet,
99   Geschunden noch davon so Kinn als Kehle. -

100   Dann wandt' er sich zurück die schmutz'ge Straße;
101   Zu uns sprach er kein Wort und tat wie einer,
102   Den andre Sorg' in Anspruch nimmt und quälet,

103   Als die des Mannes, der ihm gegenwärtig.
104   Der Stadt zu wandten wir nunmehr die Füße
105   Voll Zuversicht auf Grund der heiligen Worte,

106   Und Eintritt ward uns ohne weitern Kampf.
107   Ich aber, der gespannt war zu erkunden
108   Die Eigenheit des Orts der so befestigt,

109   Entsandte, wie ich eintrat, rings die Blicke,
110   Und sah nach jeder Richtung weite Fläche
111   Von Schmerzen angefüllt und arger Qual.

112   Wie wo die Rhone sich bei Arles aufstaut,
113   Und wie bei Pola nahe dem Quarnaro,
114   Der Wälschland schließt und seine Grenzen netzet,

115   Der Grund uneben ist von lauter Gräbern,
116   So war er's hier auch nach jedweder Seite!
117   Nur war der Gräber Art um vieles bittrer,

118   Denn Flammen brannten zwischen Grab und Grab,
119   Und hielten sie in so gewalt'ger Glut,
120   Daß größre keine Schmiedekunst erfordert.

121   Die Decke war von jedem aufgehoben
122   Und innenher erklang so bittre Klage,
123   Daß Zeugnis sie von schweren Martern gab.

124   Und ich: O Meister, wer sind diese Schatten,
125   Die in den Grüften hier begraben scheinen
126   Und sich in Seufzern so vernehmen lassen? -

127   Drauf Er: Hier sind der Ketzereien Stifter,
128   Mit seinem Anhang von Sektierern jeder;
129   Viel voller als du denkst sind all die Gräber.

130   Mit gleichem ist der gleiche hier begraben
131   Und mehr und minder glühend sind die Särge. -
132   Als er darauf zur Rechten sich gewendet

133   Führt unser Weg uns zwischen Qual und Zinnen.


list operone