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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Bernd von Guseck - Die Göttliche Komödie - Hölle

Sünden der Liebe.

So stieg ich nieder aus dem ersten Kreise
Zum zweiten, der geringern Raum umschließt,
Doch weit mehr Schmerz in grauser Klageweise.

Furchtbar steht Minos dort, der fletschend grüßt,
Die Schuld bei Jedes Eintritt untersucht
Und dann, was Recht ist, über ihn beschließt.

Fortwährend, wenn die Seele, die verflucht,
Sich vor ihn stellt, die Sünden zu bekennen,
Und er, der jeden Fehl weiß, der ihn sucht,

Sieht, welchen Höllenort ihr zu erkennen:
Umringt er mit dem Schweif sich so viel Mal,
Als er für sie will tief're Grade nennen.

Vor ihm steht immer eine große Zahl,
Sie kommem nach einander zum Gerichte,
Sie sprechen - hören - gehen ein zur Qual! -

„O du, der kommt zum Schmerzensort vom Lichte,
Rief Minos, als er mich erblickt, mir zu,
Indem er inne hielt im Dienstverrichte,

Sieh' wie du eingehst! Worauf trauest du?
Dich täusche nicht der Pforte weites Ragen!” -
Da sprach zu ihm mein Führer: „Halte Ruh!

Verhind're seinen Gang nicht! Laß dir sagen:
Dort will man es, wo man auch immer kann,
Daß, was man will. Darum kein weit'res Fragen!” -

Da fingen schon die Klagetöne an
Mir höhrbar werdend und ich war gekommen,
Wo, mich erschütternd, laut Gebell begann.

Ich sah mich dort, wo jedes Licht verglommen,
Da brüllt' es, wie das Meer im Sturme thut,
Wenn es am Kampf der Winde Theil genommen.

Der höllische Orkan, der nimmer ruht,
Nimmt sich zum Raub die Geister und entrafft
Und kreist und peitscht und schüttelt sie mit Wuth,

Und wenn sie kommen, wo der Abgrund klafft,
Dann heulen sie und jammern und schrei'n
Und lästern Gottes Allmacht schauderhaft.

Ich hörte, daß verdammt zu solcher Pein
Die Sünder sind im Fleisch, die den Gelüsten
Sich unterwerfend die Vernunft entweih'n.

Wie Staare, welche sich zum Abzug rüsten
Vor Winterszeit in Schaaren voll und breit,
So führt die Geister, die gelebt in Lüsten,

Der Sturmwind hieher, dorthin, hoch und weit.
Niemals kann ihnen Trost in Hoffnung tagen
Auf eine Rast - auch nur auf mind'res Leid.

Und wie die Kraniche mit ihren Klagen
In langer Reihe durch die Lüfte ziehen,
So sah ich kommen, vom Orkan getragen,

Viel Schatten, die vor wildem Schmerze schrieen,
Daher ich fragte: „Wer sind Jene dort,
Die so vom schwarzen Sturm gepeinigt fliehen?” -

„Die erste, sprach Virgil, von der mein Wort,
Wie du es wissen willst, kann Nachricht geben,
War Kaiserin von vieler Sprachen Hort.”

Sie war der Ueppigkeit so frech ergeben,
Daß ihr Gesetz erlaubte das Gelüst,
Um von sich selbst die Schande zu entheben.

Sie hieß Semiramis, von der man liest,
Daß sie auf Ninus folgte, den Gemahl,
In jedem Land, das nun des Sultans ist.

Die Zweite tödtet' sich aus Liebesqual,
Sichäus Asche brechend ihre Treue,
Dann kommt Kleopatra. - Und in der Zahl

Sah ich noch Helena, die eine Reihe
Von bösen Jahren brachte, dann Achill
Den Großen, den erlegt der Liebe Reue!

Sah Paris, Tristan!
Ich Schatten nennen, die er mir angezeigt
Als Liebesopfer, und nachdem ich still

Den Lehrer angehört, der mir geneigt
Der Vorzeit Frauen nannte mit den Herr'n,
Ward ich vom Mitleid fassungslos erweicht.

Und ich begann: „O Dichter, wie so gern
Spräch' ich mit jenen Beiden, die der Wind
So leicht zu tragen scheint, gesellt von fern!” -

Und er: „Sieh zu, wenn sie uns näher sind,
Beschwöre sie bei Allem, was sie lieben,
Dann kommen sie gewiß zu dir geschwind.” -

Sobald sie nun der Sturm zu uns getrieben,
Hob ich die Stimme: „Leidbewegte Seelen,
Kommt uns zu sprechen, wenn's euch frei geblieben!” -

Wie Tauben vom Verlangen sich beseelen,
Zum süßen Nest mit offnen festen Schwingen
Die Luft durchzieh'n und nicht ihr Ziel verfehlen,

So Jene sich der Dido Schaar entringen,
Und kommen zu uns durch die böse Luft -
Wie stark der Ruf des Mitleids mocht' erklingen!

„O gütig Wesen, das in unsre Kluft
Uns zu besuchen kommt auf dunkeln Pfaden,
Uns, welche blutig sanken in die Gruft -

Wär' uns des Weltalls König hold in Gnaden,
So wollten wir um deinen Frieden flehen,
Der du uns Mitleid schenkst in unserm Schaden!

Sag' an, was dir gefällt, es soll geschehen,
Wir sprechen oder hören, wie sich's fügt,
So lange schweigt, wie jetzt, des Windes Wehen.

Das Land, wo ich geboren wurde, liegt
Am Meere, wo der Po mit seinen Flüssen
Hinabsteigt, daß er sich in Ruhe wiegt.

Die Liebe, sanften Herzen schnell beflissen,
Nahm Jenen ein, den sie nicht zu ruhen läßt,
Für meinen Leid, der mir so hart entrissen;

Die Keinem, der geliebt ist, Lieb' erläßt,
Sie hat auch mich zu ihm so stark entzündet,
Der, wie du siehst, mich jetzt noch nicht verläßt,

Daß sie zu einem Tode uns verbündet:
Der uns erschlug, sein harret Kains Land!” -
Mit diesen Worten ward es uns verkündet.

Als die gekränkten Seelen ich verstand,
Senkt' ich das Antlitz tief, bis sich der Dichter,
„Was denkst du?” fragend, drauf zu mir gewandt.

Da rief ich: „Wehe! welcher Traum von lichter
Entzückung, welcher Wünsche süßes Sehnen,
Hat sie geführt durch Schmerzen vor den Richter!” -

Dann kehrt' ich mich von ihm und sprach zu Jenen
Und rief: „Francisca! deine Qualen, sieh!
Betrüben mich zu mitleidsvollen Thränen;

Doch sprich, zur Zeit der süßen Seufzer, wie
Und wann bewirkt' die Liebe, daß dein Herz
Gehör den zweifelhaften Wünschen lieb?”

Und sie erwiederte: „Kein größ'rer Schmerz,
Als seines Glücks im Elend zu gedenken!
Das weiß, der dich geleitet niederwärts!

Doch reizt es dich, den Blick darauf zu lenken,
Wie uns're Liebe ihre Wurzeln schlug,
So will ich weinend dir die Kunde schenken.

Wir lasen einst, wie Amors Fesseln trug
Held Lanzelot, des Tafelrunds Geselle, -
Wir ganz allein, wo Niemand nach uns frug.

Mehrmals ließ uns're Augen funkelnd helle
Der Inhalt glüh'n und färbte roth die Wangen,
Doch uns bezwungen hat nur eine Stelle.

Wir lasen, wie das Lächeln voll Verlangen
Hinweggeküßt der Liebende, und Er,
Der nie von meiner Seite mehr gegangen,

Küßt' mir den Mund ganz zitternd d'rauf, wie der:
Galeotto heißt das Buch und der's geschrieben.
An jenem Tage lasen wir nicht mehr!„ - -

Indeß der eine Geist dies sagte, blieben
Des Andern Augen weinend, daß ich krank,
Ohnmächtig wurde von des Mitleids Trieben

Und wie ein Sterbender zu Boden sank.

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