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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
L. G. Blanc - Die Göttliche Komödie - Hölle

Pape Satan, pape Satan, aleppe,
Hub Pluto an, mit heisrer Stimme belfernd,
Allein der edle Weise, alles wissend,

Sprach zu ermuntren mich: Laß deine Furcht nicht
Dir schaden, denn wie groß auch seine Macht sei,
Nicht wehrt er dir den Abstieg dieses Felsens.

Drauf wandt' er sich zum zorngeschwoll'nen Antlitz
Und: schweig, sprach er, vermaledeiter Wolf,
Verzehr' im Innern dich mit deinem Grimme!

Nicht ohne Grund wandelt er hier im Dunkeln;
So will man es dort oben, wo Michael
Die Rache einst für frech Gelüst geübt.

Wie die vom Winde angeschwellten Segel,
Sobald der Mast bricht, schlaff zusammenfallen,
So fiel zu Boden stracks das grause Thier.

So stiegen wir hinab zur vierten Tiefe,
Ein großes Stück des Ufers rings umschreitend,
Das alles Leid der ganzen Welt umfaßt.

Ha! göttliche Gerechtigkeit, wer häufet
So neue Pein und Qual als ich erblickte?
Warum muß unsre Schuld uns so vernichten?

Gleich wie die Welle dort in der Charybdis
An der entgegenkommenden sich bricht,
So müssen hier die Sünder sich bekämpfen.

Von jeder Seite kam mit lautem Heulen
Zahlreich wie nirgend sonst ein Volk, das Lasten
Mit angestrengter Brust vor sich hin wälzte.

Sie stießen auf einander, und sogleich dann
Kehrt jeder um, zurück die Last nun wälzend,
Und rief: was hältst du, und was wirfst du weg?

So rückwärts kehrten sie von allen Seiten
Zum Ausgangspunkt, den dunklen Kreis durcheilend,
Und riefen stets das alte Lied sich zu.

Dann wandte jeder, wenn er so durchlaufen
Den halben Kreis, zum neuen Kampfe sich.
Und ich, deß Herz vom Anblick war erschüttert,

Sprach: Du mein Meister, nun erkläre mir,
Welch Volk dies ist, und ob sie alle geistlich
Diese Geschornen hier zu unsrer Linken.

Und er zu mir: So ganz verkehrten Sinnes
Waren sie alle in dem ersten Leben,
Daß sie im Aufwand nimmer Maaß gehalten.

Ganz deutlich ruft es ja die eigne Stimme,
Wenn zu des Kreises Wendepunkten sie
Gekommen, wo verschied'ne Schuld sie trennt.

Die waren geistlich, Päbst' und Cardinäle,
Die unbehaarten Hauptes du hier siehst,
An denen Geiz sein Aeußerstes gethan.

Und ich: Mein Meister, unter diesen Sündern
Sollt' ich doch ein'ge wohl erkennen, die
Von diesem Laster einst beflecket waren.

Und er zu mir: Eitle Gedanken hegst du.
Das niedre Leben, das sie dort beflecket,
Verdunkelt sie vor jeglicher Erkennung.

In Ewigkeit stoßen sie hier zusammen,
Die werden aus dem Grabe auferstehn,
Gestutzt das Haar, die mit schloss'nen Fäusten.

Geiz und Verschwendung hat zu diesem Kampfe
Verdammt sie, den mit Worten ich nicht schildre,
Und ihnen jene schöne Welt geraubt.

Nun kannst, mein Sohn, du sehn wie eitler Windhauch
Die Güter sind, Fortuna'n anvertraut,
Um welche doch die Menschen so viel kämpfen;

Denn alles Gold, das einst unter dem Monde
War und noch ist, vermöchte auch nicht Einer
Der matten Seelen Ruhe hier zu schaffen.

Mein Meister, sprach ich, sage mir doch noch,
Wer ist Fortuna, die du jetzt erwähnest,
In deren Klaun ruht alles Gut der Welt?

Und er zu mir: Ihr thörichten Geschöpfe!
Wie leidet ihr so schwer an Wissens Mangel!
Drum sollst du meine Lehre nun genießen.

Der, dessen Wissen alles überschreitet,
Schuf einst die Himmel und gab ihnen Führer,
Daß jeder Theil jedwedem Theile leuchte,

Und so das Licht gleichmäßig sich vertheile.
Auf gleiche Weise gab dem ird'schen Glanze
Verwalterin und Führerin er auch,

Damit zur rechten Zeit die eitlen Güter
Von Volk zu Volk, von einem Blut zum andern
Sie übertrage, trotz der Menschen Sträuben.

Drum herrscht ein Volk, ein andres muß verkommen,
Dem Urtheilsspruche dieser stets gehorsam,
Die wie die Schlang' im Grase sich verbirgt.

Eu'r Wissen ist ohnmächtig gegen sie:
Sie richtet, sieht zuvor und sie beherrschet
Ihr Reich, gleichwie die andern Götter ihres.

In ihrem Wandeln kennt sie keine Ruhe,
Nothwendigkeit treibt sie zu steter Eile,
Drum sehen wir so oft des Schicksals Wechsel.

Das ist nun die, die oft ans Kreuz geschlagen
Von denen wird, die Lob ihr spenden sollten,
Statt unrecht sie zu tadeln, zu verleumden.

Sie aber, selig in sich, hört das nicht,
Wälzt ihre Sphäre heiter wie die andern
Ersten Geschöpfe, selig froh darob.

Doch steigen wir hinab zu größerem Jammer,
Schon sinket jeder Stern, der, als ich kam,
Aufstieg, und längres Weilen ist versagt uns.

Den Kreis durchschnitten wir zum andern Ufer,
An einem Quell, der wallt und sich ergießet
Durch einen Graben, den er hier gebildet.

Sein dunkles Wasser war fast schwarz zu nennen,
Und wir, stets im Geleit der trüben Wogen,
Betraten abwärts nun den grausen Weg.

Wenn zu dem Fuß des schlimmen grauen Abhangs
Hinabgestiegen dieser grause Bach,
Macht einen Sumpf er, welcher Styx nun heißet.

Und ich, der ich begierig stand zu schauen,
Sah kothbedecktes Volk in jenem Sumpfe,
Ganz nackend all' und zornerfüllten Ansehns.

Sie kämpften mit einander, nicht mit Händen
Allein, auch mit dem Haupt, der Brust, den Füßen,
In Stücken sich zerreißend mit den Zähnen.

Der gute Meister sprach: Mein Sohn, du siehst nun
Die Seelen derer, die der Zorn besiegt.
Noch will ich, daß du für gewiß mir glaubest,

Auch unterm Wasser seufzt ein Volk und treibet
Die Blasen auf, die auf der Oberfläche
Dein Auge sieht, wohin es auch sich wende.

Im Schlamm versunken sagen sie: wir waren
Elend in süßer Luft von Sonn' erheitert,
Weil innerlich uns träge Dämpf' erfüllten:

Jetzt aber jammern wir im schwarzen Schlamme.
Solch Lied nur gurgeln in dem Schlunde sie,
Unfähig es vollständig auszusprechen.

In großem Bogen an dem Rand der Pfütze,
Umgingen trocknen Fußes wird das Feuchte,
Den Blick gewandt auf die den Schlamm einschlucken,

Bis wir an eines Thurmes Fuß gelangten.

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