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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Konrad zu Putlitz - Die Göttliche Komödie - Hölle

So stiegen wir zum zweiten Kreise ein,
Der kleiner ist, doch größre Schmerzen schürt,
Dort steigert sich zum Wehgeschrei die Pein.

Die Herrschaft zähnefletschend Minos führet,
Der prüft die Schuld am Eingang, richtet, wählt
Den künft'gen Kreis, der Sünder wird umschnüret,

Und wenn er seine Sünden, schuldgequält,
Gestanden, weist der Kenner aller Fehle
Den Höllenkreis ihm, dem er zugezählt.

Sein Schweif umschlingt so oft die schuld'ge Seele,
Als Stufen sie ins finst're Höllengrab
Geschleudert werden soll nach dem Befehle.

Gar viele harren dort und warten ab
In langer Kette ihrem Richterworte:
Sie beichten, hören's, und dann geht's hinab.

„Du, der du kommst zum schmerzgeweihten Orte,”
Schrie Minos, als er mich alsbald erspäht,
Sein Walten unterbrechend an der Pforte,

„Des Eingangs achte, sieh, wer dir ihn rät,
Des Schlundes Weite wecke nicht dein Wagen.”
Da sprach mein Führer: „Minos, nicht gekräht,

Du sollst den Weg ihm nicht zu hindern wagen,
Denn es heißt Wille Macht, wo man erzwingt
Das, was man will - und weiter keine Fragen.”

Ein Klageton, der sich aus Schmerzen ringt,
Begann die weiten Räume zu erfüllen,
Und vielen Jammers Wehruf mich durchdringt.

Dort schweigt das Licht, in Nacht sich zu verhüllen,
Und wie das Meer, vom Gegenwind erregt,
Laut heult, so hört man dort die Stürme brüllen.

Der Hölle Wirbeln, das sich niemals legt,
Quält dort die Geister, die sich wälzend drehen,
Und die es rüttelnd vor sich fegt,

Bis sie am Rand des steilen Abgrunds stehen.
Dort bricht das Klagen Jammern, Schrei'n sich Bahn,
Mit denen sie die Allmacht Gottes schmähen.

Und ich vernahm, daß wir Gequälte sah'n,
Die Sünder durch die Lust des Fleisches waren,
Und deren Geist den Lüsten untertan. -

So wie im Herbst der Flügelschlag die Staren
In vollen, breiten Scharen südwärts trägt,
So ließ die Windsbraut jene Sünder fahren

Die hin und her sie, auf- und abwärts schlägt.
Und keines Hoffens Trost kann sie versöhnen,
Daß ihnen Rast wird, noch der Schmerz sich legt. -

Wie Kran'che ziehn mit heis'ren Klagetönen
Hin durch die Luft zu langem Zug gereiht,
So sah ich Schatten dort mit lautem Stöhnen,

Getragen von des Sturmes Heftigkeit.
Weshalb ich sprach: „Sag, Meister, welche Leute
Sind von den dunklen Lüsten so kasteit?”

„Die erste, deren Laster ich dir deute,”
Sprach er darauf, „war eine Kaiserin
Von vielen Zungen, doch, der Wollust Beute,

Gab sie sich ganz dem Sinnenrausche hin,
Und, daß die Schmach, die sie bedrückt, vernichtet,
Gab sie Gesetze dann nach ihrem Sinn.

Es ist Semiramis, von der berichtet,
Daß sie dem Ninos folgte, ihrem Mann,
Sie herrschte dort, wo heut der Sultan richtet.

Die andre tat aus Liebe Leid sich an,
Die des Sichäus' Asche brach die Treue.
Kleopatra, die Schwelgerin, folgt dann.”

Auch Helena sah ich, die ohne Reue
Den Krieg entfacht, Achill, den großen Streiter,
Der mit der Liebe kämpfte stets aufs neue.

Paris und Tristan, tausende Begleiter
Mit ihnen, die, von Liebesmacht gebannt,
Ihr Leben ließen, zeigte mir mein Leiter.

Nachdem er Frau'n und Männer mir genannt
Aus alter Zeit, daß ich die Namen lerne,
Faßt' Mitleid mich, daß wie betäubt ich stand.

Da sagt' ich: „Dichter, o, ich spräche gerne
Die Beiden, die vereint von dem Orkan
So leicht getragen scheinen aus der Ferne.”

Und er: „Zieh'n näher sie zu uns die Bahn,
Mußt du beschwören sie bei jenem Lieben,
Das sie beherrscht, glaub' mir, sie werden nah'n.”

Sobald der Wind sie gegen uns getrieben,
Rief ich sie an: „O Seelen voller Leid,
Sprecht, wenn euch der Gebrauch des Worts geblieben.” -

So wie den Tauben Sehnsucht Eile leiht,
Daß sie mit schnellem Flug zum Neste streben,
So waren diese Beiden gleich bereit,

Aus Didos Nähe her zu uns zu schweben
Hin durch die Luft des Unheils; ihnen Mut
Hat meines Rufes Innigkeit gegeben:

„Liebreicher Freund, wie bist du hold und gut,
Daß du durch Nacht den Weg zu uns gewonnen,
Die wir gefärbt die Welt mit unserm Blut;

Wär' uns der Weltenherrscher wohlgesonnen,
Wir beteten um Frieden deiner Seelen,
Weil du uns tränktest aus des Mitleids Bronnen.”

„Willst du uns fragen, wollen wir erzählen,
Dir lauschen und erwidern, während so
Wie jetzt die Winde, die uns trugen, fehlen.

Ich ward am Strand geboren, wo der Po
Ins Meer mit seinen Nebenarmen mündet,
Auf daß er dort des Friedens werde froh.

Liebe, die zarte Herzen jäh entzündet,
Hielt ihn an meines Wesens Schönheit fest;
Wie sie geraubt, verletzter Stolz noch kündet.

Liebe Geliebten lieben nicht erläßt,
Und hat mein Herz zu ihm so hingenommen,
Daß es sich heut noch an das seine preßt.

Liebe ließ uns zu einem Tode kommen,
Kaina harrt des Mörders, der uns schlug.” -
Als ich der Unglücksel'gen Wort vernommen,

Das leis' der Schall zu mir von ihnen trug,
Senkt' ich das Haupt und sank' in mir zusammen,
Bis mich der Dichter, was ich sinne, frug.

„O herbes Weh,” sprach ich, „welch heiße Flammen,
Welch süßes Sinnen trieb die beiden an,
Sich zu dem Weg der Schmerzen zu verdammen?”

Drauf wandt' ich mich zu ihnen und begann:
„Franzeska, deine Marter weckt mir Tränen,
Mitleid und Trauer halren mich in Bann;

Doch sag, als euch umstrickt so süßes Wähnen,
Wie hat und wann die Liebe euch befreit,
Daß ihr erkannt solch ungewisses Sehnen?”

Und Antwort gab sie mir: „Kein größres Leid,
Als sich erinnern an des Glückes Stunden
Im Elend. Glaub', Virgil ist eingeweiht.

Soll ich auf deinen heißen Wunsch bekunden,
Wie unsrer Liebe Keim gelegt, ich sag's,
Wie einer spricht, von Tränen überwunden.

Wir lasen zum Vergnügen eines Tags
Von Lanzelot, wie Liebe ihn umschlungen,
Allein und ohne Arg. Am Buche lag's,

Daß Blick den Blick traf, seine Schilderungen
Sie trieben aus den Wangen uns das Blut;
Doch eine Stelle nur hat uns bezwungen.

Da stand, daß er in Liebesübermut
Ihr Lächeln fortgeküßt, so süß und heiter.
Da küßte zitternd ganz in Liebesglut

Den Mund mir auch mein ewiger Begleiter:
Verführer war das Buch und der es schrieb,
An jenem Tage lasen wir nicht weiter. -”

Indess' der eine Geist gesprochen, blieb
In Tränen stets der andre. Überwallen
Fühlt' ich den Schmerz, der fast zum Tod mich trieb.

Und wie ein Toter fällt, bin ich gefallen.

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