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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
L. G. Blanc - Die Göttliche Komödie - Hölle

Fortfahrend sag' ich, daß um vieles früher,
Als wir am Fuß des hohen Thurmes waren,
Wir zu dem Gipfel unsre Blicke sandten.

Weil aufgesteckt zwei Flammen wir dort sahn,
Und fernhin eine dritte dem entsprechend,
So fern daß kaum das Aug' es mocht erreichen.

Und ich gewandt zum Meere aller Einsicht,
Sprach: Was heißt das? und was erwidert dort
Das andre Feu'r, und wer sind die 's entzünden? 009

Und er zu mir: Schon auf den schmutz'gen Wogen
Kannst du erkennen, was man hier erwartet,
Wenn nicht des Sumpfes Dampf es dir verbirgt.

Wohol nie durchschnitt so schnellen Laufs die Luft
Ein Pfeil von seiner Sehne fortgetrieben,
Als ich ein kleines Schiff im Augenblick

Auf uns zu durch das Wasser kommen sah,
Unter der Leitung eines einz'gen Rudrers.
Der schrie: Bist du nun da, ruchlose Seele? 018

Phlegias, Phlegias, du schreist vergebens,
Sprach mein Gebieter drauf, für dieses mal
Hast du uns nur beim Uebergang des Sumpfes.

Gleich wie ein Mensch, dem arg ist mitgespielt,
Wenn er's erfährt, sich tief darüber grämet,
So Phlegias bei dem gehäuften Grimme.

In's Schifflein stieg nunmehr hinab mein Führer,
Und ließ darauf nach ihm auch mich einsteigen,
Und erst als ich drin war, schien es beladen. 027

Sobald als beide wir im Schifflein waren,
Zieht gleich der alte Kahn durch das Gewässer,
Mit tieferm Gang als er mit andern pflegt.

Als wir den todten Graben so durchschifften,
Trat einer kothbesudelt mir entgegen,
Und sprach: Wer bist du, der vorzeitig ankommt?

Und ich: Wenn ich auch komme, bleib' ich nicht;
Doch du, wer bist du, der du so besudelt?
Du siehst, sprach er, daß einer ich der weinet. 036

Und ich zu ihm: So bleib, verwünschter Geist,
Mit Weinen und mit Trauern nur allhier,
Wohl kenn' ich dich, obgleich du ganz beschmutzt bist.

Mit beiden Händen griff er nach dem Schiffe,
Weshalb der kluge Meister ihn zurückstieß,
Und rief: Fort! dahin, zu den andern Hunden!

Den Hals umschlang er mir mit beiden Armen,
Mich küssend sprach er dann: Zürnende Seele,
Gebenedeit sei die dich geboren! 045

Der war dort oben einst ein zorn'ger Mensch,
Nichts Gutes blieb von ihm in der Erinnrung,
Und so ist wüthend nun auch hier sein Schatten.

Wie viele werden hier, wie Säu' im Kothe
Stehn, die man dort für große Kön'ge hielt,
Gräuliche Schande nur zurückelassend.

Und ich: Mein Meister, sehr würd' ich mich freuen,
Säh ich eintauchen ihn in diese Brühe,
Eh diesen See wir hinter uns gelassen. 054

Und er zu mir: Bevor du noch das Ufer
Des Sees erblickt, wirst du befriedigt werden;
Denn dieses Wunsches sollst du dich erfreuen.

Und kurz darauf sah' ich die koth'gen Leute
Mit jenem so verfahren, daß noch immer
Ich Gott im Herzen dafür lob und danke.

Sie schrien alle: Auf Philipp Argenti!
Und jener grimm'ge Florentiner Geist,
Zerfleischte wüthend sich mit eignen Zähnen. 063

Mehr sag' ich nicht, als daß wir dort ihn ließen,
Denn mein Gehört traf jetzt ein Schmerzenslaut,
Weshalb hinstarrend ich das Auge aufriß.

Der gute Meister sprach: Nunmehr, mein Sohn,
Naht sich die Stadt, die Dite wird genannt,
Mit den belasteten zahlreichen Bürgern.

Und ich: Mein Meister, ich erblicke schon
Unten im Thale deutlich ihre Thürme
Geröthet, gleich als ob sie aus dem Feuer 072

Gekommen. Doch er sprach: Das ew'ge Feuer,
Das innen sie erhitzt, zeigt sie so glühend,
Wie du in dieser tiefen Hölle siehst.

Bald kamen in die tiefen Gräben wir,
Die jene jammervolle Stadt umgürten;
Die Mauern schienen mir als wär'n sie Eisen.

Nicht ohne großen Umweg erst zu machen
Gelangten wir ans Ziel, wo unser Fährmann
Steigt aus! uns zurief, denn hier ist der Eingang. 081

Ich sah wohl mehr als tausend die vom Himmel
Hinabgestürzt, ingrimmig an dem Thore
Uns zuschrie'n: Wer ist der, der ohne Tod

Das Reich des todten Volkes so durchwandelt?
Mein weiser Meister aber gab ein Zeichen,
Er wolle heimlich erst mit ihnen sprechen.

Drauf zähmten sie den großen Zorn ein wenig
Und sprachen: Komm allein! doch der mag fortgehn,
Der sich so kühn in dieses Reich gewagt! 090

Allein mag er den tollen Weg zurückgehn!
Versuch er, ob er's kann! denn du bleibst hier,
Der durch die dunkle Gegend ihn geleitet.

Denk dir, o Leser nun, wie mir der Muth sank
Beim Klange der vermaledeiten Worte;
Denn nimmer glaubt' ich je zurückzukehren!

O theurer Führer mein, der mehr als sieben
Mal mich ermuthigt und mich hast entrissen
Großer Gefahr, die mir entgegenstand: 099

Laß nicht, sprach ich, mich so vernichtet hier!
Und ist das Weitergehen uns versagt,
Laß mit einander rasch zurück uns kehren.

Und der Gebieter, der mich hergeführt,
Sprach: Fürchte nichts! denn unsern Weg kann keiner
Uns hemmen, da ein Solcher ihn gewähret.

Du aber warte hier, speis' und ermuntre
Den matten Geist in dir mit guter Hoffnung!
Nicht laß ich dich in dieser tiefen Welt. 108

So geht er hin, und läßt mich dort alleine,
Der süße Vater, und ich bleib' im Zweifel,
Denn ja und nein bekämpfen sich in mir.

Nicht hören konnt' ich, was er ihnen darbot,
Doch lange blieb er nicht bei ihnen stehn,
Als jeder um die Wette rasch zurücklief.

Die Thore schlossen sie vor'm Angesicht
Meinem Gebieter, der da draußen blieb,
Und sich zu mir zögernden Schrittes wandte. 117

Gesenkt den Blick, die Augenbrauen baar
Jeglicher Kühnheit sagten seine Seufzer:
Wer hat die Schmerzenswohnung mir versagt?

Und zu mir sprach er: Wie sehr ich auch zürne,
Erschrick du nicht! der Sieg ist mir gewiß,
Was drinnen auch zum Widerstand sich rüste.

Ihr übermüth'ger Trotz, der ist nichts Neues,
An weniger geheimem Thore übten
Sie einst ihn, das seitdem blieb unverschlossen. 126

Die todte Inschrift hast du dort gesehen.
Schon steigt diesseits von ihm hinab die Steile,
Ohne Geleit durch alle Kreise wandelnd,

Ein Solcher, der die Stadt uns öffnen wird.

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