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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle

Wieder zu sich gekommen, findet sich Dante im dritten Kreise, wo die Schlemmer im Kothe stecken und von heftigem Regen und Hagel gequält werden und Cerberus sie anbellt und fortwährend bedroht. Dante unterhält sich mit Ciacco über den Zwiespalt in Florenz.

Bei des Bewußtseins Rückkehr, das sich schloß
Vor Mitleidsschmerz um jene zwei Verwandte,
Daß Traurigkeit mich ganz bestürzt gemacht:

Erblickt' ich neue Qualen und Gequälte
Rings um mich her, wie ich mich auch bewege,
Wohin ich mich auch wend' und spähend schaue.

Ich bin im dritten Kreise, dem des Regens,
Des ew'gen, maledeiten, kalten, schweren,
Bei dem sich Art und Weise niemals ändert.

Grobkörn'ger Hagel, schwarze Flut und Schnee
Stürzt aus der schattendichten Luft herab;
Die Erde stinkt, die solches aufgenommen.

Ein Thier, grausam und schrecklich, Cerberus,
Bellt aus drei Rachen, ganz nach der Art der Hunde,
Jedweden an, der dort hinab versenkt ist.

Die Augen roth, den Bart schwarz und begeifert,
Den Bauch geschwollen, Klauen an den Tatzen,
Krallt er die Geister, schindet und zerreißt sie.

Die heulen ob des Regens wie die Hunde;
Die eine Seite dient zum Schirm der andern;
Oft wenden sich die gottvergeßnen Schächer.

Als Cerberus, der große Wurm, uns sah,
Sperrt' er den Rachen auf und wies die Hauer;
Kein Glied an ihm, das nicht bewegt sich hätte.

Ausbreitete mein Führer jetzt die Hände,
Griff in die Erd' und warf mit voller Faust
Von dieser in den gierdevollen Schlund.

Und wie ein Hund, der voller Freßgier bellt,
Sich dann beruhigt, wenn den Fraß er beißt,
Den zu verschlingen er nur strebt und trachtet:

So thaten jetzt auch jene garst'gen Schnauzen
Des Dämons Cerberus, der dort die Seelen
So grimm anbellt, daß taub zu sein sie wünschen.

Auf Schatten schritten wir, die niederstreckte
Des Regens Schwer', und setzten unsern Fuß
Auf ihre Leerheit, welche Körper schien.

All', die da waren, lagen auf der Erde,
Nur Einer hob zum Sitzen sich empor,
Sobald er uns vorübergehen sah.

„Der du durch diese Hölle wirst geleitet”,
Sprach er, „erkenne mich, wenn du's vermagst:
Geboren wurdest du, eh' ich gestorben.” -

Und ich zu ihm: „Die Qual, die du erleidest,
Verhüllt vielleicht dich meinen Sinnen so,
Daß mir es scheint: nie hätt' ich dich gesehen.

Doch sag mir, wer du bist, weshalb in solchen
Wehort geschickt und zu so schwerer Strafe,
Daß, gibt's auch größre, keine doch so greulich.” -

Und er nun: „Deine Stadt, die also voll ist
Des Neides, daß der Sack schon überläuft,
Umschloß auch mich in jenem heitern Leben,

Und Ciacco hieß ich unter euch Mitbürgern:
Um die verdammenswerthe Schuld des Gaumens
Werd' ich vom Regen, wie du siehst, vernichtet.

Doch bin ich nicht allein solch traurig Wesen;
Denn alle diese stehn in gleicher Qual,
Durch gleiche Schuld.” - Und weitres sagt' er nicht. -

Zur Antwort gab ich: „Ciacco, deine Pein
Rührt so mich, daß sie Thränen mir entlockt.
Doch sag mir, wenn du's weißt, wohin die Bürger

Noch der entzweiten Stadt gelangen werden,
Ob wer gerecht drin ist; auch nenn' den Grund mir,
Warum sie solche Zwietracht hat ergriffen.”

Und er darauf zu mir: „Nach langem Hader
Kommt es zu Blut, und es verjagt die wilde
Partei die andere zu großem Schaden.

Doch dann will das Geschick, daß diese falle
Nach dreien Sonnen, und sich jen' erhebe
Durch Einen, der jetzt falsche Rolle spielt.

Hoch wird sie lange Zeit die Stirn aufrichten,
Die andre haltend unter schwerem Druck,
Wie die auch drüber klag' und sich ereifre.

Gerecht sind zwei, doch hört man sie nicht an:
Hochmuth und Neid und Habsucht, die drei Funken,
Sie sind's, wodurch die Herzen so entbrannten.” -

Hier macht' er seiner Jammerred' ein Ende.
Drauf ich: „Ich bitte dich, belehr' mich mehr
Und gönne das Geschenk mir weitrer Rede.

Tegghiajo, Farinata, die so Würd'gen.
Arrigo, Mosca, Jacob Rusticucci,
Und andre, die den Sinn auf Gutthat wandten,

Sag mir, wo sind sie? lasse mich sie kennen;
Denn groß Verlangen drängt mich, zu erfahren,
Ob sie der Himmel lohnt, die Hölle quält.” -

Und er: „Sie sind bei den noch schwäzern Seelen:
Es drückte sie zum Grund vielfält'ge Schuld;
Steigst du soweit hinab, kannst du sie sehen.

Doch bist du wieder in der süßen Welt,
Dann bring' mich Andern, bitt' ich, in's Gedächtniß.
Mehr sag' ich nicht, antworte dir nicht weiter.” -

Hier dreht' er den geraden Blick zum Schielen,
Sah kurz mich an, senkte das Haupt und fiel
Mit diesem wagrecht zu den andern Blinden.

Der Führer sprach zu mir: „Nicht mehr erwacht der
Bis zu dem Ton der himmlischen Posaunen,
Wann die Gewalt kommt, welche sie bestraft.

Dann wird sein traurig Grab ein Jeder finden,
Anthun sein Fleisch. die vorige Gestalt,
Und hören, was in Ewigkeit erdröhnet.” -

So gingen denn wir durch die wüste Mischung
Von Schatten und von Regen langsam fort,
Vom künft'gen Leben Einiges besprechend.

Drum sagt' ich: „Meister, werden diese Qualen
Noch wachsen nach dem großen Urtheilsspruch?
Wird linder oder brennender die Pein?”

Und er zu mir: „Denk deines Weisen Lehre,
Die sagt, daß, je vollkommener ist ein Wesen,
Um so viel mehr fühl' es so Lust als Schmerz.

Und kann auch diese maledeite Rotte
Zu wahrhafter Vollendung nie gelangen,
So hofft sie's doch in Zukunft mehr als früher.” -

Auf jener Straß' umkreisten wir die Runde,
Viel mehr verhandelnd, als ich sagen kann.
Dann kamen wir zum Ort, wo man hinabsteigt,

Und fanden Pluto dort, den großen Feind.

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