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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle

Hinabgestiegen in den zweiten Höllenkreis, erblickt Dante, in dem richtenden Minos verkörpert, das erwachende Bewußtsein der Schuld. Dieser bestimmt die Strafen der nahenden Seelen. Jemehr die Sünder sich von der Sünde umstricken ließen, je öfter umwindet sich Minos mit seinem Schweif, je tiefere Kreise nehmen sie auf. Minos warnet, sein Amt einen Augenblick ruhen lassend, Dante sehr bedeutsam, sich vom weiten Eingange der Hölle nicht täuschen zu lassen. Virgil aber sagt ihm dagegen: Dantes Wanderung sei im Himmel beschlossen, und schreitet mit seinem Schützling vorüber. Die Luft ist finster und der ewig kreisende Sturm sinnlicher Liebe jagt dort die ruhelosen, nun entkörperten Schaaren derer umher, welche die Vernunft dem sinnlichen Triebe unterordneten. Die Führerin derselben ist Semiramis, die in ihren Gesetzen jedes Gelüstes Befriedigung gestattete. Virgil zeigt dem Dichter viele berühmte Seelen der Helden, welche der sinnlichen Liebe erlagen. Dante aber, tief bewegt von dem Anblick, begehrt mit zween der Schatten zu sprechen, die innig zusammen schweben, ruft sie an, und spricht mit ihnen. Sie empfinden auf das innigste den Antheil, den er an ihnen nimmt, und erzählen ihm den Ausgang und, auf sein Begehren, aber noch viel trauriger, den Anfang ihrer Liebe. Der Antheil, den Beide noch an einander nehmen, erschüttert unsern Dichter so tief, daß er wie ein Entseelter hinsinkt. Die beiden Schatten sind Paolo Malatesta da Rimini und dessen Schwägerin Franceska, Tochter des Guido da Polenta (Mehr davon in den Anmerkungen.)

So stieg ich von dem ersten Kreis hinunter
Zum zweiten, der geringern Raum umspannet
Und so viel Qual mehr, die zu Heulen stachelt.

Da stehet Minos graunvoll, weis't die Zähne:
Er prüfet die Verschuldungen am Eingang,
Urtheilt und bannt nachdem er sich umringelt.

Ich sage: wenn die schlimmgeborne Seele
Vor ihn hintritt, so beichtet sie sich ganz ihm,
Und dieser Kenner der begangnen Sünden

Schaut, welche Stätte in der Höll' ihr zukommt,
Umwindet mit dem Schweif dann so vielmal sich,
Als Stufen er hinabgebracht sie heischet.

Allimmer stehn vor ihm der Seelen viele,
Ein' um die Andre gehn sie All' zum Urtheil;
Sie sprechen, hören und sind hinabgewälzet.

„O du, der naht der leidigen Herberge,
Sprach zu mir Minos, als er mich ersahe,
Lassend die Uebung so gewaltgen Amtes:

Schau, wie du eingehst und weß du dich trauest:
Des Eingangs Weite möge dich nicht täuschen!” -
Da sprach mein Führer zu ihm: „„Warum nur schreist du?

Nicht hindern seine schicksalvolle Wandrung!
Man will sie so allda, wo man Gewalt hat
Deß, was man will, drum weiter nicht mehr fragen!”” -

Jetzo beginnen die wehmüth'gen Töne
Vernehmlich mir zu werden, angelanget
Bin ich, wo vieles Weinen mich erschüttert:

ch kam zu einem Ort stumm alles Lichtes,
Der brüllet, wie das Meer thut im Orkane,
Wenn es geschlagen wird von Gegenwinden.

Die Höllenwindsbraut, welche nimmer ruhet,
Reißt hin mit ihrem Ungestüm die Geister,
Die sie umwirbelnd und zerschlagend peinigt:

Und wenn sie hingelangen vor den Absturz,
Ist Heulen da und Schreien und Gewimmer,
Da lästern alle die göttliche Tugend.

Ich hörete, daß zu dergleichen Pein'gung
Verdammt sind die fleischlichen Sünder alle,
So die Vernunft dem Triebe unterwerfen.

Und wie die Staaren ihre Flügel tragen,
Zur kalten Zeit, in großen vollen Schaaren,
So werden von dem Hauch die bösen Geister

Von hier, von da, herauf, herab geführet,
Und keine Hoffnung stärkt dieselben jemals,
Nicht nur der Ruh, nein auch nicht klein'rer Strafe.

Und wie die Kraniche ziehn, ihre Klagen singend,
In Lüften sich zu langer Reihe schaarend,
Sah ich herüberkommen, Seufzer dehnend,

Die Schatten, von genannter Pein getragen;
Weshalb ich fragte: „Meister, was sind dieses
Für Schaaren, welche schwarze Luft so peinigt?” -

„„Die Erste unter diesen hier, von denen
Du Kunde willst, entgegnete mir Jener:
War einst Gebieterin von vielen Sprachen.

Sie war vom Wollustlaster so bewältigt,
Daß im Gesetz sie, was beliebt', erlaubt hieß,
Die Schand', in die sie kam, sich abzustreifen:

Es ist Semiramis, von der man lieset,
Daß sie den Minus säugt' und auch sein Weib war.
Das Land besaß sie, was der Sultan zügelt.

Die Zweit' ist die, die sich erstach um Liebe
Und Treue brach der Asche des Sichaeus:
Dort aber ist Cleopatra die üpp'ge.”” -

Auch Helena schaut' ich, um die so böse
Zeit sich gewälzt, und sah Achill den großen,
Ihn, der am Ende mit der Liebe kämpfte,

Sah Paris, Tristan und weit mehr als tausend
Der Schatten zeigt' und nannt' er nach dem Finger,
Die Lieb' aus unserm Leben scheiden machte.

Und, als ich dergestalt, von meinem Lehrer,
Nennen gehört der Vorwelt Frau'n und Ritter,
Ergriff mich Leid und fast wär ich vergangen.

Ich hub nun an: „O Dichter, gerne spräch' ich
Mit jenen Zweien, die zusammen schweben,
Und die dem Sturm so leicht zu werden scheinen!”

Und er zu mir: „„Sieh zu, wenn sie uns näher
Sein werden: bitte dann sie, bei der Liebe,
Die sie umhertreibt, und sie werden kommen.”” -

So schnell, wie sie der Wind zu uns herumbiegt,
Hub ich die Stimme: „O müde Seelen, kommet,
Mit uns zu sprechen, wenn's kein Andrer wehret!”

Und wie die Tauben, vom Begehr gerufen,
Die Flügel auf und fest zum süßen Neste
Ziehn, durch die Luft vom Wollen hingetragen:

So kamen sie aus dem Schwarm, da Dido inn' ist,
Zu uns die peinigende Luft durchschwebend;
So mächtig war der liebevolle Zuruf!

„O du, huldvolles Wesen du, und mildes,
Das durch die düstre Luft uns suchen gehet,
Uns, die mit Blut die Erde wir befleckten!

Wenn Freund uns wär' der König aller Welten;
Wir würden beten zu ihm um deinen Frieden,
Weil du mit unserm Graunweh' Mitleid fühlest.

Und was zu hören und sagen euch beliebet,
Wir werden hören es und zu euch sprechen,
So lang' der Sturm, wie jetzt er thut, uns still ist.

Die Stadt, wo ich geboren wurde, lieget
Am Meeresufer, wo der Po herabgeht:
Um da mit seinem Gefolge Ruh' zu finden.

Liebe, die schnell ein edles Herz befähet,
Besing den hier, zur lieblichen Gestaltung,
Die mir geraubt ward; noch empört das wie mich!

Liebe, die keinem Geliebten erläßt das Lieben,
Ergriff mich in der Luft an ihm so mächtig,
Daß, wie du siehst, er noch nicht mich verlässet!

Die Liebe führte uns zu gleichem Tode;
Kains Wohnstatt harret deß, der uns getödtet.”
Die Worte wurden uns gebracht von ihnen.

Und, als ich angehört die wunden Seelen,
Neigt' ich das Antlitz und so lange hielt ich's
Gesenkt, bis mich der Dichter frug: „„Was sinnst du?”” -

Als ich antwortete, sagt' ich: „Ich Schwacher!
Wie viele süße Gedanken, wie viel Sehnen,
Sie hingeführt zu dem unsel'gen Schritte!”

Drauf wandt' ich mich zu ihnen und begann so
Zu sprechen: „O Franceska, deine Qualen,
Zu Thränen machen sie mich trüb und traurig;

Doch sag' mir: in der Zeit der süßen Seufzer,
Wie, und woran gestattete es Liebe,
Daß ihr die ungewissen Wünsch' erkanntet?”

Und sie zu mir: „„Kein größres Leiden giebt es,
Als sich erinnern der glücksel'gen Zeiten
Im Elend: solches aber weiß dein Lehrer.

Doch wenn die erste Wurzel unsrer Liebe
Zu kennen, du so große Sehnsucht hegest:
Sag ich sie, Einer gleich die weint und redet.

Wir lasen eines Tages, zum Vergnügen,
Von Lanzelot, wie Liebe ihn bestricket:
Wir waren da allein und sonder Arges.

Zu vielenmalen hatt' uns, war wir lasen,
Vereint die Blicke und entfärbt das Antlitz;
Doch eine Stelle war's, die uns bewältigt:

Als wir nun lasen wie ersehntes Lächeln
Von so erhabnem Liebenden geküßt wird ...
Hier Dieser, welcher nie von mir getrennt wird,

Er küßte an den Mund mich, ganz erzitternd:
Ein Kuppler war das Buch und der's geschrieben!
Desselben Tages lasen wir nicht weiter.”” -

Indem die eine Seele solches sagte,
Weinte die andre so, daß ich vor Mitleid
Ohnmächtig wurde, gleich als ob ich stürbe,

Und hin fiel ich, wie eine Leiche hinfällt.

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