Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 07
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 07

Plutus, der altheidnische Gott der Reichthümer, erhebt sich wider die Wandernden, wolfartig dämonisirt, mit drohendem Geprahle; sinkt aber nichtig zusammen, als Virgil ihn an des prachtstolzen Lucifer Sturz erinnert. Nun gelangen sie ungehindert in den vierten Kreis hinab. Hier sehen sie schwere Lasten mit Geheul wälzen, hin und her, von den Seelen derer, denen das Erraffen oder Vergeuden der irdischen Schätze den Frieden nahm, "der Anfang ist und Urgrund jeder Wonne" (s. Hölle 1/58 u. 78). Wie Lucifers Schönheit, wie Plutus Geprahl schwindet jenseits die nichtige Freude am glänzenden Reichthum, er wird nun, vor dem erwachten Bewußtsein der nur daran gewöhnten Seele, ein dunkler Klump, eine häßliche Last, von welcher sie sich nicht mehr losmachen kann, womit sie sich nun alle Ewigkeit hindurch fortplagt, ruhelos und friedlos. Geizige und Verschwender wälzen sich hier in geschiednen Halbkreisen die Lasten zu, stoßen auf einander und werfen sich gegenseitig ihr nichtiges Treiben vor; nur um wieder umzukehren, wieder aufeinander zu stoßen und sich wieder zu fragen: warum sie halten und warum sie rollen? Dante glaubt einige der Seelen zu erkennen, Virgil aber sagt ihm, er täusche sich: weil sie das göttliche Leben gänzlich verkannt haben und nur im Staube gewühlt, seien sie als Seelen unkenntlich und dunkel von Schmutz. Der Dichter Gespräch wendet sich nun auf die Vertheilerin irdischer Güter, auf Fortuna. Dante will sie, die allgemeine Ansicht in sich vorbildend, als ein dämonisches Wesen, mit Klauen betrachten; Virgil aber schilt in ihm die Thorheit der Sterblichen und sagt ihm: Fortuna, von Gott zur Bewegerin der irdischen Schimmer bestellt, rolle, gleich den andern Lichtmächten des Himmels (s. Paradies 2/127), menschlicher Einsicht unerreichbar, ihre wechselnde Sphäre, selig erhaben über dem Schelten sich selbst trügender Sterblicher. Hierauf gelangen die Wanderer, den Kreis durchschneidend, zu einem Quell, der, den Zorn vorbildend, überkocht. Seinem Abflusse folgend, kommen sie in den fünften Kreis, wo das Wasser den heißen Sumpf Styx bildend. Hierein finden sie die zornerfüllten Seelen versenkt, die sich einander ewig stoßen und mit Zähnen zerreißen. Sie fühlen nun durch Andre, wie lästig sie Andern geworden. Tief unter ihnen im Grundschlamm sind, die sich selbst das sonnenheitre Leben durch faule Grämelei getrübt. Ihr trauriges Bewußtsein umgiebt sie nun in Gestalt faulen Schlammes. Die Dichter aber umwandeln einen großen Bogen des schmutzigen Sees, bis sie zuletzt am Fuße eines Thurmes anlangen.

001 "Empor Satan, steig auf in Glanz, du Alpha!"
002 Hub jetzo Plutus an mit heis'rer Stimme;
003 Allein der edle Weise, wohlvertrauet

004 Mit Allem, sprach, zu trösten mich: "Nicht schade
005 Dir deine Bängniß; welche Macht er habe,
006 Nicht soll er dir vom Fels zu steigen wehren!"

007 Drauf wandt' er sich zur aufgeblasnen Lefze
008 Zurück und sagte: "Schweige, Wolf, verfluchter!
009 Verzehre dich in dir mit deinem Grimme!

010 Nicht sonder Fug ist dieser Gang zur Tiefe:
011 Man will dort oben ihn, wo Michael einst
012 Die Rache nahm an prangendstolzer Schändung!"

013 Gleichwie vom Winde die geblähten Segel
014 Verwickelt fallen, wenn der Mast zerschellt ist:
015 So viel zur Erden das grausame Unthier.

016 So stiegen wir hinab zur vierten Tiefung,
017 Stets mehr einnehmend des qualvollen Randes,
018 Der alles Weh der Welt in sich einsacket.

019 Gerechtigkeit des Herrn, wer faßt so viele
020 Der neuen Mühn und Plagen, als ich sahe?
021 Warum muß unsre Schuld uns so verderben!

022 Wie dort die Woge pflegt auf der Charybdis,
023 Die sich mit der bricht, gegen sie anrennt:
024 So muß das Volk sich hier im Reigen wenden.

025 Hier sah ich zu viel Volk mehr, als wo anders,
026 Von dieser Seit; und der, mit großem Heulen,
027 Gewicht'ge Lasten wälzend, kraft des Busens.

028 Sie stießen gen einander, und doch wandten
029 Sich Alle wieder hier, zurücke wälzend,
030 Schrien: "Warum hältst du?" und die "Warum rollst du?"

031 So kehrten sie zurück, im düstern Kreis hin,
032 Von jeder Hand zur Stelle gegenüber,
033 Und riefen wieder sich ihr schändend Lied zu.

034 Drauf wandte Jeder sich, wie er gelangt war,
035 Durch seinen Halbkreis, zu dem neuen Stoßkampf;
036 Ich aber, dessen Herz beinah zerknirscht war,

037 Begann: "O Meister sage mir nunmehro
038 Welch' Volk dies, und: ob alle geistlich waren,
039 Die tonsurirt sind, hier zu unsrer Linken?" -

040 Und er zu mir: "All' mit einander waren
041 So blind an Geist in ihrem ersten Leben,
042 Daß keine Spende sie gethan mit Maßen:

043 Es bellt dies klar genug aus ihre Stimme,
044 Erreich sie im Kreis die beiden Stellen,
045 Wo Schuld sie, die sich widerspricht, entzweiet.

046 Die waren geistlich, die nicht haar'ge Deckung
047 Am Haupte tragen, Päbst' und Kardinäle,
048 In denen Geiz das Aeußerste zu thun pflegt." -

049 Und ich: "O Meister, von den so Beschaffnen,
050 Möcht ich vielleicht wohl einige erkennen,
051 Die unrein waren von dergleichen Uebeln." -

052 Und er zu mir: "Du machst dir leere Bilder:
053 Was sie beschmutzt', ihr nichts erkennend Leben
054 Macht sie nun dunkel jeglichem Erkennen.

055 Sie kommen ewig zu den zweien Stößen:
056 Die werden auferstehen, aus dem Grabe,
057 Die Faust geschlossen, - die mit dünnen Haaren.

058 Schlecht spenden und schlecht hegen raubte ihnen
059 Die schöne Welt und stellte zu dem Streit sie:
060 Wie dieser sei - dazu schmück' ich nicht Worte!

061 Nun Söhnlein, kannst du sehn das kurze Scherzen
062 Der Güter, die Fortunen anbefohlen,
063 Um die der Menschen Heer sich so zerstürmet!

064 Denn alles Gold, das unterm Mond hienieden
065 Ist oder war, von diesen matten Seelen
066 Könnt' es nicht eine einz'ge ruhen machen." -

067 "O Meister, sprach ich: Sag' mir weiter: jene
068 Fortuna, welche du mir nennst, wer ist sie,
069 Die so die Güter dieser Welt in Klau'n hat?" -

070 Und er zu mir: "O thörige Geschöpfe,
071 Wie viel Unwissenheit ist's, die Euch lähmet!
072 Jetzt nimm in deinen Mund hin meine Lehre:

073 Er, dessen Wissen Alles übersteiget,
074 Erschuf die Himmel und satzt' ihnen Lenker,
075 Daß jeder Theil nach jedem Theile strahle,

076 Gleichmäßig überall das Licht vertheilend:
077 Dem gleich bestellt er auch den ird'schen Schimmern
078 Gemeinsam eine Schaffnerin und Fürstin,

079 Die änderte, nach Zeit, die eitlen Güter
080 Von Volk zu Volk, von diesem Blut auf andres:
081 Ganz außer aller Wehr der Menscheneinsicht.

082 Drum herrschet ein Geschlecht, das andre schmachtet,
083 Folgend derselben Richterspruche, welcher
084 Verborgen ist, wie in dem Gras die Schlange.

085 Eure Einsicht kommt mir ihr niemals zu Streite:
086 Sie schaut, urtheilt und herrscht in ihrem Reiche
087 So fort, wie andre Götter in den ihren.

088 Ihre Umwälzungen kennen keinen Stillstand:
089 Nothwendigkeit macht sie so flüchtig eilen:
090 Oft giebt's da einen, der Umsturz erfähret!

091 Das ist sie, die so oft ans Kreuz gebracht wird,
092 Von denen auch, die wohl sie loben sollten,
093 Die ihr mit Unrecht Schimpf und Schande leihen.

094 Doch sie ist selig und hört nicht auf Solches:
095 Und, mit den andern Erstgeschaffnen heiter,
096 Rollt ihre Sphära sie, in sel'ger Wonne.

097 - Nun steigen wir hinab zu größrer Pein'gung!
098 Schon sinkt jedweder Stern, deer erst emporstieg,
099 Als ich mich hub, und Säumen wird verwehret."

100 Den Kreis durchschnitten wir zum neuen Absturz
101 Ob einem Quell, der überkocht und abfließt,
102 Durch eine Klüftung, die von ihm genagt wird.

103 Das Wasser war viel trüber noch als grauroth:
104 Wir aber, im Geleit der fahlen Wogen,
105 Gelangten nieder auf ungleichem Pfade.

106 Es bildet einen Sumpf, der Styx benannt ist,
107 Der traur'ge Bach, wenn er hinabgekommen,
108 Am Fuße der bösartigen, grauen Ufer,

109 Und ich, der da begierig war zu spähen,
110 Sah schmutz'ge Schaaren in derselben Lache,
111 Nackt allesamt und sehr erzürnten Ansehns.

112 Dieselben stießen sich, nicht nur mit Fäusten:
113 Nein, mit dem Haupt auch und mit Brust und Füßen:
114 Mit Zähnen sich in Stück' und Fetzen reißend.

115 Der gute Meister sprach: "Mein Sohn, nun schaue
116 Die Seelen Jener, welche Zorn besiegt hat:
117 Auch will ich, daß du es als sicher glaubest,

118 Daß unterm Wasser Schaaren sind, die seufzen,
119 Und dieses Wasser aufwärts wallen machen,
120 Wie dir das Auge sagt, wo es sich hinkehrt.

121 Im Schlamme sagen sie: "Wir waren elend,
122 In jener süßen Luft, die sich der Sonne
123 Erfreuet, trägen Qualm im Herzen tragend!

124 Jetzt härmen wir uns hier, im schwarzen Grundschlamm!"
125 Den Hymnus stammeln sie aus ihrer Kehle;
126 Weil sie ihn ganzen Worts nicht sagen können." -

127 So, großen Bogen jenes schmutz'gen Pfuhles
128 Umgingen, zwischen trocknem Rand und Sumpf, wir,
129 Mit Augen spähend, wer des Schmutzes einschlingt.

130 Wir kamen zum Fuß eines Thurms am Ende.

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