Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 05
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 05

1   So stieg ich nieder von dem ersten Kreise
2   Zum zweiten, der gering'ren Raum umfaßt,
3   Doch um so größ're Qual, die Klagen auspreßt.

4   Graunvoll steht Minos hier und fletscht die Zähne,
5   Er prüft die Sünder einzeln, wie sie kommen,
6   Verurteilt sie, und bannt sie durch Umwinden.

7   Ich sage: wenn die schlimmgeborne Seele
8   Ihm gegenübersteht, bekennt sie alles;
9   Er aber, als ein Kenner jeder Sünde,

10   Erwäget, welcher Höllenplatz ihr zukommt:
11   Umwindet mit dem Schwanz so manches Mal sich,
12   Als Stufen sind, die sie soll niedersteigen.

13   Gar viele stehn vor ihm zu jeder Zeit,
14   Und nacheinander gehn sie in's Gerichte,
15   Bekennen, hören, wenden sich zur Tiefe.

16   Du, der da kommt zum schmerzensvollen Hause,
17   Sprach Minos, als er mich erblickt, zu mir,
18   Des Richteramtes Übung unterbrechend,

19   Sieh, was du tust, und wem du dich vertrauest;
20   Laß dich nicht täuschen durch des Eintritt's Weite. -
21   Mein Meister sagte drauf: Was soll dein Schelten?

22   Verhindre nicht die vorbestimmte Reise.
23   So will man's droben, wo jedwedes Wollen
24   Zugleich ein Können ist; nicht frage weiter. -

25   Doch nun beginnen herben Schmerzes Laute
26   Vernehmlich mir zu werden; nun gelang ich
27   Dahin, wo vieles Wehgeschrei mein Ohr trifft.

28   Verstummt war alles Licht in diesem Raume,
29   Der gleich dem sturmbewegten Meere brüllet,
30   Wenn es die Wind' im Widerstreit bekämpfen.

31   Der höllische Orkan, der nimmer nachläßt,
32   Erfaßt mit seiner Windsbraut diese Geister,
33   Wirft qualvoll sie umher, stößt sie zusammen.

34   Wenn sie alsdann zum Absturz hingelangt sind,
35   So schrei'n sie laut, wehklagend unter Tränen,
36   Und lästern Gott zugleich und seine Allmacht.

37   Und ich erfuhr, es sei'n zu solchen Qualen
38   Verurteilt, die in Fleischeslust gesündigt,
39   Weil die Vernunft dem Trieb sie unterworfen.

40   Und wie zur kalten Zeit ihr Flügelpaar
41   Die Stare hinführt in gedrängter Menge,
42   So führt der Windshauch hier die argen Geister.

43   Er jagt sie hin und her, hinauf, hinab,
44   Und keine Hoffnung bietet ihnen Trost
45   Geringrer Pein, geschweige denn der Ruhe.

46   Gleich wie die Kraniche wehklagend ziehn,
47   Und lange Streifen in der Luft beschreiben,
48   So sah, getragen von der Macht des Windes,

49   Ich eine Schar mir nahn mit lautem Weinen.
50   Zu meinem Meister sagt' ich drum: Wer sind
51   Die Schatten, die die schwarze Luft so geißelt? -

52   Die vorderste der Schar, von welcher Kunde
53   Du wünsch'st, entgegnete darauf mir jener,
54   Beherrschte Völker von gar vielen Sprachen

55   Der Wollust Laster war sie so ergeben,
56   Daß durch Gesetz sie jede Lust erlaubte,
57   Die Schmach zu tilgen, welcher sie verfallen.

58   Sie ist Semiramis, von der wir lesen,
59   Daß sie, des Ninus Gattin, ihn beerbte.
60   Das Land beherrschte sie, das jetzt des Sultan's.

61   Die nun folgt, ist's die sich aus Lieb' ermordet
62   Und Treu' gebrochen des Sichäus Asche.
63   Dann kommt Cleopatra, die glutentbrannte. -

64   Helena sah ich, die so langes Unheil
65   Verursacht, und Achilles auch, den großen,
66   Der noch zuletzt mit Liebe kämpfen mußte.

67   Paris und Tristan und wohl tausend zeigte
68   Virgil, sie mir benennend, mit dem Finger,
69   Die uns'rer Welt die Lieb entrissen hat.

70   Als mir die Frau'n der Vorzeit und die Ritter
71   Namhaft gemacht von meinem Meister waren,
72   Ergriff mich Mitleid, daß ich kaum bewußt blieb.

73   Drauf sagt' ich zu dem Führer: Gern spräch ich
74   Mit jenen Zwei'n, die sich zusammenhalten,
75   Und die so leicht bewegt vom Wind' erscheinen. -

76   Und er darauf: Beschwörst du, wenn erst näher
77   Sie uns gekommen sind, sie bei der Liebe,
78   Die sie vereint, so zweifle nicht, sie kommen. -

79   Sobald der Wind sie zu uns hergewendet,
80   Erhob die Stimm' ich: Schmerzbeladene Seelen,
81   Ist's nicht verwehrt, so kommt, mit uns zu reden. -

82   Wie Tauben, die, gerufen vom Verlangen
83   Zum süßen Nest, mit ausgespannten Schwingen
84   Die Luft durchschneiden, so sah ich die beiden,

85   Kraft ihres Willens, durch die schlimme Luft
86   Sich aus der Schar, wo Dido weilt, uns nahen;
87   So wirksam war mein anteilvolles Rufen.

88   O wohlgesinntes, liebereiches Wesen,
89   Das du, die Nacht der Unterwelt durchwandelnd,
90   Uns heimsuchst, die mit Blut die Erde färbten,

91   Wär' unser Freund des Weltgebäudes König,
92   So wollten wir ihn flehn um deinen Frieden,
93   Weil du mit uns'rem Elend Mitleid fühlest.

94   Anhören und euch sagen woll'n wir alles,
95   Was du zu reden und zu hören wünschest,
96   So lang der Wind noch, wie er itzt tut, schweiget.

97   Gelegen ist der Ort, wo ich geboren,
98   Am Meeresstrand, zu dem der Po hinabsteigt,
99   Um mit den Nebenflüssen Ruh' zu finden.

100   Die Liebe, leicht entflammend edle Herzen,
101   Entflammte diesen für den schönen Körper,
102   Der mir geraubt ward, und das wie quält noch mich.

103   Die Liebe, die zur Gegenliebe nötigt,
104   Ließ mich an ihm solch Wohlgefallen finden,
105   Daß, wie du siehst, sie noch nicht von mir abläßt.

106   Die Liebe führt' uns zu vereintem Tode;
107   Caïna wartet des, der uns gemordet. -
108   So lautete, was sie zu uns gesprochen.

109   Als die unsel'gen Geister ich vernommen,
110   Senkt' ich das Haupt, und hielt es so geneiget
111   Bis mir der Meister sagte: Nun, was sinnst du? -

112   Darauf erwidernd, hub ich an: O Himmel,
113   Wie mancher stille Liebeswunsch, wie manches
114   Verlangen führte sie zum Schritt voll Schmerzes! -

115   Dann wendet' ich mich ihnen zu und sagte:
116   Francesca, deiner Qualen Anblick macht
117   Vor Trauer mich und vor Mitleiden weinen.

118   Doch sage mir, zur Zeit der süßen Seufzer,
119   An was und wie gestattete dir Amor,
120   Das schüchterne Verlangen zu erkennen? -

121   Drauf sagte sie zu mir: Kein Schmerz ist größer,
122   Als sich der Zeit des Glückes zu erinnern,
123   Wenn man in Elend ist; das weiß dein Lehrer.

124   Heg'st du jedoch, die Wurzel uns'rer Liebe
125   Zu erkennen, solch entschiedenes Verlangen,
126   So werd' ich tun, wie wer im Reden weinet:

127   Wir lasen eines Tages zum Vergnügen
128   Von Lanzelot, wie Liebe ihn umstrickte,
129   Allein und unbeargwohnt waren wir.

130   Oft hieß des Buches Inhalt uns einander
131   Scheu ansehn und verfärbte unsre Wangen;
132   Doch nur ein Punkt war's, welcher uns bewältigt.

133   Denn als wir, wie das langersehnte Lächeln
134   Von solchem Liebenden geküßt ward, lasen,
135   Da küßte, dem vereint ich ewig bleibe,

136   Am ganzen Leibe zitternd, mir den Mund.
137   Zum Kuppler ward das Buch und der's geschrieben.
138   An jenem Tage lasen wir nicht weiter. -

139   Und während so der eine Schatten sprach,
140   Vergoß der andre solchen Strom von Tränen,
141   Daß ich ohnmächtig ward, wie wen ich stürbe,

142   Und nieder fiel ich, wie ein toter Körper.


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