Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 06
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 06

1   Kaum daß mir mein Bewußtsein wiederkehrte,
2   Das mir vergangen vor dem Weh der beiden
3   Verwandten, das mit Trübsal mich beschwerte,

4   So sah ich ringsherum nur neue Leiden
5   Und Leidende, wohin ich mich bewegen,
6   Wohin ich mich zu sehen mocht entscheiden.

7   Ich bin im dritten Kreis, wo kalter Regen
8   Als Fluch herniederfällt in ewiger Dauer,
9   Des Art und Stoff sich nie zu ändern pflegen.

10   Schmutzwasser, Schnee und Hagel, körnigrauher,
11   Durchfegen hier die dunkle Luft mit Brausen.
12   Die Erde stinkt, die aufsaugt solche Schauer.

13   Das Untier Zerberus, seltsam, zum Grausen,
14   Bellt wie ein Hund voll Wut aus dreien Kehlen
15   Das Volk an, das hier eingetaucht muß hausen.

16   Sein Schwarzbart trieft, sein Aug ist düsteres Schwelen
17   Wampig sein Bauch. Die scharfbeklaute Kralle,
18   Zerkratzt, zerfleischt und schindet schlimm die Seelen.

19   Die heulen Hunden gleich im Tropfenfalle.
20   Bald diese und bald jene Seite drehen
21   Vom Regen ab die Elendswichte alle.

22   Als Zerberus, der Lindwurm, uns ersehen,
23   Reißt er die Mäuler auf und zeigt die Hauer;
24   Kein Glied am Körper blieb ihm stillestehen.

25   Mein Führer aber, frei von jedem Schauer,
26   Griff Erde auf und warf die Faust, die volle,
27   Tief in den Schlund dem gierigen Verdauer.

28   Und wie ein Hund nachläßt in Gier und Grolle,
29   Gleich ruhig wird, wenn er den Fraß gefangen,
30   Und nur noch sinnt, wie er ihn schlucken solle,

31   So ließ die schmutzigen Fratzen ruhig hangen
32   Der Dämon Zerberus, der sonst anschmettert
33   Die Seelen, daß sie taub zu sein verlangen. -

34   Wir gingen nun auf Schatten, hingewettert
35   Von Regens Wucht, doch unsere Sohlen traten
36   Nur scheinbar Körper, die wir überklettert.

37   So lagen alle fühllos, als wir nahten.
38   Nur einer hat sich blitzgeschwind erhoben,
39   Als er uns sah bei sich vorüberwaten.

40   »O du, der durch die Hölle wird geschoben,«
41   Rief er, »erkenne mich, will dirs gelingen.
42   Dir ward vor meinem Hintritt Eintritt droben.«

43   Und ich: »Die Qualen, die du leidest, bringen
44   Vielleicht entstellt dein Bild mir vor die Sinne;
45   Mir scheint, du bist mir fremd in allen Dingen.

46   Doch sage mir, wer bist du im Gerinne
47   Des Jammerorts? Mags größere Strafen geben,
48   Ward ich doch keiner ekelhafteren inne.«

49   Da rief er: »Deine Stadt, von Neidbestreben
50   So voll, daß schon der Sack will überlaufen,
51   Umschloß auch mich dereinst im heiteren Leben.

52   Ihr Bürger wußtet Ciacco mich zu taufen;
53   Und weil ich frönte nur dem gierigen Schlunde,
54   Durchweichen, wie du siehst, mich diese Traufen.

55   Doch bin ich nicht allein im Unglücksbunde,
56   Denn alle diese müssen gleiches leiden
57   Um gleiche Schuld.« Nicht gab er weitere Kunde.

58   Und ich: »O Ciacco, nicht kann ichs vermeiden,
59   Daß deine Qualen mich zu Tränen rühren.
60   Doch, weißt dus, sprich, wie sich das Los entscheiden

61   Der Bürger wird, die Zwist und Streit verführen?
62   Weilt ein Gerechter dort? Kannst du mir sagen,
63   Aus welchem Grund sie solchen Hader schüren?«

64   Und er: »Es kommt nach langem Streit zum Schlagen.
65   Die Waldpartei, nachdem viel Blut vergossen,
66   Wird die der andern ächten und verjagen.

67   Doch eh drei Sonnenläufe noch verflossen,
68   Wird diese sinken und die andre steigen
69   Mit Hilfe des, der noch tut unentschlossen.

70   Hoch wird sie lange Zeit die Stirne zeigen,
71   Die andre halten unter Druck und Banden,
72   Mag sie erzürnen, mag in Scham sie schweigen.

73   Zwei sind gerecht nur, aber unverstanden.
74   Stolz, Neid und Habsucht machen allbehende
75   Dreifachen Brands die Herzen schon zuschanden.«

76   Hier machte er dem Klagelied ein Ende.
77   Und ich zu ihm: Noch wünsch ich mehr zu wissen,
78   Und bitte denn um weitere Redespende.

79   Noch läßt mich Mosca, Farinata missen
80   Dein Wort. Arrigos, Rusticuccis Seelen,
81   Tegghiaios und der andern, ruhmbeflissen,

82   Wo sind sie? Wolle mir dies nicht verhehlen.
83   Gern wüßt ich, ob sie Himmelslust erfahren,
84   Ob sie im bittern Brand der Hölle schwelen?«

85   Und jener: »Die sind bei den schwärzeren Scharen;
86   Vielfältige Schuld hält drunten sie auf immer:
87   Steigst du so tief noch, wirst du sie gewahren.

88   Doch kehrst du heim zum holden Erdenschimmer,
89   Laß nicht den andern Kunde von mir fehlen.
90   Mehr sage und mehr antwort ich dir nimmer.«

91   Die graden Augen wurden drauf zu scheelen;
92   Er sah mich flüchtig an, das Haupt dann neigend
93   Hinfiel er zu den andern blinden Seelen.

94   Mein Führer sprach: »So wird er schlafen schweigend,
95   Bis des Gerichts Posaunenrufe schallen
96   Und machtvoll kommt ihr Feind, vom Himmel steigend.

97   Zur Trauergruft wird jeder wieder wallen,
98   Sein Fleisch und Aussehen wird ihm neu gegeben,
99   Zu hören, was in Ewigkeit wird schallen.« -

100   Nun ging es langsam fort, wo sich verkleben
101   Zu ekelm Wuste Schatten und Regenschauer,
102   Berührend mancherlei vom Jenseitsleben,

103   Weshalb ich sprach: »Sag, Meister, ob die Trauer
104   Von diesen nach dem großen Spruch sich mehre,
105   Sich mindre oder gleich verbleib an Dauer?«

106   Und er: »Ein Wesen, fragst du deine Lehre,
107   Kann sich um so vollkommner offenbaren,
108   Als Lust und Schmerz es fühlt mit größerer Schwere.

109   Obgleich nun dieser Maledeiten Scharen
110   Nie wirkliche Vollkommenheit erlangen:
111   Sie hoffen einst auf mehr als hier sie waren.«

112   Drauf sind wir weiterfort im Kreis gegangen,
113   Mehr sprechend als ich sagen will in Worten,
114   Bis hin, wo wir auf Stufen abwärtsdrangen.

115   Plutus, den großen Feind ersahen wir dorten.

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