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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
L. G. Blanc - Die Göttliche Komödie - Hölle

Bei der Besinnung Rückkehr, die gewichen
Vorhin beim Jammer der Verschwägerten,
Der mir den Geist mit Traurigkeit verwirrt,

Sah neue Qualen ich, neue Gequälte
Rings um mich her, wie ich mich auch bewege,
Wie ich mich wende und wohin ich schaue.

Ich stehe nun am dritten Kreis des Regens,
Des ewigen, verwünschten, kalten, schweren,
Deß Ordnung, Art und Weise sich nie ändert.

Grobkörn'ger Hagel, trübes Wasser, Schnee
Ergießen durch die finstre Luft sich hier;
Es stinkt der Boden, der das alles aufnimmt.

Das grausame, absonderliche Unthier
Cerberus bellet hündisch mit drei Rachen,
Ueber den Schatten, die allhie versunken.

Roth sind die Augen, schwarz und fett der Bart,
Der Wanst ist breit, mit Klau'n versehn die Hände;
Er kratzt die Geister, schindet und zerfleischt sie.

Es läßt der Regen heulen sie wie Hunde,
Sie wenden oft sich, die unheil'gen Seelen,
Daß eine Seite dann die andre schütze.

Als Ceberus, der große Wurm, uns sah,
Sperrt er die Rachen auf und zeigt' die Hauer,
Kein Glied an seinem Leibe blieb in Ruhe.

Mein Führer drauf streckte die Hände aus,
Nahm Erde und mit vollen Fäusten warf
Hinab er sie in die begier'gen Schlünde.

Gleich einem Hunde, der da bellend geilet,
Und ruhig wird, wenn er den Fraß gepackt hat,
Denn den nur zu verschlingen strebt und ringt er,

So sänftigen die schmutz'gen Angesichter
Des Dämons Cerberus sich, der betäubet
Die Seelen so, daß lieber taub sie wären.

Ueber die Schatten, die der Regen peitscht,
Schritten wir hin und setzten unsre Füße
Auf ihre Nichtigkeit, die leiblich scheint.

Am Boden lagen sie mitsammen alle,
Nur einer nicht, der sitzend sich erhob,
Als er uns sah an ihm vorübergehn.

O du, der durch die Hölle so geführt wird,
Sprach er, erkenne mich, wenn du's vermagst;
Du bist entstanden, eh' ich ward vernichtet.

Und ich zu ihm: Die Qualen die du duldest,
Entziehen dich vielleicht meinem Gedächtniß,
So daß mir scheint, ich sah zuvor dich nimmer.

Doch sag', wer bist du, der zu solchem Orte
Und so beschaff'ner Pein verdammet bist;
Denn giebt's auch größ'r ist keine doch so widrig.

Und er zu mir: Die Stadt, die so voll Neides,
Daß das Gefäß schon überläuft, enthielt
Wie mich so dich in jenem heitren Leben.

Ihr Bürger pflegtet Ciacco mich zu nennen,
Und wegen meines gier'gen Fraßes Laster
Zergeh' ich, wie du siehst, im Regen hier.

Und nicht allein bin ich, elende Seele,
Denn alle diese leiden gleiche Strafe
Um gleiche Schuld. Und weiter sprach er nichts.

Und ich erwiederte: Dein Leben, Ciacco,
Bekümmert so mich, daß ich weinen möchte;
Doch sage mir, wenn du es weißt, wohin

Die Bürger der getheilten Stadt noch kommen,
Ob wer gerecht dort, und sag' mir den Grund,
Weshalb so große Zweitracht sie ergriffen.

Und er zu mir: Nach langem Streite werden
Zum Blut sie kommen, und der wilde Theil
Vertreibt den andern unter viel Beschäd'gung.

Nachher muß dann auch dieser fallen inner
Drei Jahren, und der andre steigt empor.
Mit Hülfe dessen der schon jetzt laviret.

Hoch wird er lange Zeit die Stirne tragen,
Den andern Theil mit schweren Lasten drückend,
Ob er darob auch weine und sich gräme.

Gerecht sind zwei, doch achtet man auf sie nicht:
Entzündet sind die Herzen von drei Funken,
Sie heißen Stolz und Neid und Geiz zumal.

Hier endet' er die jammervolle Rede.
Und ich zu ihm: Noch sollst du mich belehren
Und weitrer Rde Gabe mir Gewähren.

Farinata, Tegghiajo, die so würdig,
Arrigo, Mosca, Jakob Rusticucci
Und andre, die auf Gutes nur gesonnen,

Wo sind sie, sprach ich, mach' daß ich sie kenne;
Denn große Sehnsucht quält mich zu erfahren,
Ob Himmelsthau, ob Höllengift ihr Loos.

Und er zu mir: Unter die schwärz'ren Seelen
Drückt sie verschied'ne Schuld zur Tief' hinab;
Du kannst sie sehn, wenn du so weit hinabsteigst.

Doch wenn die wieder in der süßen Welt bist,
So bitt' ich, ruf' mich andern ins Gedächtniß!
Mehr' sag' ich nicht und mehr antwort' ich dir nicht.

Die graden Augen dreht' er nun zum Schielen,
Betrachtet mich ein wenig, senkt das Haupt
Und sinket zu den andern Blinden nieder.

Drauf sprach der Führer: Der erwacht nicht wieder
Bis zu dem Klang der englischen Trommete.
Wenn dann die feindliche Gewalt erscheint,

Wird jeder sein elendes Grab aufsuchen,
Sein Fleisch, seine Gestalt wieder aufnehmen
Und hören was in Ewigkeit ertönt.

So schritten durch die grause Mischung wir
Der Schatten und des Regens langsam hin,
Etwas besprechend von dem künft'gen Leben;

Weshalb ich sprach: Mein Meister, diese Qualen,
Werden sie wachsen nach dem großen Spruche,
Geringer werden oder gleich sich bleiben?

Und er zu mir: Frag' deine Wissenschaft,
Die lehrt, daß je vollkommener ein Wesen,
So mehr auch Lust und Schmerzen es empfinde.

Obgleich nun dies vermaledeite Volk
Wahre Vollkommenheit zwar nie erlangt,
Hofft's jenseits doch mehr als diesseits zu werden.

Wir wandelten so fort die Straß' umkreisend,
Viel mehr besprechend als ich hier erwähne,
Und kamen so zum Punkt, wo man hinabsteigt.

Dort fanden Pluto wir, den großen Feind.

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