Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 05
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 05

1   Den tiefen Schlaf zersprengte mir im Haupte
2   Ein Donnerkrach, daß ich zusammenschreckte
3   Gleich einem, den Gewalt des Schlafs beraubte.

4   Ich spähte ausgeruhten Auges und reckte
5   Mich auf, daß ich von meinem Aufenthalte
6   Geschärften Blicks Genaueres entdeckte.

7   Und wirklich fand ich mich am Uferspalte,
8   Der abwärtsführt zum schmerzensreichen Schlunde,
9   Draus endlos Jammer donnernd widerschallte.

10   Ob ich den Blick auch schickte tief zum Grunde,
11   So schwarz blieb der, so neblig allerseiten,
12   Daß ich nichts unterschied in weiter Runde.

13   »Laß uns zur blinden Welt nun abwärtsgleiten,«
14   Begann der Dichter mit ganz blassen Wangen;
15   »Ich geh zuerst und du wirst nach mir schreiten.«

16   Drauf ich, dem seine Blässe nicht entgangen:
17   »Wie komm ich hin, wenn du des Schreckens Beute,
18   Wo sonst von dir ich Zager Mut empfangen?«

19   Und er zu mir: »Der Jammer dieser Leute,
20   Die drunten sind, bemalt mir nur die Wange
21   Mit solchem Mitleid. Nicht als Furcht dies deute.

22   Wohlauf drum, weil der Weg uns treibt, der lange.« -
23   So schritt er zu und so ließ er mich dringen
24   Zu dieses Abgrunds erstem Kreisumfange.

25   Doch nach den Lauten, die ich hörte klingen,
26   Gabs lautes Weinen nicht; nur seufzend Klagen
27   Ließ hier die ewige Luft erzitternd schwingen.

28   Und dies entstand von Leiden ohne Plagen,
29   Die all die großen und zahllosen Scharen
30   Der Kinder, Frauen, Männer hier ertragen.

31   Der Meister sprach: »Willst du denn nicht erfahren,
32   Was hier für Geister dir der Ort bescherte?
33   So laß mich, eh du gehst, dir offenbaren,

34   Daß sie nicht sündig. Doch mit eigenem Werte
35   War nichts getan: sie mangelten der Taufe,
36   Die jenes Glaubens Tür, den man dich lehrte.

37   Lebten sie auch vor Christi Zeitenlaufe,
38   Sie ehrten doch nicht Gott wie sichs gebührte;
39   So zählt mich zu den Seinen dieser Haufe.

40   Nur dieser Mangel, keine Schuld sonst führte
41   Zu den Verlorenen uns. Hier schmerzt uns eben
42   Die Sehnsucht nur, die hoffnungslosgeschürte.«

43   Sehr schmerzlich ließ dies Wort mein Herz erbeben;
44   Denn Seelen, denen hohe Tugend eigen,
45   Erkannt ich, die in diesem Vorhof schweben.

46   »Sag, Meister, mir; sag, Herr,« brach ich mein
47   (Gewißheit jenes Glaubens zu gewinnen, Schweigen,
48   Vor dem sich muß jedweder Irrtum neigen),

49   »Half keinem eigenes Verdienst vonhinnen »
50   Noch fremdes je, daß er dann selig würde?«
51   Und er, durchschauend mein verhehltes Sinnen,

52   Begann: »Ich war noch Neuling dieser Hürde,
53   Da sah ich den gewaltigen Herrscher kommen,
54   Gekrönt mit seines Sieges Lorbeerbürde.

55   Des ersten Vaters Geist hat er entnommen,
56   Abel, den Sohn, und Noa, diesem Bann;
57   Auch Moses, der Gesetze gab den Frommen.

58   Erzvater Abram, König David dann,
59   Israel mit dem Vater und den Söhnen
60   Und Rahel auch, die er so schwer gewann,

61   Und viele sah ich noch mit Heil ihn krönen.
62   Doch merk: zuvor hats nie sich zugetragen,
63   Daß sein Erlösungsruf hier mochte tönen.« -

64   Stets-wandernd, ob wir auch Gespräches pflagen,
65   Wir unterdessen durch das Dickicht stiegen
66   (Das Dickicht, dicht von Geistern, will ich sagen).

67   Erst wenig ließen wir des Weges liegen
68   Vom Gipfel an, da sah ich Feuershelle
69   Im Halbrund rings die Finsternis besiegen.

70   Ziemlich entfernt noch waren wir der Stelle,
71   Doch schon so nah, um etwa zu erkennen,
72   Daß ehrenwertes Volk sich hier geselle.

73   »O du, den Kunst und Wissen rühmend nennen,
74   Sag an, warum solch Vorrecht die genießen,
75   Daß sie vom Los der übrigen sich trennen?«

76   Und er: »Sich von der Menge auszuschließen,
77   Gewährte Gott, weil sie in deinem Leben
78   Den ehrenvollsten Namen hinterließen.«

79   Da hört ich eine Stimme sich erheben:
80   »Dem hohen Dichter laßt uns Ehre zeigen!
81   Heimkehrt sein Schatten, der sich wegbegeben.«

82   Als diese Stimme drauf erstarb im Schweigen,
83   Sah ich heran vier hohe Schatten wallen;
84   Dem Blick war Trauer nicht noch Frohsinn eigen.

85   Der gute Meister sprach: »Schau den, der allen,
86   Die Herrscherhand bewehrt mit einem Schwerte,
87   Vorangeht wie ein König den Vasallen:

88   Homer ists, der als Dichterfürst Geehrte.
89   Ihm folgt Horaz, der Meister in Satiren,
90   Ovid sodann, zuletzt Lukan, der werte.

91   Und weil uns alle gleiche Titel zieren,
92   Womit den Einen du mich hörtest loben,
93   So ehren sie mich schicklich als den Ihren.«

94   Die schöne Schule sah ich so verwoben
95   Mit jenem Meister höchster Sangesweise,
96   Der ob den andern schwebt als Adler droben.

97   Nach kurzem Zwiegespräch in ihrem Kreise,
98   Hold mich zu grüßen sie herab sich ließen -
99   Und darob lächelte mein Meister leise.

100   Doch größern Vorzug sollt ich noch genießen:
101   Sie luden mich als Sechsten in die Mitte,
102   Mich solchen Geistesriesen anzuschließen.

103   So lenkten wir zum Lichtschein hin die Schritte,
104   Von Dingen sprechend, schön an ihrer Stelle
105   Zu reden, wo sich hier nur Schweigen litte.

106   Nun gings zu eines stolzen Schlosses Schwelle,
107   Umschirmt von sieben hohen Mauerringen,
108   Beschützt von eines schönen Baches Welle,

109   Durch den wir wie auf trockenem Lande gingen;
110   Trat mit den Weisen dann durch sieben Pforten,
111   Wo grüne Wiesenmatten uns empfingen.

112   Wir trafen Leute stillen Blickes dorten,
113   Von Haltung würdevoll und ernst an Mienen,
114   Redselig nicht, doch sanft in ihren Worten.

115   Wir zogen nunmehr seitwärts hin von ihnen
116   Zu einer ringsum-offenen, lichten Stelle,
117   Wo unserm Blick sie insgesamt erschienen.

118   Dort grad vor mir auf grüner Wiesenhelle
119   Sah ich die hohen Geister: sie gewährten
120   Durch ihren Anblick eine Freudenquelle

121   Bis heute mir! - Im Kreise der Gefährten
122   Sah ich Elektren, Hektorn und Äneen,
123   Dann Zäsar, den mit Falkenblick verklärten.

124   Sah auch Kamilla und Penthesileen
125   Zur anderen Seite; konnte bei Latinen
126   Lavinia, seine Tochter, sitzen sehen.

127   Sah jenen Brutus, der vertrieb Tarquinen.
128   Lukretia, Julia, Martia durft ich schauen,
129   Kornelia auch und abseits Saladinen.

130   Dann, als ich etwas höherhob die Brauen,
131   Bemerkt ich auch den Meister aller Weisen
132   Im Kreis der Jünger, die auf Weisheit bauen.

133   Sie einen sich, bewundernd ihn zu preisen.
134   Zunächst ihm konnten meinem Blick sich bieten
135   Sokrates, Plato. Sah auch - der das Kreisen

136   Der Welt dem Zufall zuschreibt - Demokriten,
137   Thales, Diogenes, Anaxagoren,
138   Empedokles, Zeno und Herakliten,

139   Tullius, Linus, Orpheus, und der geboren
140   Zum Arzt, Dioskorid. - Die Runde zierte
141   Auch Seneka, der die Moral erkoren,

142   Galen, Euklid, der Form und Raum studierte.
143   Sah Hippokrat, Ptolmäus, Avicennen,
144   Averroës, der wacker kommentierte.

145   Eingehend kann ich sie nicht alle nennen,
146   Weil nicht der Reim des Stoffes Fülle bindet,
147   Daß sich Gesichte und Berichte trennen.

148   Der Bund der Sechs auf Zwei nun wieder schwindet.
149   Auf anderm Pfad führt mich der weise Leiter
150   Aus stiller Luft hin, wo es zitternd windet;

151   Und dahin komm ich, wo nichts leuchtet weiter.


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