Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 08
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 08

1   Weiterberichtend sag ich, daß uns lange,
2   Eh wir zum Fuß des hohen Turms gekommen,
3   Die Blicke zog zu seines Daches Hange

4   Ein Flämmchenpaar, das wir dort sahen entglommen,
5   Und dem fernher ein drittes Antwort kündet,
6   So fern, daß es dem Auge blieb verschwommen.

7   Blickend zum Meer, drin alle Weisheit mündet,
8   Begann ich: »Welch Gespräch wird hier gepflogen
9   Von diesen zwein? Und wer hat sie entzündet?« -

10   »Schon kannst du sehen auf den schmutzigen Wogen
11   Das, was ich zu erwarten im Begriffe,«
12   Sprach er, »wenn dirs der Sumpfqualm nicht entzogen.«

13   Kein abgeschossener Pfeil jemals durchpfiffe
14   Die luftige Bahn mit solcher Blitzesschnelle,
15   Als ich es sah von einem winzigen Schiffe,

16   Das grade auf uns zuschoß durch die Welle;
17   Ein Mann nur drin, ders lenke und beschütze.
18   Der schrie: »Bist du, verruchter Geist, zur Stelle?« -

19   »Phlegias, Phlegias, dein Schreien ist nichts nütze
20   Für diesmal,« hört ich meinen Weggenossen.
21   »Dein sind wir nur zur Überfahrt der Pfütze.«

22   Wie jemand merkt, daß ihm ein großer Possen
23   Gespielt sei, drob ihn Zorn will schier besiegen,
24   Hielt Phlegias seine Wut insich verschlossen.

25   Mein Führer war ins Boot hinabgestiegen
26   Und hieß nach ihm mich nehmen meine Stelle.
27   Erst als ich drinnen, schien es schwer zu wiegen.

28   Kaum daß im Schiff ich saß und mein Geselle,
29   Sah ich den alten Kiel vondannen eilen
30   Und tiefer furchen wohl als sonst die Welle.

31   Als wir den toten Graben so zerteilen,
32   Taucht ein Beschlammter auf und schreit: »Wer immer
33   Du seist, du kommst zu frühe, hier zu weilen.«

34   Und ich zu ihm: »Ich kam, doch bleib ich nimmer.
35   Doch wer bist du, so schmutzig und abscheulich?«
36   Er sprach: »Du siehst es, einer voll Gewimmer.«

37   Und ich: »So sei - verdammt und unerfreulich -
38   Weinend und klagend ewig hier gefunden!
39   Dich kenn ich, schwärzt dich der Morast auch greulich.«

40   Da hielt er jede Hand ums Bord gewunden,
41   Daß ihn der kluge Meister mußt verjagen,
42   Rufend: »Weg! troll dich zu den andern Hunden.«

43   Drauf er, den Arm um meinen Hals geschlagen,
44   Mich küssend sprach: »O Seele, glutenvolle,
45   Gesegnet sei der Schoß, der dich getragen.

46   Auf Erden lebte dieser Hochmutstolle
47   Derart, daß nichts wird seinen Namen loben;
48   Drum zürnt auch hier sein Schatten noch im Grolle.

49   Wie viele schilt man große Fürsten droben,
50   Die hier im Kot wie Säue werden stehen,
51   Nachlassend grause Flüche nur dortoben.«

52   Drauf ich: »Gern, Meister, möcht ich eines sehen,
53   Daß er von dieser Tunke kosten müßte,
54   Bevor ans Land wir aus dem Sumpfe gehen.«

55   Und er zu mir: »Noch eh die andere Küste
56   Uns naht, wirst du es schauen mit Behagen.
57   Befriedigung fordert billig solch Gelüste.«

58   Kurz drauf sah ich erbärmlich ihn geschlagen
59   Von einer Schar der Kot- und Mistbeschlammten:
60   Gott will ich ewig Lob und Dank drum sagen!

61   »Packt den Argenti!« schrien die Zornentflammten.
62   Da sah ich selbstzerfleischen sich mit Bissen
63   Aus Wut den florentinischen Verdammten.

64   Hier trennten wir uns -mehr nicht lohnt zu wissen;
65   Doch drang ans Ohr mir jetzt solch schmerzhaft Brüllen,
66   Daß ich vorspähend das Auge aufgerissen.

67   Der gute Meister sprach: »Bald wird enthüllen
68   Sich dir ein Ort, mein Sohn: Dis heißt die Stätte,
69   Die scharenweis bösartige Bürger füllen.« -

70   »Schon konnt ich, Meister, ihre Minarette,«
71   Sprach ich, »im Talgrund voneinander trennen.
72   Dort glühts, alsob es Feuer insich hätte.«

73   Und er: »In ihrem Schoß das ewige Brennen
74   Macht solche Röte diese Stadt gewinnen.
75   Bald läßt die untere Hölle dichs erkennen.« -

76   Einlenkten wir in tiefe Grabenrinnen,
77   Die jene hoffnungslose Stadt umschlangen.
78   Mir schienen eisern Mauerwerk und Zinnen.

79   Nicht ohne einen großen Umweg drangen
80   Wir dahin, wo des Fergen barsche Worte
81   »Steigt aus, hier ist der Eingang!« uns erklangen.

82   Himmelsverbannter sah ich an der Pforte
83   Tausend und mehr, und trotzig schrien die Frechen:
84   »Wer ists, der in des toten Volkes Orte

85   Als Unverstorbner wagt dreist einzubrechen?«
86   Mein weiser Meister aber gab ein Zeichen,
87   Er wolle insgeheim mit ihnen sprechen.

88   Da mocht ihr großer Grimm ein wenig weichen.
89   Sie riefen: »Komm allein; doch den laß fliehen,
90   Der vorlaut sich gedrängt zu unsern Reichen.

91   Allein soll er die Narrenstraße ziehen
92   Nach Haus, wenn es ihm glückt! Doch du wirst bleiben,
93   Der ihm ins Nachtgefild Geleit verliehen.«

94   Ob mich der Mut verließ: muß ichs beschreiben,
95   O Leser, bei so schnöder Worte Klange?
96   Wer würde meine Heimkehr hier betreiben?

97   »O teuer Führer, der mich, wenn mir bange,
98   Schon siebenmal und öfter hat beschwichtet
99   Und mich entriß dem unheilvollsten Zwange,

100   Nicht laß mich,« bat ich, »sonst bin ich vernichtet.
101   Und ists verwehrt uns, weiter vorzudringen,
102   Sei schnell auf Rückkehr unser Sinn gerichtet.«

103   Doch jener Herr, befugt mich herzubringen,
104   Sprach zu mir: »Fürchte nichts; denn unsere Reise
105   Hemmt keiner, läßt uns höhere Macht gelingen.

106   Drum harre hier, und neu mit Hoffnung speise
107   Den schwachen Mut; denn nie wird es geschehen,
108   Daß ich dich lasse hier im tiefen Kreise.«

109   So geht er hin und läßt mich einsam stehen,
110   Der holde Vater; und in Zweifelsbangen
111   Laß durch den Kopf ich Ja und Nein mir gehen. -

112   Nicht konnt ich hören, was dort vorgegangen;
113   Doch lang nicht blieb er stehen zu kurzem Worte,
114   Als alle in die Stadt im Wettlauf sprangen.

115   Die Widersacher schlugen zu die Pforte
116   Dicht vor des Meisters Brust. So ausgeschlossen,
117   Kam langsam er zurück zu mir am Orte,

118   Gesenkten Blicks, dem aller Mut entflossen.
119   »Wer ists, der mir zu wehren sich gelüste
120   Des Jammers Haus?« So seufzt er leis-verdrossen.

121   Und dann zu mir: »Ob ich mich auch entrüste,
122   Erschrick nur nicht; denn ich besteh die Proben,
123   Wie man dadrin sich auch mit Abwehr brüste.

124   Alt ist solch Trotz! Man sah bereits ihn toben
125   An einer weniger-geheimen Pforte,
126   Vor die seitdem kein Riegel ward geschoben:

127   Du sahest über ihr die Todesworte.
128   Und diesseits schon den Abhang niederschreitet,
129   Der keinen Führer braucht durch diese Orte -

130   Solcher, der Zutritt uns zur Stadt bereitet.«


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