06
Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Otto Gildemeister - Die Göttliche Komödie - Hölle

Im dritten Kreise büßen diejenigen, welche dem Bauche gefrönt haben, die Schlemmer und Völler, in den Schlamm dahingestreckt wie Schweine, bewacht von dem "Dämon Cerberus", dessen dreifacher Rachen ein Sinnbild ihres Lasters scheint. Mit dem Laster der Völlerei selbst beschäftigt sich der Gesang sehr wenig; er wird vom Dichter mit lakonischer Verachtung behandelt; von allen diesen Sündern wird nur ein einziger der Erwähnung gewürdigt, und mit diesem wird von ganz anderen Dingen als von den Freuden der Tafel geredet. Der Florentiner, welcher sich selbst als Zeitgenossen Dantes zu erkennen gibt, Ciacco mit Namen, scheint eine Art öffentliche Rolle in seiner Stadt gespielt zu haben. Boccaccio erzählt von ihm einen lustigen Schwank (Decameron IX, 8), und schildert ihn als einen Feinschmecker und nimmersatten Schmarotzer, der übrigens bei seinen reicheren Mitbürgern wohl gelitten war, weil er Geist und Witz besaß.
Um die Prophezeihung zu verstehen, die Dante dem Ciacco in den Mund legt, braucht man sich nicht in das Wirrsal der florentinischen Parteiungen zu vertiefen. Zwei feindliche Familiengruppen, die Weißen und die Schwarzen genannt, hatten im Jahre 1300 die Stadt in Unruhe gestürzt, in einem Augenblicke, wo Dante als einer der Prioren im Regimente saß. Die Prioren verbannten die Häupter beider Gruppen, doch scheint man die Weißen (welche auch aus irgend einem Grunde la parte selvaggia, die Waldpartei, hieß) glimpflicher behandelt zu haben. Der Führer der Schwarzen Corso Donati gewann die Unterstützung des Papstes Bonifaz VIII., des "Starken", von welchem V. 69 die Rede ist. Auf Antrieb des Papstes bemächtigte Karl von Valois, Bruder des Königs von Frankreich, sich der Stadt Florenz, und die Schwarzen verbannten mit vielen anderen ihnen feindlichen Bürgern auch Dante, welcher damals sich zu den Weißen hielt (1302), bis er später, wie er an einer anderen Stelle von sich rühmt, für sich allein eine Partei bildete und als einsamer Flüchtling für die kaiserliche Sache und die Regeneration Italiens eiferte. Unter französischem Schutze vertrieben im Jahre 1304 die Schwarzen alle zu den Weißen gehörenden Familien. Von dieser Katastrophe scheint Dante zu sprechen, wo er der "drei Jahreswenden" erwähnt, V. 67, und jedenfalls geht aus V. 70 hervor, daß die Prophezeihung nicht früher als 1304, wenn so früh, geschrieben wurde.
Man wird bemerken, daß Dante drei Fragen an Ciacco richtet, 1. wohin der Bürgerzwist führen werden; 2. wie viele Gerechte in Florenz seien; 3. wo einige verstorbene verdiente Mitbürger jetzt sich aufhielten. Nur zwei Gerechte sind in Florenz, aber Ciacco nennt sie nicht; einen derselben wird jeder erraten. Von den namhaft gemachten gut gesinnten Bürgern finden wir Farinata bei den Ketzern (Gesang 10, 33), Tegghiajo und Rusticucci im Flammenregen Sodoms (Ges. 17, 41 ff.), und Mosca bei den Zwietrachtschürern (Ges. 28, 103 ff.).
Am Schlusse des Gesanges wird die Frage, ob die Höllenpein nach der Auferstehung des Fleisches sich steigern werde, bejaht, weil Leib und Seele vereint eine höhere Vollkommenheit darstellen als die Seele allein, und das vollkommenere Wesen wie mehr Lust so auch mehr Schmerz empfindet. Im "Paradiese" wird derselbe Satz in entgegengesetzter Richtung auf die Seligen angewandt.
Aus den drei letzten Versen ersieht man, daß die beiden Dichter den Kreis quer durchschneiden, bis zu seinem inneren Rande, wo es zum vierten Kreise hinabgeht, zu den Geizigen und den Verschwendern. Dort hält Plutus, der Gott des Reichtums, hier zum Teufel degradiert, Wache.

Als wiederkam die Kraft, die mir entschwand,
Weil mich der Jammer, wie ich euch erzählte,
Um jene beiden Schwäger überwand,

Erblickt' ich neue Qualen und Gequälte.
Wohin ich schritt, umgaben Foltern mich,
Was ich für Ziel und Augenmerk auch wählte.

Im dritten Kreis, des Regens, wandert' ich,
Des ewigen, verfluchten, kalten, schweren,
An Maß und Art stets unveränderlich.

Durch finstre Lüfte, die sich nimmer klären,
Stürzen sich Hagel, Schnee und trüber Guß;
Die Erde stinkt, darauf sie sich entleeren.

Ein fremd und grausam Untier, Cerberus,
Dreimäulig, bellend wie ein Hund und beißend,
Plagt die Ersäuften in dem Regenfluß.

Die Augen rot, der Bart ist schwarz und gleißend
Und weit der Bauch; er schlägt die Krallen ein,
Die Geister kratzend, schindend und zerreißend.

Der Regen macht, daß sie wie Hunde schrein;
Die eine Seite mit der andern deckend,
Drehn sie sich hin und her in ihrer Pein.

Cerberus nun, das Scheusal, uns entdeckend,
Fuhr auf, keins seiner Glieder blieb in Ruh,
Die Rachen öffnend und die Hauer bleckend.

Mein Führer streckte seine Händ' im Nu,
Griff Erdreich auf und warf es mit den vollen
Fäusten den drei begier'gen Schlünden zu.

Und wie ein Hund, der gierig erst gebollen,
Verstummt, sobald er einbeißt in den Raub,
Denn nur dem Fressen gilt sein Kampf und Grollen,

So schloß dem Dämon Cerberus der Staub
Die wüsten Schnauzen, die den Maledeiten
So donnern, daß sie flehn, sie wären taub.

Wir mußten über die Verdammten schreiten,
Die Regen hinstreckt, unsre Sohle trat
Auf diese menschengleichen Nichtigkeiten.

Am Boden lagen all um unsern Pfad;
Nur einer war behend sich zu erheben,
Sobald er merkte, daß wir ihm genaht.

„O du, der sich ins Höllenreich begeben,
(Sprach er,) erkenne mich, wenn du vermagst;
Du lebtest, eh ich abschied aus dem Leben.”

Und ich zu ihm: „Die Qual, der du erlagst,
Mag Ursach sein, daß mir dein Bild entfallen,
Und daß ich nicht vermag, was du mir sagst.

„Sag aber, wer du bist, weshalb verfallen
So schlimmem Ort und so beschaffnem Leid,
Dem - wenn nicht größten - widrigsten von allen.”

Da sprach er: „Deine Stadt, die so von Neid
Erfüllt ist, daß der Topf schon überfließet,
Hat mich beherbergt in der heitren Zeit.

„Ich bin es, den ihr Bürger Ciacco hießet,
Auf den der sünd'gen Gurgel wegen dicht
der Regen, wie du siehst, sich nun ergießet.

„Nicht ich allein erdulde dies Gericht;
All diese müssen gleiche Pein ertragen
Um gleiche Schuld.” - Und weiter sprach er nicht.

Da sagt ich: „Ciacco, wohl sind deine Plagen
Beweinenswert; doch wenn ihr künft'ges wißt,
So sage mir: wie weit zu gehen wagen

Die Bürger jener Stadt voll Bürgerzwist,
Ob ein Gerechter lebt in der entzweiten,
Und was die Ursach solches Haders ist.”

Und er versetzte drauf: „Nach langem Streiten
Kömmt es zum Blut; dann wird die Waldpartei
Die andre ächten und ihr Schmach bereiten.

„Bald aber wird sie fallen binnen drei
Jahrwenden, und die andere wird sie schlagen;
Ein Starker lauert schon und springt ihr bei.

„Hoch wird sie lange Zeit die Stirne tragen,
Die andre drückend unters Joch der Macht,
So sehr sie zürnen mag darob und klagen.

„Gerecht sind zwei, doch wer hat ihrer acht?
Neid, Übermut und Geiz, die sind im Bunde,
Drei Funken, deren Glut den Zwist entfacht.”

Hier brach er ab mit seiner Trauerkunde.
Und ich zu ihm: „Von andrem, was du weißt,
Begehr' ich Auskunft noch aus deinem Munde.

„Tegghiajo, Farinata, die man preist,
Mosca und Rusticucci, jene alle,
Die auf das Gute richteten den Geist,

„Wo sind sie? rede mir von ihrem Falle.
Mich drängt's zu wissen, wo sie sind und wie,
Ob Himmelsseim sie nährt, ob Höllengalle.”

Und er: „Bei schwärzren Seelen triffst du die;
Verschiedne Schuld ist unten ihre Plage;
Wenn du so tief hinabsteigst, schaust du sie.

„Du aber, wenn du kehrst zum lichten Tage,
Gedenke mein und zu den Leuten sprich.
Mehr sag' ich nicht und hör' auf keine Frage.”

Die graden Augen blickten scheel auf mich
Ein Weilchen noch, und dann die Stirne neigend,
Warf er mit ihr zu andern Blinden sich.

Mein Führer sprach: „So wird er liegen, schweigend,
Bis der Trompetenstoß der Engel schallt,
Wann ihr Besieger kömmt, vom Himmel steigend;

„Dann finden all ihr traurig Grab alsbald
Und werden sich im Fleische neu erheben
Und hören, was ewig widerhallt.”

So mußten wir durch das Gemengsel streben
Der Schatten und des Regens, zwischendrein
Berührend mancherlei vom künft'gen Leben.

Davon ich sagte: „Meister, diese Pein,
Wird sie noch größer nach dem jüngsten Tage,
Geringer oder scharf wie heute sein?”

Und er: „Die eigne Wissenschaft befrage;
Sie lehrt, daß je vollkommner etwas ist,
Es desto mehr empfindet Lust wie Plage.

„Dem Volk, von dem du hier umgeben bist,
Wird wirkliche Vollkommenheit nie eigen,
Doch wird's vollkommner nach als vor der Frist.”

Was mehr wir sprachen, muß ich hier verschweigen.
Den runden Weg durchmaßen wir vereint
Und kamen an den Punkt zum Tiefersteigen.

Da trafen wir Plutus, den großen Feind.

list operone