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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
B. Carneri - Die Göttliche Komödie - Hölle

Den vierten Kreis betretend, der die Geizigen (Habsüchtigen) und Verschwender umfaßt (die entgegengesetzten Laster kommen an denselben Ort, um über sich selbst sich klarer zu werden), stoßen die Dichter auf den alten Gott des Reichtums Pluto, der hier machtlos lebt. Verschwender und Habsüchtige wälzen hier unaufhörlich riesige Lasten gegen einander. Hier bietet sich Virgil die Gelegenheit zu den treffendsten Aussprüchen über die Göttin Fortuna und deren Walten. Weiter schreitend steigen die Dichter zum fünften Kreis hinab, wo in dem vom heißen >Styx gebildeten Sumpf die Zornmütigen sich balgen, während auf seinem Grund die Trägen schmachten. Beim Umwandeln des Sumpfes erblickt Dante einen rätselhaften Turm.

„Pape Satan, pape Satan aleppe!”
Schrie Pluton auf, die Stimme rauh vor Zorn.
Jedoch der Feine, Kluge, dem nichts fremd,

Tröstete mich: „Sieh' zu, daß dir die Furcht
Nicht schade; mag er noch so mächtig sein,
Er wird dir diesen Abstieg nicht verwehren”. -

Dann, an das giftgeschwollene Maul gewendet,
Rief er: „Schweig' still, vermaledeiter Wolf,
Verzehr' in dir all deine wilde Wut!

Nicht ohne Grund ist dieser Gang ins Dunkel;
Man will es in der Höh', wo Michael
Der stolzgebornen Schändung Rächer war”. -

Gleichwie die sturmgeblähten Segel stürzen
In sich zusammen, wann der Mast zersplittert:
Hinsank das Ungetüm bei diesem Wort.

Zum vierten Kreise niedersteigend, legten
Wir einen großen Teil des Schlunds zurück,
Der alles Elend dieser Welt umfaßt.

O göttliche Gerechtigkeit, wer häuft
So viel des Leids auf, als ich hier geschaut!
Wie mag doch unsre Schuld so schwer sich rächen!

Den Wogen gleich, die dort bei der Charybdis
Mit den entgegenströmenden sich kreuzen,
Drehn hier die Schatten sich in wilden Reigen.

Unzähl'ge waren da zu sehn, die heulend
Mit aller Kraft der angestemmten Brust
Riesige Lasten gen einander wälzten.

Und aneinander prallend, drehten sie
Sich um, wie rasend schreiend durcheinander:
Was hältst du fest? Was lässest du nun los? -

So kehrten in dem düstern Kreis von einer
Seite zur andern alle stets zurück
Mit ihrem schmählich höhnenden Gesang;

Und wie der Halbkreis war durchschritten, ging
Des Wälzens schwere Not von neuem an.
Der Anblick schnürte mir das Herz zusammen,

Und: „Meister”, rief ich, „magst zu mir erklären,
Wer diese sind; sag', ob die Tonsurierten
Hier links alle Geistliche gewesen?” -

Und er zu mir: „Im Leben alle
Geistig geschielt, und diese wußten niemals,
Ausgebend, sich an rechte Maß zu halten.

Verständlich sagt dies ihrer lauten Stimme
Gekläff, wann sie gelangen an die Grenze
Des Kreises, die sie scheidet von den andern.

Die hier, die haarlos an des Hauptes Wirbel,
Geistliche waren's. Päpste, Kardinäle,
Bei denen Habsucht stieg zum höchsten Gipfel”. -

„Doch sollt' ich”, fragt' ich weiter, „unter diesen
Nicht manche kennen, die dort oben einst
Mit jenem bösen Übel sich besudelt?” -

Und er zu mir: „Das ist ein eitler Wunsch:
Sie haben so verkannt des Lebens Wert,
Daß nun ihr Schmutz sie macht unkenntlich allen.

Auf ewig währt dies Aneinanderprallen,
Und wird geschoren einst dem Grab der Eine,
Mit festgeschloss'ner Faust der andr' entsteigen.

Schlecht geben und schlecht halten hat den Himmel
Ihnen genommen, und entfacht den Kampf,
Den du hier siehst; ich brauch' ihn nicht zu schildern.

D'raus kannst du ersehn, mein Sohn, welch kurzen Wahn
Die Güter bilden in Fortunas Hand,
Um die wie rasend sich die Menschen streiten.

Nicht alles Gold, das unterm Mond noch ist
Und jemals war, könnt' einem dieser Müden
Die süße Wohlthat wahrer Ruh' gewähren”. -

„Meister”, erwidert' ich, „nun sag' mir auch,
Diese Fortuna, die du nennst, was ist sie,
Die so mit Klauen hält der Erde Güter?” -

Und er zu mir: „Schwachsinnige Geschöpfe,
Wieviel Unwissenheit umnachtet Euch!
Mein Sohn, nun sollst mein Urteil du vernehmen.

Der, dessen Willen alles überragt,
Erschuf die Himmel all und ihre Lenker,
Daß jeder Teil den anderen bestrahlt

In ewig gleichbemess'ner Lichtverteilung;
Und gleicherweise gab dem ird'schen Glanz
Er eine Führerin, die jederzeit

Von Volk zu Volk, von Blut zu Blut verteilt
Die Güter dieser Welt, der Menschenklugheit
Und allem ihren eiteln Wahn zum Trotz;

Drum herrscht der ein' und wird erdrückt der andre
Wie' erfordert ihr verborgner Urteilspruch,
Unsichtbar allen wie die Schlang' im Gras.

Der Widerspruch der Menschen gilt ihr nichts;
Sie sorgt voraus und richtet, unbeschränkt
In ihrem Reiche gleich den andern Göttern.

Was sie verfügt, erleidet keinen Aufschub,
Notwendigkeit macht eilig sie, denn plötzlich
Erscheint oft einer, den die Reihe trifft.

Die Göttin ist's, gar oft ans Kreuz geschlagen
Von jenen selbst, die Lob ihr sollten spenden,
Und sie nur schmähn mit ungerechtem Tadel.

Doch selig ist sie, denn sie hört es nicht,
Und mit den andern Ersterschaffnen tanzt
Auf ihrer Kugel fröhlich sie dahin.

Jetzt laß sie zu tieferm Leid uns niedersteigen,
Die Sterne sinken schon, bei deren Aufgang
Ich aufbrach; kein Verweilen ist gestattet”. -

Den Kreis durchschreitend kamen wir am Rand
Zum Ursprung eines Quells, der siedend stürzt
In einen Fluß, dem er das Dasein schenkt.

Es wae das Wasser trüb, fast rotbraun, und
Entlang der dunkeln Flut gerieten wir
In einen Weg des Grausens. Einen Sumpf,

Der Styx genannt wird, bildet jener Fluß,
Der trauervoll vom rauhem Felsgestein
Zum bösen grauen Strande niedersteigt.

Und ich, versunken gänzlich in Betrachtung,
Sah schlammbedecktes Volk in jener Lache,
Nackend und Zornverzerrung in den Zügen.

Eins schlug das andre, nicht allein mit Händen,
Mit Kopf und Brust und Fuß, und Stück um Stück
Das Fleisch vom Leib sich mit den Zähnen reißend.

Da sprach der gute Meister: „Sohn, nun sieh'
Die Seelen derer, die der Zorn bezwang.
Du sollst auch wissen, glaubend mir aufs Wort,

Daß unter diesem Wasser Seelen seufzen,
Wovon ringsum das Wasser Blasen aufwirft,
Wie dir das Auge sagt, wohin es sieht.

Sie seufzen drunten: ‚Elend waren wir
Einst in der süßen Luft, der sonnig heitern,
Erstickend an der Trägheit innerm Qualm;

Jetzt sind im schwarzen Schlamm wir kummervoll.’
So kommt es gurgelnd aus gewürgter Kehle,
Die keines ganzen Worts mehr mächtig ist”. -

In weitem Bogen schreitend um den Sumpf,
Die Füße setzend auf den trocknen Stein,
Den Blick gewendet nach den Schlammerdrückten,

Gelangten endlich wir an einen Turm.

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