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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle

Plutus, der altheidnische Gott der Reichthümer, erhebt sich wider die Wandernden, wolfartig dämonisirt, mit drohendem Geprahle; sinkt aber nichtig zusammen, als Virgil ihn an des prachtstolzen Lucifer Sturz erinnert. Nun gelangen sie ungehindert in den vierten Kreis hinab. Hier sehen sie schwere Lasten mit Geheul wälzen, hin und her, von den Seelen derer, denen das Erraffen oder Vergeuden der irdischen Schätze den Frieden nahm, "der Anfang ist und Urgrund jeder Wonne" (s. Hölle 1/58 u. 78). Wie Lucifers Schönheit, wie Plutus Geprahl schwindet jenseits die nichtige Freude am glänzenden Reichthum, er wird nun, vor dem erwachten Bewußtsein der nur daran gewöhnten Seele, ein dunkler Klump, eine häßliche Last, von welcher sie sich nicht mehr losmachen kann, womit sie sich nun alle Ewigkeit hindurch fortplagt, ruhelos und friedlos. Geizige und Verschwender wälzen sich hier in geschiednen Halbkreisen die Lasten zu, stoßen auf einander und werfen sich gegenseitig ihr nichtiges Treiben vor; nur um wieder umzukehren, wieder aufeinander zu stoßen und sich wieder zu fragen: warum sie halten und warum sie rollen? Dante glaubt einige der Seelen zu erkennen, Virgil aber sagt ihm, er täusche sich: weil sie das göttliche Leben gänzlich verkannt haben und nur im Staube gewühlt, seien sie als Seelen unkenntlich und dunkel von Schmutz. Der Dichter Gespräch wendet sich nun auf die Vertheilerin irdischer Güter, auf Fortuna. Dante will sie, die allgemeine Ansicht in sich vorbildend, als ein dämonisches Wesen, mit Klauen betrachten; Virgil aber schilt in ihm die Thorheit der Sterblichen und sagt ihm: Fortuna, von Gott zur Bewegerin der irdischen Schimmer bestellt, rolle, gleich den andern Lichtmächten des Himmels (s. Paradies 2/127), menschlicher Einsicht unerreichbar, ihre wechselnde Sphäre, selig erhaben über dem Schelten sich selbst trügender Sterblicher. Hierauf gelangen die Wanderer, den Kreis durchschneidend, zu einem Quell, der, den Zorn vorbildend, überkocht. Seinem Abflusse folgend, kommen sie in den fünften Kreis, wo das Wasser den heißen Sumpf Styx bildend. Hierein finden sie die zornerfüllten Seelen versenkt, die sich einander ewig stoßen und mit Zähnen zerreißen. Sie fühlen nun durch Andre, wie lästig sie Andern geworden. Tief unter ihnen im Grundschlamm sind, die sich selbst das sonnenheitre Leben durch faule Grämelei getrübt. Ihr trauriges Bewußtsein umgiebt sie nun in Gestalt faulen Schlammes. Die Dichter aber umwandeln einen großen Bogen des schmutzigen Sees, bis sie zuletzt am Fuße eines Thurmes anlangen.

"Empor Satan, steig auf in Glanz, du Alpha!"
Hub jetzo Plutus an mit heis'rer Stimme;
Allein der edle Weise, wohlvertrauet

Mit Allem, sprach, zu trösten mich: "Nicht schade
Dir deine Bängniß; welche Macht er habe,
Nicht soll er dir vom Fels zu steigen wehren!"

Drauf wandt' er sich zur aufgeblasnen Lefze
Zurück und sagte: "Schweige, Wolf, verfluchter!
Verzehre dich in dir mit deinem Grimme!

Nicht sonder Fug ist dieser Gang zur Tiefe:
Man will dort oben ihn, wo Michael einst
Die Rache nahm an prangendstolzer Schändung!"

Gleichwie vom Winde die geblähten Segel
Verwickelt fallen, wenn der Mast zerschellt ist:
So viel zur Erden das grausame Unthier.

So stiegen wir hinab zur vierten Tiefung,
Stets mehr einnehmend des qualvollen Randes,
Der alles Weh der Welt in sich einsacket.

Gerechtigkeit des Herrn, wer faßt so viele
Der neuen Mühn und Plagen, als ich sahe?
Warum muß unsre Schuld uns so verderben!

Wie dort die Woge pflegt auf der Charybdis,
Die sich mit der bricht, gegen sie anrennt:
So muß das Volk sich hier im Reigen wenden.

Hier sah ich zu viel Volk mehr, als wo anders,
Von dieser Seit; und der, mit großem Heulen,
Gewicht'ge Lasten wälzend, kraft des Busens.

Sie stießen gen einander, und doch wandten
Sich Alle wieder hier, zurücke wälzend,
Schrien: "Warum hältst du?" und die "Warum rollst du?"

So kehrten sie zurück, im düstern Kreis hin,
Von jeder Hand zur Stelle gegenüber,
Und riefen wieder sich ihr schändend Lied zu.

Drauf wandte Jeder sich, wie er gelangt war,
Durch seinen Halbkreis, zu dem neuen Stoßkampf;
Ich aber, dessen Herz beinah zerknirscht war,

Begann: "O Meister sage mir nunmehro
Welch' Volk dies, und: ob alle geistlich waren,
Die tonsurirt sind, hier zu unsrer Linken?" -

Und er zu mir: "All' mit einander waren
So blind an Geist in ihrem ersten Leben,
Daß keine Spende sie gethan mit Maßen:

Es bellt dies klar genug aus ihre Stimme,
Erreich sie im Kreis die beiden Stellen,
Wo Schuld sie, die sich widerspricht, entzweiet.

Die waren geistlich, die nicht haar'ge Deckung
Am Haupte tragen, Päbst' und Kardinäle,
In denen Geiz das Aeußerste zu thun pflegt." -

Und ich: "O Meister, von den so Beschaffnen,
Möcht ich vielleicht wohl einige erkennen,
Die unrein waren von dergleichen Uebeln." -

Und er zu mir: "Du machst dir leere Bilder:
Was sie beschmutzt', ihr nichts erkennend Leben
Macht sie nun dunkel jeglichem Erkennen.

Sie kommen ewig zu den zweien Stößen:
Die werden auferstehen, aus dem Grabe,
Die Faust geschlossen, - die mit dünnen Haaren.

Schlecht spenden und schlecht hegen raubte ihnen
Die schöne Welt und stellte zu dem Streit sie:
Wie dieser sei - dazu schmück' ich nicht Worte!

Nun Söhnlein, kannst du sehn das kurze Scherzen
Der Güter, die Fortunen anbefohlen,
Um die der Menschen Heer sich so zerstürmet!

Denn alles Gold, das unterm Mond hienieden
Ist oder war, von diesen matten Seelen
Könnt' es nicht eine einz'ge ruhen machen." -

"O Meister, sprach ich: Sag' mir weiter: jene
Fortuna, welche du mir nennst, wer ist sie,
Die so die Güter dieser Welt in Klau'n hat?" -

Und er zu mir: "O thörige Geschöpfe,
Wie viel Unwissenheit ist's, die Euch lähmet!
Jetzt nimm in deinen Mund hin meine Lehre:

Er, dessen Wissen Alles übersteiget,
Erschuf die Himmel und satzt' ihnen Lenker,
Daß jeder Theil nach jedem Theile strahle,

Gleichmäßig überall das Licht vertheilend:
Dem gleich bestellt er auch den ird'schen Schimmern
Gemeinsam eine Schaffnerin und Fürstin,

Die änderte, nach Zeit, die eitlen Güter
Von Volk zu Volk, von diesem Blut auf andres:
Ganz außer aller Wehr der Menscheneinsicht.

Drum herrschet ein Geschlecht, das andre schmachtet,
Folgend derselben Richterspruche, welcher
Verborgen ist, wie in dem Gras die Schlange.

Eure Einsicht kommt mir ihr niemals zu Streite:
Sie schaut, urtheilt und herrscht in ihrem Reiche
So fort, wie andre Götter in den ihren.

Ihre Umwälzungen kennen keinen Stillstand:
Nothwendigkeit macht sie so flüchtig eilen:
Oft giebt's da einen, der Umsturz erfähret!

Das ist sie, die so oft ans Kreuz gebracht wird,
Von denen auch, die wohl sie loben sollten,
Die ihr mit Unrecht Schimpf und Schande leihen.

Doch sie ist selig und hört nicht auf Solches:
Und, mit den andern Erstgeschaffnen heiter,
Rollt ihre Sphära sie, in sel'ger Wonne.

- Nun steigen wir hinab zu größrer Pein'gung!
Schon sinkt jedweder Stern, deer erst emporstieg,
Als ich mich hub, und Säumen wird verwehret."

Den Kreis durchschnitten wir zum neuen Absturz
Ob einem Quell, der überkocht und abfließt,
Durch eine Klüftung, die von ihm genagt wird.

Das Wasser war viel trüber noch als grauroth:
Wir aber, im Geleit der fahlen Wogen,
Gelangten nieder auf ungleichem Pfade.

Es bildet einen Sumpf, der Styx benannt ist,
Der traur'ge Bach, wenn er hinabgekommen,
Am Fuße der bösartigen, grauen Ufer,

Und ich, der da begierig war zu spähen,
Sah schmutz'ge Schaaren in derselben Lache,
Nackt allesamt und sehr erzürnten Ansehns.

Dieselben stießen sich, nicht nur mit Fäusten:
Nein, mit dem Haupt auch und mit Brust und Füßen:
Mit Zähnen sich in Stück' und Fetzen reißend.

Der gute Meister sprach: "Mein Sohn, nun schaue
Die Seelen Jener, welche Zorn besiegt hat:
Auch will ich, daß du es als sicher glaubest,

Daß unterm Wasser Schaaren sind, die seufzen,
Und dieses Wasser aufwärts wallen machen,
Wie dir das Auge sagt, wo es sich hinkehrt.

Im Schlamme sagen sie: "Wir waren elend,
In jener süßen Luft, die sich der Sonne
Erfreuet, trägen Qualm im Herzen tragend!

Jetzt härmen wir uns hier, im schwarzen Grundschlamm!"
Den Hymnus stammeln sie aus ihrer Kehle;
Weil sie ihn ganzen Worts nicht sagen können." -

So, großen Bogen jenes schmutz'gen Pfuhles
Umgingen, zwischen trocknem Rand und Sumpf, wir,
Mit Augen spähend, wer des Schmutzes einschlingt.

Wir kamen zum Fuß eines Thurms am Ende.

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