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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Otto Gildemeister - Die Göttliche Komödie - Hölle

Im zweiten Kreise beginnt die eigentliche Hölle. Minos, nach der Art des Mittelalters in einen Teufel verwandelt, weist jeder Seele den Kreis an, der ihrer besonderen Sünde gebührt; die Zahl der Ringe, die sein Schweif schlägt, gibt die Zahl des Kreises an.
In dem zweiten Kreise wird Fleischeslust und sündliche Liebe gebüßt. Semiramis, welche die Ehe zwischen Eltern und Kindern erlaubt haben soll, um ihre blutschänderische Liebe zum eigenen Sohne zu legalisieren, Dido, Kleopatra und andere berühmte Schatten ziehen in dem ewigen Wirbelsturm, der ihre Leidenschaft symbolisch andeutet, vorüber, bis zwei kommen, die allein Dante ihren Ruhm verdanken, Francesca da Rimini und Paul Malatesta. Die unnachahmlichen Verse, welche ihnen gewidmet sind, lassen erkennen, daß Dante von einem Ereignisse spricht, welches seinen Zeitgenossen in frischer Erinnerung war und tiefe Teilnahme erweckt, vermutlich auch zu vielfachen Gerüchten und Zweifeln Anlaß gegeben hatte.

Francesca war die Tochter Guido Polentas, Herrn von Ravenna. Im Jahre 1275, zehn Jahre nach Dantes Geburt, ward sie aus politischen Gründen mit Gianciotto, ältestem Sohn des Herrn von Rimini, Malatesta Verucchio, verheiratet. Der zweite Sohn Paolo, der schon seit 1269 vermählt war, bekleidete 1282 ein militärisches Kommando in Florenz, war also wahrscheinlich Danten wenigstens von Ansehen bekannt. Gianciotto entdeckte im Jahre 1285, daß zwischen seiner Gemahlin und Paolo ein Liebesverhältnis bestehe; er überraschte sie und stach sie nieder. Boccaccio will in Ravenna von einem alten Diener Dantes gehört haben, Paul habe, weil er schön gewesen sei, den Freiverkehr für seinen lahmen und häßlichen Bruder gemacht; Francesca habe ersteren für den Bräutigam gehalten, sich in ihn verliebt und erst am Morgen nach der Brautnacht den Irrtum entdeckt. Dante selbst lebte während seiner letzten Jahre in Ravenna bei Guido Polenta, dem Neffen Francescas und wird von diesem die näheren Umstände der Familientragödie gehört haben. Er würde schwerlich den von Boccaccio erzählten Betrug, der Francescas Schuld so wesentlich gemildert hätte, verschwiegen haben, wenn er davon gewußt oder daran geglaubt hätte. Denn augenscheinlich synpatisierter mehr mit den Ehebrechern als mit dem betrogenen Gatten, dem er den tiefsten Hölleinkreis, "Kaïna", den Aufenthalt der Verwandtenmörder, in Aussicht stellt. (Gianciotto lebte noch um die Zeit, in die Dante seine Höllenfahrt verlegt; er starb 1304.)

Das Buch, welches Francesca und Paolo an dem verhängnisvollen Tage lasen, ist einer jener Ritterromane aus dem Sagenkreise König Arturs, die zu Dantes Zeit in allen Landen Europas eifrig gelesen wurde, "die Geschichte Lanzelotts vom See", welche im 66. Kapitel ausführlich erzählt, wie Königin Ginevra, auf Zureden des Königs Galehaut oder Galeotto, dem im stillen sie anbetenden Ritter "das ersehnte Lächeln" zeigt, das den ersten Kuß herbeiführte. Galeotto war der Kuppler gewissermaßen, und desalb sagte Francesca, das Buch sei ihr Galeotto gewesen.

Der Familie Malatesta begegnen wir in der Hölle" noch zweimal. Im 27. Gesange werden der alte Verucchio und ein dritter Sohn, Malatestino, als zwei Fanghunde geschildert, und im 28. Gesange wird Malatestino von Rimini eines Meuchelmordes beschuldigt. Das Geschlecht hat sich bis ins 16. Jahrhundert in Rimini behauptet; Lord Byrons Paristina, welche im Jahre 1418 mit Riccolo, Markgrafen von Ferrara, sich vermählte, war eine Malatesta.

Francescas berühmter Ausspruch, daß es keinen größeren Schmerz gebe, als im Elend sich des Glücks zu erinnern, scheint Dante auf eine Stelle in Virgil zurückführen zu wollen. Dein Lehrer kennt dies Leid," sagt sie zu unserem Dichter. Man hat aber eine solche Stelle in Virgils Werken nicht gefunden (das von Philaletes zitierte Ifandum regina jubes renovare dolorem enthält den gerade entgegengesetzten Gedanken), wohl aber nachgewiesen, daß in dem Danten wohlbekannten Werke des Boëthius "de cosolatione" die Worte vorkommen: In omni adversitate fortunae infelicissimum genus infortunii est fuisse felicem. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Dante diesen Satz im Auge hatte, jedenfalls wahrscheinlicher, als daß er, wie ein Ausleger meint, Francesca ganz allgemein sagen lassen wollte, Virgil als ein weiser Mann werde wohl wissen, daß sie recht habe.

Schon den alten Kommentatoren ist die besondere Ergriffenheit aufgefallen, mit der Dante diesen 5. Gesang schließt, und sie erklären sie so, daß er selbst auf eine von Sünden der Liebe nicht freie Jugend zurückgeblickt habe. Ohne dem zu widersprechen, kann man sich auch mit einer minder persönlichen und vielleicht poetischeren Deutung begnügen; die Betrachtung, daß so das Menschenschicksal sei, daß eine so süße Sehnsucht wie die der Liebe zu solchem Elend führen könne, reichte wohl aus, den Zeugen dieses Elends so zu erschüttern, wie es dargestellt wird.

Der zweite Höllenkreis.
A) Minos (1-24). Die Strafe sündiger Liebe.
B) Semiramis, Dido, Kleopatra, Helena, Achill, Paris, Tristan (25-72).
C) Francesca da Rimini (73-142)

So stieg ich nieder aus dem ersten Kreis
Zum zweiten, der, um minder Raum sich streckend,
Mehr Schmerz umschließt und mehr des Wehgeschreis.

Gräßlich sitzt Minos da, die Zähne bleckend,
Prüft jede Schuld am Eingang, richtet, schickt,
Mit Ringen seines Schweifs den Leib bedeckend.

Wann nämlich ihn die arme Seel' erblickt,
So treibt es sie, daß sie ihm alles künde,
Und weil er weß, was sich für jede schickt,

Schlingt dieser Kenner jeder Menschensünde
Um seinen Leib den Schweif so viele Mal,
So viele Grad' er meint der finstren Gründe.

Stets harren sie vor ihm in großer Zahl,
Und jede tritt heran und läßt sich richten,
Redet und hört und fährt hinab zu Tal.

„Du, dessen Schritt' ins Haus der Pein sich richten,”
Rief Minos aus, sobald er mich erschaut,
Einhaltend im Geschäft so großer Pflichten;

„Gib acht, eh sich dein Fuß hineingetraut;
Laß nicht des Eingangs Weite dich betören.”
Da sprach Virgil: „Was schreist du so laut?

„Nicht wag es, seinen Schicksalsgang zu stören:
Man will es so dort oben, wo man kann
Das, was man will. Laß mich kein Wort mehr hören.”

Jetzt fing der Schall von Schmerzenstönen an
Hörbar zu werden, jetzt war ich gekommen,
Wo Jammer zu durchbohren mich begann.

Ich war am Ort, wo jedes Licht verglommen,
Der brüllt, wie die empörte Meeresflut,
Wann Nord und Süd den Angriff unternommen.

Der Hölle Wirbelsturm, der nimmer ruht,
Jagt hier die Geister, sich im Flug zu drehen,
Und peitscht sie mit erbarmunsloser Wut.

Wann bis sie an den Rand der Tiefe wehen,
Dann Kreischen und Gestöhn und Weheschrein;
Dann hört man sie die Kraft des Höchsten schmähen.

Ich hörte, daß zu so beschaffner Pein
In diesen Kreis fleischliche Sünder fahren,
So die Vernunft der Lust zum Opfer weihn.

Wie in der kalten Zeit ein Schwarm von Staren
Die Flügel schwingt in weitem, dichtem Heer,
So führt der Windhauch diese Geisterscharen

Hinunter und hinauf und hin und her.
Kein Hoffen tröstet sie, Rast zu erringen,
Was sag' ich Rast? nur Leiden minder schwer.

Und wie die Kranich' ihr Klage singen,
Die Luft durchschneidend in gestreckter Reih',
So kamen jetzt auf jenes Sturmes Schwingen

Schatten daher mit kläglichem Geschrei.
Drum fragt' ich: „Herr, wer sind die, die gezwungen,
Von schwarzer Luft gegeißelt, ziehn vorbei?” -

- „Die erste derer, die im Kreise geschwungen
Dahinziehn, (so zur Antwort gab er mir,)
War Kaiserin einst über viele Zungen.”

„Sie war so preisgegeben brünst'ger Gier,
Daß zum Gesetz sie machte das Belieben,
Die Schmach zu wenden, welche lag auf ihr:

„Semiramis, von der die Alten schrieben,
Des Ninus Weib und Thronnachfolgerin
In Landen, die des Sultans Raub geblieben.

„Und sie, die in Verzweiflung fuhr dahin,
Sichäus' falsche Witwe ist die zweite;
Ihr folgt Ägyptens üpp'ge Königin.

„Helena schaue, die zu solchem Streite
Ursache ward, schau den Achilles dort,
Den erst der Tod vom Liebeskampf befreite.

„Schau Paris, Tristan, -” und mit Hand und Wort
Nannt' er und wies mir tausend so betörte,
Die Liebe hat gebracht an solchen Ort.

Nachdem ich so von ihm die Namen hörte
Der Fraun des Altertums und edlen Herrn,
Ergriff mich Mitleid, das mich fast verstörte.

Und ich begann: „Poet, ich spräche gern
Mit jenen zwei, die miteinander gehen,
Vom Winde leicht getragen, nicht mehr fern.”

Und er: „Gib acht, sobald sie näher wehen;
Dann bitte sie, so wie dein Sinn begehrt,
Bei ihrer Liebe, und sie werden stehen.”

Wie nun der Wind in unsren Weg sie kehrt,
Erheb' ich meine Stimm': „O arme Schatten,
Steht Rede, wenn's ein andrer nicht verwehrt.”

Wie von Begier gelockt zwei Taubengatten
Mit offnen Flügeln nach dem trauten Nest,
Vom Wunsch getragen, fliegen von den Matten,

So von dem Schwarm, den Dido nie verläßt,
Kamen sie durch die böse Luft geflogen:
So hielt mein liebevoller Ruf sie fest.

„Freundliches Wesen, das so hold gewogen
Uns heimsucht, trotz des schwarzen Sturms und Schwalls,
Uns, deren Blut das Erdreich hat gesogen,

„Wär' gnädig uns der Herr des Weltenalls,
Wir würden dich zu segnen ihn beschwören,
Weil dich erbarmt hat unsres bittren Falls.

„Was dir gefällt zu reden und zu hören,
Wir sind zu Red' und zu Gehör bereit,
Dieweil der Wind abläßt, uns zu verstören.

„Die Stadt, wo ich zur Welt kam, liegt nicht weit
Von jenem Meere, wohin der Po sich senket,
Um auszuruhn mit seinem Heergeleit.

„Liebe, die schnell das Herz der Edlen lenket,
Hielt diesen durch die schöne Bildung fest,
Die ich verlor, daß noch die Art mich kränket..

„Liebe, die nie Geliebtem Lieb' erläßt,
Ergriff zu ihm mich mit so süßem Zwange,
Daß, wie du siehst, sie noch mich nicht verläßt.

„Und Liebe weiht' uns einem Untergange.
Kaïna harret des, der uns erschlug.”
Die Wort' ertönten mir mit leisem Klange.

Als ich die armen Seelen hörte, schlug
Den Blick ich nieder, nicht sufschauend, ehe
Der Meister nicht, an was ich denke, frug.

Da hob ich an und gab ihm Antwort: „Wehe!
Welch eine süße Sehnsucht und Bgier
Hat sie ins Leid geführt, wo ich sie sehe!”

Dann wieder wandt' ich mich und sprach zu ihr:
„Francesca, deine Marter zu betrachten,
Bringt heiße Tränen in die Augen mir.

„Sag aber nun, bei jenem süßen Schmachten -
Woran vergönnte Lieb' in jener Zeit,
Daß kenntlich sich die dunklen Wünsche machten?”

Da sprach sie: „Keine größre Traurigkeit
Als sich erinnern aus beglückten Tagen
Im Elend, und dein Lehrer kennt dies Leid.

„Doch wenn dein Herz dich treibt, danach zu fragen,
Wie jene Lieb' entsprang in unsrer Brust,
So will ich tun wie die, so weinend sagen.

„Wir lasen eines Tages zu unsrer Lust
Vom Lanzelott, wie Lieb' ihn hielt gebunden,
Wir beid' allein, uns keines Args bewußt.

„Oft hatten schon die Augen sich gefunden
Bei diesem Lesen, oft erblaßten wir,
Doch eine Stelle hat uns überwunden:

„Da wo das heißersehnte Lächeln ihr
Zuerst geküßt wird von dem hohen Streiter,
Da küßte bebend meine Lippen mir

„Dieser, hinfort mein ewiger Bgleiter.
Galeotto war das Buch und der es schrieb.
An jenem Tage lasen wir nicht weiter.”

Indes der eine Geist dies so beschrieb,
Weinte der andre, daß vom Überwallen
Des Mitleids ich betäubt und leblos blieb

Und niederfiel, wie tote Körper fallen.

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