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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle

Virgil spricht, den himmlischen Boten sehnlichst erwartend, mit sich selbst. Dante nimmt Befürchtungen aus seinen Reden und fragt: ob wohl je ein Bewohner der Vorhölle in die tiefere hinabsteige? Virgil sagt ihm, es geschehe selten, doch sei er selbst, beschworen von der Zauberin Erichtho, schon einmal in dem tiefsten Höllenkreis gewesen; alles sei ihm bekannt, er möge daher getrost sein. Indem erblickt Dante auf der Zinne des ehernen Turms drei sich selbst zerfleischende Höllenfurien, Bilder der Verzweiflung, welche die Gorgo Medusa herbeirufen ihn zu versteinern. Virgil heißt ihn, sich vor dieser verhüllen und abwenden, und schirmt ihn noch mit seinen Händen. In dem schlangenumwundenen versteinernden Haupt des Wesens, welches den Tempel der Pallas, der Weisheit, geschändet, ist die Sünde aus dem Geist, der im Haupte wohnt, vorgebildet. Die Mauer, davor die Dichter stehen und welche die ganze tiefere Hölle umkreist, umschließt nähmlich keine Seelen, die, natürlichem Triebe folgend, sündigten; sondern allein solche, welche die Kraft des Geistes geschändet, indem sie dieselbe auf widernatürliches gewandt. In dem furchtbaren versteinernden Blick der Medusa ist die, göttliches Leben tötende, Macht geistiger Sünde ausgedrückt, wogegen Abwenden und das Umfangen tieferer Kenntnis, in Virgil vorgebildet, schirmt. Hierauf erscheint, gleich einem Sturmwind nahend, der himmlische Bote mit einer Rute. Alle Sünder im Sumpf und die bösen Engel und Erscheinungen auf dem Tore fliehen. Die Pforte geht auf, der Himmlische schilt die Gottlosen und schwebt zurück: die Dichter aber treten ein. Da stellt sich die Stadt innen als ein Gefilde voll offener, glühender Gräber dar, worin die Ketzer leiden. Das Licht der Wahrheit, welches ihnen zeigt, dass es ein göttliches Leben gebe, dessen sie nun nicht mehr fähig sind, peinigt sie in Gestalt ewiger Flammen und macht ihre Grüfte glühen. Der Sarg, d. h. der von ihnen behauptete Tod der Seele, ist ihre Qual.

001 Die Farbe, womit Furcht mich außen malte,
002 Als ich umkehren sahe meinen Führer,
003 Zwang schneller in ihn zurück die an ihm neue.

004 Aufmerksam stand er, wie ein Mensch der horchet;
005 Denn weit vermocht' er nicht den Blick zu senden
006 Durch dunkle Luft und angehäuften Nebel.

007 "Wir müssen dennoch siegen in den Streite,
008 Begann er: wenn nicht ... so Gewalt'ge bot sich ...
009 Wie lange dünkt mich's, ehe Jemand nahet!" -

010 Wohl sahe ich, wie wieder er den Anfang
011 Der Rede milderte mit dem was nachkam,
012 Was Worte waren jenen frühern ungleich:

013 Dem ungeachtet gab sein Sprechen Furcht mir,
014 Indem ich seine abgebrochne Rede
015 Zu schlimm'rem Sinn bezog, als sie wohl hatte.

016 "In diesen Abgrund des trübsel'gen Kessels
017 Stieg je wohl einer von der ersten Stufe,
018 Die nur bestraft mit abgeschnittner Hoffnung?"

019 Die Frage that ich; aber er: "Nur selten
020 Geschiehet es, antwortet' er: daß Einer
021 Von uns den Weg hier macht, auf dem ich gehe.

022 Wahr ist's, daß ich schon einmal war da unten,
023 Beschworen von der grausamen Erichtho,
024 Die Schatten wieder rief in ihre Leiber.

025 Seit kurzem war das Fleisch erst meiner ledig,
026 Als sie mich eingehn macht' in diese Mauer,
027 Um einen Geist aus Judas Kreis zu ziehen.

028 Das ist der tiefst' und dunkelste der Orte,
029 Der fernste auch vom Himmel, der um's All kreist:
030 Wohl weiß den Weg ich, darum sei getrost nun.

031 Der Sumpf hier, der so mächt'gen Qualm aushauchet,
032 Umgiebt ringsher die Stadt die klagevolle,
033 In die wir nun nicht ohne Zürnen dringen." -

034 Und Andres sagt' er; doch ich hab's im Sinn nicht:
035 Indem mein Auge ganz mich hingezogen
036 Zum hohen Thurme mit der glüh'nden Zinne:

037 Wo ich auf einmal schnell emporgerichtet
038 Drei Höllenfurien sah, mit Blut gefärbte,
039 Die Weiber-Glieder und Geberden hatten,

040 Umgürtet mit den allergrünsten Hydern.
041 Zu Haaren hatten Schlängelchen sie und Schlangen,
042 Womit die harten Schläfen umwunden waren.

043 Und Jener, der gar wohl die Mägde kannte
044 Der Königin des endelosen Weinens,
045 "Schau, sagt' er mir: die grimmigen Erinnen!

046 Die ist Megära, auf der linken Seite,
047 Die, welche weint zur Rechten, ist Alecto,
048 Tisiphone ist mitten." - Danach schwieg er.

049 Mit ihren Klau'n zerriß die Brust sich jede:
050 Sie schlugen sich mit Fäusten, schrien so laut auf,
051 Daß ich mich an den Dichter drängt' aus Bängniß.

052 Medusa komm, daß wir zu Stein ihn machen!
053 Schrien alle sie, indem sie niederschauten:
054 Zu schlecht an Thesus rächten wir den Anfall!" -

055 "Kehr' rückwärts dich und halt' verhüllt dein Antlitz;
056 Denn, wenn sich Gorgo zeigt und du ersähst sie,
057 So gäb' es keine Wiederkehr nach oben!" -

058 So sprach der Meister, und er selber wandte
059 Mich und verließ sich nicht auf meine Hände,
060 Daß er mich nicht mit seinen noch umschirmet.

061 O ihr, die ihr gesunde Sinne habet,
062 Betrachtet wohl die Lehre, die sich birget
063 Unter dem Schleier der fremdart'gen Verse! -

064 Und schon kam, über jene trüben Wogen,
065 Das Krachen eines Schalles, voll Entsetzen,
066 Davon erbebeten die Ufer beide,

067 Gethan nicht anders, als von einem Sturmwind,
068 Der, ungestüm durch sich entgegne Gluten,
069 Den Wald zerpeitscht und, sonder einen Aufhalt,

070 Gezweig zerspellt und abreißt und entführet:
071 Staubwirbelnd vorwärts wandelt er mit Stolze,
072 Und macht die Thiere fliehen und die Hirten. -

073 Die Augen löst' er mir und sprach: "Nun richte
074 Den Nerv des Sehns auf den uralten Schaum hin,
075 Dort wo am allerherbsten ist das Qualmen.

076 Gleichwie Frösche, vor der Feindin Schlange,
077 Sich durch das Wasser allesammt entfernen,
078 Bis sie sich wieder all' am Grunde sammeln;

079 Sah mehr als tausend Seelen ich verstöret
080 Vor Einem fliehen, welcher bei der Furth da
081 Den Styx durchwandelte mit trocknen Sohlen.

082 Vom Antlitz wehrt' er sich die schwere Luft ab,
083 Vorwärts bewegend oftmals seine Linke,
084 Und nur von dem Befängniß, schien es, litt er.

085 Wohl merkt' ich, daß vom Himmel er gesandt war,
086 Und wandte mich zum Meister, und er winkte,
087 Daß still ich wäre und mich jenem neigte. -

088 Ach, wie erschien derselbe mir voll Zürnens:
089 Zur Pforte kam er und mit einer Ruthe
090 That er sie auf, da war für ihn kein Aufhalt.

091 "Vom Himmel ausgejagte Gräuelschaaren!
092 Begann er auf der fürchterlichen Schwelle:
093 Wovon ernährt in Euch sich solch' Vermessen?

094 Warum denn schlagt Ihr aus gen jenen Willen,
095 Dem nie das Ziel kann abgeschnitten werden,
096 Und welcher mehrmals Euch das Weh gemehrt hat?

097 Was hilft's mit Häupten gen das Schicksal stoßen?
098 Dort Euer Cerberus, gedenkt ihr dessen?
099 Trägt jetzo noch enthaart so Kinn wie Kehle!" -

100 Drauf wandt' er sich zurück die schmutz'ge Straße
101 Und sprach zu uns kein Wort, gethan als Einer,
102 Den andre Sorge mehr beeilt und mahnet,

103 Als dessen, welcher eben vor ihm stehet. -
104 Wir regten unsre Füße zu der Stadt hin,
105 Nunmehr gesichert, nach den heil'gen Worten.

106 Ein gingen wir nun sonder alles Streiten;
107 Ich aber, der Verlangen trug zu spähen
108 Die Art, die so gethane Festung einschließt,

109 Wie ich darin war, sende rings die Augen:
110 Und schau nach jeder Hand hin groß' Gefilde,
111 Voll Wehelauts und schreckenvoller Marter.

112 Gleichwie bei Arles, wo der Rhodan stehn bleibt,
113 Gleichwie bei Pola nahe am Quarnaro,
114 Der Welschland schließt und seine Gränzen netzet,

115 Die Gräber rings die Flur uneben machen,
116 So thaten sie es auch hier nach allen Seiten:
117 Nur daß die Weise hier um vieles bittrer:

118 Da zwischen den Grabstätten Flammen waren
119 Vertheilt, davon sie ganz so glühend waren,
120 Daß heißer Eisen kein Gewerb' erfordert.

121 All' ihre Deckel waren aufgehoben
122 Und draus entstiegen solche harte Klagen,
123 Daß wohl von Traur'gen sie uns Wunden schienen.

124 Und ich: "O Meister wer sind diese Schaaren,
125 Die, eingeschlossen hier in diesen Särgen,
126 Sich hören lassen mit so wehen Seufzern?" -

127 Und er zu mir: "Da innen sind die Ketzer
128 Mit ihren Folgern, jeder Art, und viel mehr
129 Als du vermeinest sind erfüllt die Grüfte.

130 Der Gleiche ist hier bestattet mit dem Gleichen,
131 Und mehr und minder glühend sind die Särge." -
132 Drauf gingen wir, zur linken Hand gewendet,

133 Zwischen den Gräbern und den hohen Zinnen.

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