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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Georg van Poppel - Die Göttliche Komödie - Hölle

So ging's hinab vom ersten Kreis zum zweiten,
Bei engerm Raum noch größre Pein umringend,
Die bis zum Heulen quält die Maledeiten.

Unwirsch steht Minos da und knirscht durchdringend;
Er wägt die Schulden aller, die da nahten,
Erkennt, weist ab, sich mit dem Schweif umschlingend.

Das heißt: wenn eine Seele ist mißraten
Und vor ihn tritt, muß alles sie bekennen,
Und er, Ergründer aller Freveltaten,

Pflegt so den ihr bestimmten Platz zu nennen:
Er schlägt um sich den Schweif in so viel Ringen,
Als Stufen tief er ihr will zuerkennen.

Vor ihm ist stets ein unablässig Dringen
Und zum Gericht tritt jeder um die Wette,
Bekennt und hört und fühlt hinab sich schlingen.

„Der du herunterkommst zur Schmerzensstätte”,
Schrie Minos da, als er mich wahrgenommen,
Und unterbrach der Urteilssprüche Kette,

„Schau, wem du traust! Hüt dich hereinzukommen!
Das Tor ist weit, doch laß dich nicht betrügen!”
Worauf Vergil: „Was soll dein Schreien frommen?

Den vorbestimmten Gang sollst du nicht rügen!
So will man's wo man kann das was man wollte;
Laß ohne weitre Frage dir's genügen!”

Schon drang's zu mir herüber, wie da grollte
Des Schmerzes Schrei auf Schrei. Ich war zur Stelle,
Wo lauter Jammer mich erschüttern sollte,

Am Ort, in dem erstorben alle Helle,
Der aufbrüllt wie das Meer, im Wetter brausend,
Wenn Kampf der Gegenwinde stäupt die Welle.

Die Höllenwindsbraut, nimmermüde sausend,
Erfaßt die Geister jähen Flugs, zur Mehrung
Der Qual umher sie wirbelnd und zerzausend.

Wenn so sie rafft des wilden Sturms Verheerung,
Da geht es an ein Kreischen, Jammern, Klagen,
Und Flüche schallen auf und Gottentehrung.

Ich hörte, daß verdammt zu solchen Plagen
Die Fleischessünder sind hinabgefahren,
Die ihrer Lust mit der Vernunft erlagen.

Wie man wohl eine dichte Flucht von Staren
Im Herbst sich schaukeln sieht auf dem Gefieder,
So trägt der Wind die schlimmen Geisterscharen

Nach rechts, nach links und aufwärts und hernieder,
Und ihnen kann zur Hoffnung nichts gedeihen,
Auf Ruhe nie, nie selbst auf Lindrung wieder.

Und wie die Kraniche zu langen Reihen
Sich scharen in der Luft und kreischend klagen,
So nahten sich mit langgezognen Schreien

Die Schemen, von demselben Sturm getragen.
Ich fragte: „Meister, wer sind diese Scharen,
Die so gepeitscht durch düstre Lüfte jagen?”

- „Die erste derer, über die im klaren
Zu sein dich lüstet, war einst vieler Lande
Beherrscherin”, ließ er mich da erfahren.

„Sie war verstrickt in ihrer Unzucht Bande;
Begier hob sie zur Zier durch ihre Thesen,
Um abzuwälzen ihre eigne Schande.

Es ist Semiramis, von der wir lesen,
Sie sei im Sultansland auf Ninus' Stuhle
Als seine Witwe Königin gewesen.

Und sie, die sich entleibt im Sündenpfuhle,
Sichäus' Asche untreu, ist die zweite;
Ihr folgt Kleopatra, die schlimme Buhle.” -

Und Helena, um die in blutigem Streite
Viel Zeit verstrich, Achilles ich erkannte,
Den erst der Tod vom Liebeskampf befreite.

Da sah ich Paris, Tristan. Und er nannte
Und wies mir tausend, die nur die Gesinnung
Der Liebe einmal aus dem Leben sandte.

Als er mir so bekannt macht' diese Innung,
Der alten Ritter Namen und der Frauen,
Raubt' mir das Mitleid beinah die Besinnung.

„O Dichter, gerne möcht ich mich vertrauen
Den beiden”, sprach ich, „die zusammengehen
Und auf dem Wind wie schwebend sind zu schauen.”

Er riet:„Sieh zu, wenn sie uns näherwehen,
Dann bitt sie, bei der Lieb sich zu bequemen,
Die sie umhertreibt - und sie bleiben stehen.”

Sobald der Wind uns zugejagt die Schemen,
Sprach ich: „Will's euch ein andrer nicht verwehren,
Gequälte Seelen, kommt, laßt euch vernehmen!”

Wie Tauben, hergerufen vom Begehren,
Vom Trieb getragen durch die Lüfte, leise
Zum süßen Nest mit straffem Fittich kehren,

So sah ich, wie aus Didos engerm Kreise
Das Paar auf arger Luft sich zu uns senkte:
So mächtig war die lockend liebe Weise.

„Du holdes Wesen, das uns Güte schenkte,
Durch Purpurluft zu uns kam hergezogen,
Uns, deren Blut die Erde einmal tränkte,

O, wär des Weltalls König uns gewogen,
Wir bäten ihn, sich friedlich dir zu neigen,
Weil unser Weh zum Mitleid dich bewogen.

Willst du in Prag und Rede Zutraun zeigen,
Wir stehen Red und Antwort unverdrossen,
Solange noch, wie jetzt, die Winde schweigen.

Es liegt das Land, in dem ich bin entsprossen,
Am Strand, wo sich der Po hinuntersputet,
Um auszuruhen mit den Weggenossen.

Die Lieb, die rasch des Edlen Brust durchglutet,
Mocht diesen für mein schön Gebild erfassen,
Mir so geraubt, daß noch mein Herz dran blutet.

Die Lieb, die nie Geliebtem Lieb erlassen,
Trieb mich zu ihm mit solchem Wohlbehagen -
Sie will mich, wie du siehst, noch heut nicht lassen.

Die Lieb hat uns in einen Tod getragen:
Kaina harrt auf den, der ihn verhängte.”
Mit diesen Worten hörten wir sie klagen.

Als ich die Ärmsten hatt vernommen,
senkte Das Antlitz ich und hielt's gebeugt so lange,
Bis mich der Dichter fragte, was mich kränkte.

Sobald ich Antwort fand, begann ich bange:
„Ach, wieviel süßes Sinnen, wieviel Sehnen
Trieb diese hin zu solchem Schmerzensgange!”

Ich wandte mich, fing an und sprach zu jenen:
„Die Qual, die ich vernahm aus deinem Munde,
Franziska, weckt mein Mitleid bis zu Tränen.

Doch sag mir: zu der süßen Seufzer Stunde
Woran und wie die Liebe euch belehrte
Mit des unausgesprochnen Wunsches Kunde?”

„Nichts”, sprach sie, „was uns solches Leid bescherte,
Als wenn Erinnrung steigt aus bessern Tagen
Im Elend, wie dein Meister es dich lehrte.

Doch treibt so große Sehnsucht dich, zu fragen,
Wie Liebe mag entkeimt in unsrer Brust sein,
So kann ich's dir nur unter Tränen sagen.

Wir ließen einst zu lesen unsre Lust sein
Von Lanzelot, wie Lieb ihn hielt gebunden,
Wir zwei allein und ohne Argbewußtsein.

Oft hatten sich beim Lesen schon gefunden
Die Augen, oft schon sich verfärbt die Wangen,
Doch eine Stelle hat uns überwunden.

Als zum ersehnten Lächeln wir gelangen,
Wie es geküßt wird von so schmuckem Streiter,
Da küßt auch er in bebendem Umfangen

Mich auf den Mund - für ewig mein Begleiter.
Zum Kuppler ward das Buch und der's verfaßte.
An diesem Tage lasen wir nicht weiter.”

So sprach der eine Geist, der andre faßte
Sich kaum vor Weinen; Mitleid schlug die Glieder
In Bann mir, daß, wie sterbend, ich erblaßte

Und wie ein toter Körper sank ich nieder.

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