Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 08
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 08

1   Fortfahrend sag' ich, daß schon eine Weile
2   Eh wir zum Fuß des hohen Turms gelangten,
3   Zu seiner Höh' sich unser Auge wandte;

4   Denn aufgesteckt war dort ein Fackelpaar,
5   Und eine dritt' erwiderte das Zeichen,
6   So fern, daß sie das Auge kaum gewahr ward.

7   Ich sprach, gewandt zum Meer jedweder Weisheit,
8   Was will dies Feuer sagen, was entgegnet
9   Das andre, und wer sind, die sie entzündet? -

10   Er sagte: Schon kann auf den schmutzgen Wellen,
11   Was zu erwarten steht, dein Blick gewahren,
12   Wenn dich der Nebel nicht am Sehn verhindert. -

13   Nie schnellte einen Pfeil des Bogens Sehne,
14   Der so geschwind die Luft durchschnitten hätte,
15   Als über's Wasser her im Augenblick

16   Ein Schifflein ich auf uns zukommen sah,
17   Geleitet nur von einem einz'gen Fährmann.
18   Der schrie: Bist du nun da, verworfne Seelen? -

19   O Phlegyas, entgegnete mein Meister,
20   Vergeblich ist für diesmal dein Geschrei;
21   Zur Überfahrt nur sollst du uns besitzen. -

22   Wie wer vernimmt von schmählichem Betruge,
23   Der ihm gespielt ward und darob ergrimmet,
24   So ward, verbissnen Zornes, Phlegyas

25   Mein Führer stieg hernieder in den Nachen,
26   Und, da ich dann auf sein Geheiß ihm folgte,
27   Schien als ich eintrat, erst der Kahn beladen.

28   Als beide wir uns nun im Schiff befanden,
29   Durchschnitt auf seiner Fahrt der alte Kiel
30   Mehr Wasser, als er tut, trägt er nur Schatten.

31   Und während wir den toten Moor befuhren,
32   Taucht' einer vor uns auf, den Schlamm bedeckte:
33   Wer bist du, rufend, der du vor der Zeit kommst? -

34   Ich sagte: Kam ich, ist's nicht um zu bleiben,
35   Doch wer bist du, daß du so ganz besudelt? -
36   Drauf er: Das siehst du: einer der da weinet. -

37   Ich aber sprach: In Weinen und in Trauer
38   Verbleibe denn, du fluchbeladner Schatten!
39   Wohl kenn' ich dich, wenn du auch ganz beschmutzt bist. -

40   Da griff er nach dem Kahn mit beiden Händen;
41   Doch eilig stieß der Meister ihn zurück
42   Und sagte: Pack' dich mit den andern Hunden! -

43   Mir aber schlang er um den Hals die Arme.
44   Mein Antlitz küssend sprach er: Eiferseele,
45   Gesegnet sei der Schoß der dich getragen!

46   Ein Mensch voll Hochmut war im Leben jener;
47   Nicht eine Tugend schmückt sein Angedenken,
48   Drum ist sein Schatten hier von Wut entbrannt.

49   Wie viele dünken Könige sich jetzt,
50   Und werden Säuen gleich im Kot hier stecken,
51   Dort aber Schande nur und Schmach verlassen. -

52   Ich sagte: Meister wohl wär ich begierig
53   Zu seh'n, wie man ihn taucht in diese Brühe
54   Bevor wir hinter uns den See gelassen. -

55   Und er zu mir: Noch eh' die andre Küste
56   Sich dir gezeigt, wirst du befriedigt werden.
57   Die Lust, die du begehrst, sollst du genießen. -

58   Nicht lange drauf ward von den Schlammbedeckten
59   Vor meinen Augen jener so geschüttelt,
60   Daß, dankend, Gott darum noch heut' ich preise.

61   Sie alle schrie'n: Es gilt Philipp Argenti! -
62   Und der ergrimmte Florentiner Schatten
63   Zerfleischte sich mit seinen eigenen Zähnen.

64   Wir ließen ihn. Nicht mehr von ihm erzähl ich;
65   Denn meine Ohren traf ein Schmerzenslaut,
66   Weshalb ich angestrengt nach vorne blicke.

67   Der gute Führer sagte: Sohn, es nahet
68   Bereits die Stadt sich, welche Dis genannt wird,
69   Voll schwerer Bürger und voll großer Scharen. -

70   Ich sagte: Meister, ihre Minarette
71   Erblick' ich wahrlich schon im Tale drunten,
72   Rotschimmernd als ob Feuer sie durchglühte. -

73   Darauf entgegnet er: Die ew'gen Flammen,
74   Darin sie brennen, färben sie so rot,
75   Wie du gewahrst in dieser niedern Hölle. -

76   Wir fuhren in die tiefen Gräben ein,
77   Die die verzweiflungsvolle Stadt umgeben;
78   Die Mauern schienen mir von festem Eisen.

79   Indes nach langem Umweg erst gelangten
80   An einen Ort wir, wo mit lauter Stimme
81   Der Fährmann rief: Steigt aus, hier ist der Eingang! -

82   Ich sah wohl tausend, welche einst vom Himmel
83   Geregnet, bei dem Tor, die zornig sagten:
84   Wer ist der eine denn, der ohne Tod

85   Das Reich des toten Volkes so durchwandert? -
86   Vorsorglich gab mein Führer zu erkennen,
87   Daß er geheim mit ihnen reden wollte.

88   Da dämpften sie den wilden Zorn ein wenig
89   Und sagten: Komm allein. Umkehre dann
90   Der so verwegen eindrang in dies Reich.

91   Allein geh' er den tör'gen Weg zurücke,
92   Wenn er ihn finden kann. Du aber bleibe,
93   Der durch so dunkles Land ihn hergeleitet. -

94   Nun denk' dir, Leser, ob ich ward entmutigt
95   Beim Tone der vermaledeiten Worte;
96   Gewiß, ich dachte nimmer heimzukehren.

97   O teurer Führer, der du siebenmal
98   Und öfter Sicherheit zurück mir gabest,
99   Und mich aus dringender Gefahr befreitest,

100   Verlaß mich nicht in solchen Nöten, sagt' ich;
101   Ist uns das Weitergehn verwehrt, so laß uns
102   Gemeinsam rückwärts unsren Pfad durchmessen. -

103   Mein Meister, der bis dorthin mich geführt
104   Erwiderte: Sei furchtlos, unsre Reise
105   Kann niemand hemmen, solche Bürgschaft hat sie.

106   Nun aber bleibe hier, und speis' und stärke
107   Den müden Geist mit Hoffnung und Vertrauen,
108   Daß in der untern Welt ich dich nicht lasse. -

109   Also verläßt mich, also geht von dannen
110   Der süße Vater, und zurück in Sorgen
111   Bleib' ich, weil ja und nein im Haupt mir streiten.

112   Was er zu ihnen sprach kann ich nicht sagen;
113   Doch lange hatt' er nicht geweilt mit ihnen,
114   Als um die Wett' in's Tor ein jeder eilte.

115   Die Pforte schlossen unsre Widersacher
116   Vor meinem Herrn, dem sie den Einlaß wehrten
117   Und der die Schritte zögernd zu mir wandte.

118   Die Augen senkt' er nieder, von den Brauen
119   Schien jeder Mut geschwunden, und mit Seufzen
120   Sagt er: Wer wehrte mir des Schmerzes Wohnstatt? -

121   Drauf wandt' er sich zu mir: Erzürn' ich gleich,
122   So fürchte deshalb nicht, denn siegen werd' ich,
123   Was man zur Abwehr drinnen auch versuche.

124   Nicht neu ist solche Frechheit mir an ihnen;
125   An weniger geheimem Tor, das seitdem
126   Verschlußlos blieb, bewährten sie sie schon.

127   Auf ihm gewahrtest du die tote Inschrift.
128   Diesseits von ihm steigt schon den Abhang nieder,
129   Durchschneidend ohne Führer all die Kreise,

130   Der, dessen Macht uns wird die Pforte öffnen. -


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