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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Georg van Poppel - Die Göttliche Komödie - Hölle

„Page Satan, pape Satan aleppe ...”,
Ließ Plutus seine rauhe Stimme plärren;
Doch daß ich mich mit böser Furcht nicht schleppe,

Sprach der Erfahrne: „Laß dich nur nicht zerren
Von deiner Angst: was Machtstück er auch liefer,
Den Felsenabstieg kann er dir nicht sperren.”

Und dann sich wendend zum geschwollnen Kiefer:
„Halt ein und zehr mit deiner Raserei
Dich selber auf, vermaledeit Gezief er!

Wir kommen nicht umsonst zur Wüstenei;
Man will es so, wo Michael die Rache
Vollzog an stolzer Hochverräterei.”

Wie die vom Wind geblähte Segelblache
Zusammenschlottert, wenn der Mast zerknackt ist,
So klappt' zu Boden da der grause Drache.

Wir sind im vierten Kreis; ein weitrer Trakt ist
Zurückgelegt vom jammerreichen Schachte,
Wo alles Weh des Weltalls eingesackt ist.

Gerechter Gott! Wer bracht die Foltern,
brachte Die neuen Mühn zuhauf, die ich gesehen?
Warum schafft eigne Schuld uns dies Gesehmachte?

Gleichwie die Fluten der Charybdis gehen
Und sich, an Gegenbrandung prallend, hemmen,
So muß sich hier das Volk im Rundtanz drehen.

Noch nirgends sah ich solche Schar sich klemmen,
Wie unter Wutgeheul hier mit dem Rumpfe
Von rechts und links sie Lasten vorwärtsstemmen.

Sie stießen aufeinander und die stumpfe
Gesellschaft kehrt' und grölend war die Tonart:
„Was wirfst du weg?” - „Was hütest du im Kumpf e?”

So kreisten beiderseits in düstrer Fronart
Sie bis zum andern Punkt, und es bekundet'
Ihr Heulen immerfort die gleiche Hohnart.

Wer seinen halben Bogen dann gerundet,
Kehrt' wieder zum Turnier auf seine Spuren;
Und ich, der ich mein Herz fühlt wie verwundet,

Begann: „Nun deut mir, Meister, die Figuren:
Was ist's für Volk, das sich nach links gewendet?
Sind's alle Kleriker mit den Tonsuren?”

Drauf sagt' er mir: „Sie waren so verblendet
Im Geiste allesamt im ersten Leben,
Daß niemals sie mit rechtem Maß gespendet.

Und ihr Gekläff wird klar dir Zeugnis geben,
Wenn sie im Kreis an die zwei Punkte kommen,
Wo Schuld sie trennt durch gegensätzlich Streben.

Die ohne Haarbedeckung sind die Frommen:
Die Priester, mancher Papst und Kardinal,
Die, deren Geiz den Gipfel hat erklommen.”

Ich sagte: „Meister, unter dieser Zahl
Scheint mir, daß manchen ich erkennen müsse,
Der unrein war durch solch ein Sündenmal”.

Doch er versetzt': „Da ziehst du falsche Schlüsse!
Was sie befleckt, entzieht sie dem Erkennen:
Ihr unerkenntlich Leben voll Genüsse.

Sie müssen stets zu den zwei Stößen rennen;
Die einen werden mit geschloßnen Händen,
Die andern kahlgerupft vom Grab sich trennen.

Es brachte sie schlecht Sparen und schlecht Spenden
Ums schöne Leben und zum ewigen Laufe.
Und was für Lauf! Ich mag kein Wort dran wenden.

Da kannst du sehn, mein Sohn, wie schnell vertraufe
Der Tand Fortuna anvertrauter Güter,
Um die die Menschheit anhebt solch Geraufe.

Gesetzt, es wäre alles Goldes Hüter,
Das unterm Monde ist und war, nicht stauen
Ließ' eins sich der ermüdeten Gemüter.”

Ich sprach: „Noch wolle, Meister, mir vertrauen:
Wer ist Fortuna, die das Gut der Erde
So, wie du sagtest, hält in ihren Klauen?”

Und er erwidert': „O ihr blöde Herde,
Was tappt zum Schaden ihr in Finsternissen!
So nimm denn auf, was ich dir sagen werde:

Er, dessen Wissen über alles Wissen,
Erschuf die Himmel und gab ihnen Leitung,
Daß nicht ein Teil den Schimmer mag vermissen

Des andern Teils, zu gleicher Glanzverbreitung;
So gab er allen Erdenherrlichkeiten
Solch eine Schaffnerin zur Wegbegleitung,

Von Volk zu Volk das eitle Gut zu leiten,
Von Blut zu Blut, im Wechsel ohne Dauer,
Mag Menschenwitz ihr Widerstand bereiten.

Drum sonnt sich dieses Volk, und dem wird's sauer,
Wie sie entscheidet, immer im Verstecke,
Der Schlange gleich, im Grase auf der Lauer.

Umsonst, daß eure Weisheit drob sich recke:
Wie ihres Reichs die anderen Gewalten,
Pflegt ihres sie, bestellt's und führt's zum Zwecke.

Bei ihrem Wechsel gibt 's kein Innehalten:
Der Notzwang läßt sie immer weiterjagen;
So muß sich manches Los oft umgestalten.

Das ist sie, die so oft ans Kreuz geschlagen,
Wär sie zu loben manchmal auch gescheiter
Als ungerecht mit Schimpf sie anzuklagen.

Sie aber hört das nicht; beseligt heiter
Mit andern Urgeschöpfen sich zu zeigen,
Wälzt sie beseligt ihre Kugel weiter.

Nun komm, zu größeren Leid hinabzusteigen.
Kein Säumen mehr! Die Sterne, beim Beginne
Der Wandrung steigend, seh ich schon sich neigen.”

Den Kreis durchquerten wir und hielten inne
Am andern Rand, wo eine heiße Quelle
Hervorsprießt und enteilt in eine Rinne.

Viel dunkler noch als Purpur war die Welle;
Da sind wir, von der trüben Flut begleitet,
Hinabgelangt an einer Schreckensstelle.

Zu einem Sumpf, der Styx genannt wird, breitet
Sich dieser Trauerbach, wo er zum Grunde
Des grauenhaften grauen Abhangs gleitet.

Und ich, der achtsam stand bei dem Befunde,
Sah in der Lache Schlammbedeckte, Nackte;
Von heftigem Zorn gab ihr Gebaren Kunde.

Nicht nur, daß man sich mit den Händen packte,
Man schlug mit Kopf und Brust und Füßen, während
Man mit den Zähnen sich in Stücke hackte.

„Schau dort, mein Sohn”, sprach da Vergil erklärend,
„Das Volk, das sich vom Zorne ließ besiegen.
Fest sollst du glauben auch, der du hier gärend

Die Fläche siehst: noch viel im Wasser liegen.
Von ihrem Seufzen kommen diese Blasen,
Wo du nur hinschaust, rings heraufgestiegen.

‚Wir waren trüb’, im Sumpf versenkt sie rasen,
‚in süßer Luft, vom Sonnenschein erheitert,
Weil unsre Brust erfüllt von trüben Gasen.

Jetzt hat der Trübsinn sich im Pfuhl erweitert’
Den Hymnus gurgeln sie in ihrem Schlunde,
Weil ihr Bemühen um klaren Ausdruck scheitert.”

Um diesen Kotteich sind in weiter Runde,
Auf die Verschlämmten schauend, wir gegangen,
Grad zwischen Felsenriff und Mittelgrunde,

Bis wir zu eines Turmes Fuße drangen.

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