06
Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Georg van Poppel - Die Göttliche Komödie - Hölle

Als kaum mir das Bewußtsein wiederkehrte,
Geschwunden durch Erbarmen mit den beiden,
Das mir mit Kümmernis das Herz versehrte,

Sah ringsumher ich immer neue Leiden
Und Leidende, wie ich mich mocht bewegen
Und wie mich drehn und wie die Blicke weiden.

Ich bin im dritten Kreis, wo ewiger Regen,
Verfluchter, kalter, schwerer, immergleicher,
Und immerwährend muß herunterfegen,

Und Wasser voller Unflat, schloßenreicher
Und schwerer Schnee die Finsternis durchbrausen.
Der Boden stinkt, von all dem Trinken weicher.

Das Ungeheuer Zerbrus, wild zum Grausen,
Bellt wie ein Bullenbeißer aus drei Fratzen
Hier übers Wasser, drin die vielen hausen.

Die Augen scharlach, Klauen an den Tatzen,
Den Schwarzbart triefend und den Bauch geschwollen,
Muß er die Schar zerkrallen und zerkratzen.

Der Regen läßt die Elendswichte tollen
Wie Hunde, und, wie man zum Schutz sich gittert,
Sich immer auf die andre Seite rollen.

Sobald das Scheusal Zerberus uns wittert,
Reißt er die Mäuler auf, die Zähne bleckend;
Kein Glied am ganzen Leibe, das nicht zittert.

Doch sieh! Mein Führer greift, die Spannen streckend,
Nach Kot und wirft, soviel er kann erraffen,
Ihm in die Schlünde, sich begierig reckend.

Gleichwie die Hunde laut vor Freßgier blaffen
Und ruhig werden, wenn sie Futter klauben,
Nur drauf bedacht, wie sie's hinunterschaffen,

So hört' der schmutzige Dreischlund auf zu schnauben
Des Teufels Zerberus, der sonst so wettert,
Daß jeder Geist beneiden muß die Tauben.

Und auf die Schemen, vor uns hingeschmettert
Vom wuchtigen Regen, unsre Sohlen traten,
Wie wer auf wesenlosen Scheinleib klettert.

Am Boden lagen alle, als wir nahten;
Nur einer suchte aufrecht sich zu steifen,
Als er uns sah an ihm vorüberwaten.

„Der du dich läßt durch diese Hölle schleifen,
Erkennst du mich?” so bracht er mich zum Stehen,
„Du blühtest auf, bevor ich kam zum Reifen.”

Ich gab Bescheid: „Vielleicht ist durch die Wehen
Dein Antlitz jetzt verzerrt und unerkennbar,
Denn, wie mir scheint, hab ich dich nie gesehen.

Doch sag mir, wer du bist, der du untrennbar
An solchen Ort gebannt zu solchem Leide:
Mag's größre geben, keins ist so unnennbar.”

Da sprach er: „Deine Stadt, erfüllt vom Neide,
So daß der Sack schon voll zum überlaufen,
Erschloß auch mir die heitre Lebensweide.

Dem Volk beliebt' es, Ciacco mich zu taufen;
Schau mich, weil ich ein Sklave war der Kehle,
Zusammenknicken hier in diesen Traufen.

Ich bin hier nicht die einzige Unglücksseele,
Denn alle traf uns die Vermaledeiung
Zu gleicher Strafe wegen gleichem Fehle.”

Er schwieg. Und ich: „O Ciacco, die Kasteiung
Für deine Schuld muß mich zu Tränen rühren.
Doch, wenn du's weißt, wohin wird die Entzweiung

Die Bürger der unseligen Stadt noch führen?
Ist einer drin gerecht? Halt mir's zugute
Und sag, warum sie ewig Zwietracht schüren.”

Er sprach: „Nach langem Streit kommt es zum Blute,
Wobei zur Stadt hinaus die Waldpartei dann
Die andre jagen wird mit schnöder Knute.

Doch eh der Sonnenläufe drei vorbei dann,
Wird jene sinken, diese überragen,
Denn einer, der noch schwankt jetzt, springt ihr bei dann.

Hoch wird sie lange Zeit die Stirne tragen,
Die andre, mag sie knirschend aufbegehren,
Daniederhaltend unter schweren Plagen.

Gerecht sind zwei, an die sie sich nicht kehren.
Stolz, Neid und Habgier sind die Feuerbrände,
Die aller Herz entzünden und verzehren.”

Hier setzt' den Jammertönen er ein Ende,
Und ich: „O möchtest du mich noch belehren,
Mir weiter gönnen deiner Worte Spende:

Tegghiaio, Farinata, hoch in Ehren,
Arrigo, Rusticucci, Mosca, alle,
Die drauf bedacht, den wahren Ruhm zu mehren,

Laß mich erkennen, wo ein jeder walle;
Was jetzt ihr Teil ist, wolle nicht verhehlen,
Ob Himmelsnektar oder Höllengalle.”

Und jener sprach: „Die sind bei schwärzern Seelen;
Verschiedne Schuld drückt bleischwer sie zum Grunde:
Steigst du so tief, wirst du sie nicht verfehlen.

Noch bitt ich, gib den Menschen von mir Kunde,
Wenn du zur süßen Welt kehrst. Mehr erzielen
Wirst du jetzt nicht, kein Wort aus meinem Munde.”

Die graden Augen drehte er zum Schielen,
Er stiert' mich an, um dann das Haupt zu strecken,
Und torkelt' häuptlings zu den blinden vielen.

Mein Führer sprach: „Den wird nichts mehr erwecken,
Bis die Posaunen zum Gerichte schallen
Und ihn die ewige Majestät wird schrecken.

Zum düstern Grab wird dann ein jeder wallen,
In Fleisch sich kleiden und vorm Spruch erheben,
Der alle Ewigkeiten wird durchhallen.”

Dann ging es in geruhigem Weiterstreben
Durch ekeln Schlamm von Schattenvolk und Wasser.
Wir sprachen manches vom zukünftigen Leben.

Ich fragte, ob die Marter dieser Prasser
Nach letztem Richterspruch so wiederkehre,
Ob sie gelinder werde, oder krasser.

Er sprach: „Besinne dich auf deine Lehre,
Besagend, daß bei weiterer Entfaltung
Sich unser Glücks- und Schmerzgefühl vermehre.

Ist über die Verdammten Vorenthaltung
Der wirklichen Vollendung auch verhangen,
So harrt doch ihrer höhere Gestaltung.”

Wir sind im Kreise unsern Weg gegangen,
Uns unterhaltend noch weit mannigfacher,
Bis zu dem Punkt, wo wir hinunterdrangen

Und Plutus stand, der große Widersacher.

listoperone