Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 07
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 07

1   Pape, Satan, Pape Satan, Aleppe! -
2   So hub mit rauher Stimme Pluto an;
3   Doch, alles wohlerkennend, sprach der Weise

4   Mir gütig zu: Laß nimmer dich von Furcht
5   Beirren; denn, wie groß auch seine Macht sei,
6   Wird sie des Felsens Abstieg dir nicht rauben. -

7   Dann wandt' er sich zu dem geduns'nen Antlitz
8   Und sagte: Schweig vermaledeiter Wolf!
9   Verzehre deine Wut im eignen Herzen.

10   Nicht Willkür heißt zur Nacht uns niedersteigen;
11   Dort oben will man es, wo Michael
12   Des Hochmuts Hurerei zu rächen wußte. -

13   Wie Segel, aufgebläht vom günstigen Winde,
14   Zusammenfallen, wenn der Mast zerbricht,
15   So fiel zu Boden dieses grimme Untier.

16   Wir aber gingen ein zur vierten Lache,
17   Das Ufer voller Schmerz noch mehr umkreisend,
18   Das alles Weh der Welt in sich begreift.

19   O göttliche Gerechtigkeit, wer häufte
20   Die Strafen all, die Qual auf, die ich sah?
21   Warum schafft unsre Schuld uns solche Leiden?

22   Wie dort an der Charybdis eine Welle
23   Sich an der andern bricht, auf die sie stößt,
24   So wirbelten die Schatten hier zusammen.

25   Des Volkes mehr als anderwärts noch sah ich,
26   Das, mit der Brust sich gegenstemmend, Lasten
27   Von beiden Seiten wälzte mit Geheule.

28   Sie stießen aufeinander, und dann wandte
29   Zur Stelle jeder sich und wälzte rückwärts
30   »Was hältst du fest?« »Was wirfst du von dir?« rufend.

31   So kehrten zum entgegenstehenden Punkte
32   Im dunklen Kreis' allseitig sie zurück,
33   Das Lied des Hohns sich unablässig singend.

34   Und wer durchmessen seinen Halbkreis, drehte
35   Zu neuem Aufeinanderstoß sich um.
36   Ich, dessen Herz von Mitleid fast durchbohrt war,

37   Begann: O Meister jetzt verkünde mir,
38   Wer diese sind, und ob die Tonsurierten
39   Zu unsrer Linken alle geistlich waren? -

40   Drauf er: Im ersten Leben waren alle
41   So geistig blind, daß sie nichts ausgegeben,
42   Wobei das rechte Maß sie eingehalten.

43   Ihr eigner Ruf gibt dessen bellend Kunde,
44   Wenn, wo der Schuld Verschiedenheit sie trennt,
45   Sie an des Kreises Enden sich begegnen.

46   Die, deren Wirbel unbehaart ist, waren
47   Geistlichen Standes, Päbst' und Kardinäle,
48   In denen Geiz sein höchstes Maß erreichet. -

49   Und ich: O Meister, unter diesen Schatten
50   Vermut ich mehrere, die mir bekannt sind,
51   Weil sie mit solcher Sünde sich beschmutzten. -

52   Der Meister aber sprach: Dein Wahn ist irrig.
53   Das einsichtslose Leben, das sie führten,
54   Verdunkelt sie für jegliches Erkennen.

55   Zum Doppelanprall kommen sie auf ewig.
56   Geschornen Haupts erstehn noch aus dem Grabe
57   Die einen, mit geschlossener Faust die andern.

58   Verkehrtes Geben oder Halten raubte
59   Den Himmel ihnen, treibt zu diesem Kampf sie,
60   Den dir zu schildern ich die Worte spare.

61   Erkennen kannst du nun den kurzen Wahn
62   Der Güter, die dem Glück sind übergeben
63   Und die zu so viel Streit die Welt entflammen.

64   Denn alles Gold, das jetzt sich unterm Monde
65   Befindet, oder je befand, vermöchte
66   Nicht eine dieser Seelen zu befried'gen -

67   Drauf sagt' ich, Meister, offenbare mir
68   Was jenes Glück ist, dessen du gedachtest,
69   In dessen Klau'n die Erdengüter sind? -

70   Und er zu mir: O törichte Geschöpfe,
71   Wie schwer umnachtet euch Unwissenheit.
72   Nimm achtsam in dich auf nun meine Lehre!

73   Er, dessen Wissen alles übersteiget,
74   Erschuf die Himmel, gab jedwedem Lenker,
75   So daß in gleichbemess'ner Lichtverteilung

76   Ein jeder jeden andern Teil bestrahlet.
77   So auch zur allgemeinen Lenkerin
78   Der Erdengüter ordnet' er Fortuna,

79   Die jenen eitlen Glanz zur rechten Stunde
80   Von Volk zu Volk, von Stamm zu Stamm vertausche,
81   Entrückt der Gegenwehr von Menschenklugheit.

82   Nach ihrem Urteilsspruch, der sich verborgen,
83   So wie die Schlang' im Grase hält, geschieht es,
84   Daß ein Geschlecht regiert, ein andres kranket.

85   Machtlos ist gegen sie eu'r ganzen Wissen;
86   Sie überlegt, beschließet und vollstreckt
87   In ihrem Reiche so wie andre Götter.

88   Nicht Rast, nicht Ruhe kennt ihr ewger Wandel;
89   Notwendigkeit beflügelt ihre Schritte,
90   So oft geschieht's daß die Geschicke wechseln.

91   An's Kreuz geschlagen wird sie von gar vielen
92   Auch unter denen, welche Preis ihr schulden
93   Und sie mit Unrecht tadeln und verläumden;

94   Doch unberührt bleibt sie von solcher Rede
95   Mit andern erstgeschaffnen Wesen lenket
96   Sie freudig ihre Sphär' in Seligkeit.

97   Laß nun zu größrer Qual uns niedersteigen
98   Schon senkt sich jeder Stern, der als ich aufbrach
99   Emporstieg, längres Weilen ist nicht statthaft. -

100   Das Tal zum andern Ufer hin durchschneidend
101   Gelangten wir zu einem Quell, der siedet
102   Und niederwärts durch einen Graben abfließt.

103   Es war sein Wasser schwarz mehr als nur dunkel
104   Und im Geleite seiner finstren Wellen
105   Führt' uns ein Pfad hinab, der rauh und seltsam.

106   Styx heißt der Sumpf, den dieser traur'ge Bach
107   Am Fuß der unheilvollen Felsen bildet,
108   Von deren grauer Wand er in das Tal fließt.

109   Und ich, der sorglich umzuschaun bemüht war,
110   Sah schlammbedeckte Leut' in jenem Sumpfe
111   Ganz nackend und mit zornerregten Zügen.

112   Nicht nur mit Händen schlugen sie einander,
113   Sie stießen sich mit Kopf und Brust und Füßen,
114   Zerfleischten sich durch Bisse gegenseitig.

115   Mein Meister aber sagte: Sohn hier siehst du
116   Die Seelen derer, die der Zorn bezwungen.
117   Doch mögest du als gleich gewiß mir glauben,

118   Daß andres Volk noch unterm Wasser seufzet
119   Und diesen Sumpf die Blasen werfen läßt,
120   Die dir dein Auge zeigt wohin du's wendest.

121   Im Schlamme steckend sagen sie: Wir waren
122   Unmutig in der süßen lichten Luft,
123   Weil unser Herz des Trübsinns Qualm benommen;

124   Jetzt trauern wir mit Recht im schwarzen Moore. -
125   Doch gurgeln sie dies Lied nur in der Kehle,
126   Weil sie's voll auszusprechen nicht vermögen. -

127   Damit umkreisten wir im weiten Bogen
128   Die schmutz'ge Lache zwischen Mitt' und Ufer,
129   Die Augen zugewandt den Schlammverschluckern;

130   Dann kamen wir zu eines Turmes Fuße.


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