05
Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle

Im zweiten Kreise ist Minos, der Höllenrichter. Hier werden die Sünder in der Liebe durch grausame Winde in der dicken, finstern Luft umgetrieben. Francesca von Rimini erzählt ihr Vergehen, und Dante fällt wie todt dahin.

So stieg ich von dem ersten Kreis hinab
Zum zweiten, welcher einfaßt engern Raum,
Doch soviel Pein mehr, die zur Klag' anstachelt.

Graunvoll steht Minos dort und fletscht die Zähne,
Prüft an dem Eingang die Verschuldungen,
Urtheilt, schickt weg, je wie er sich umschlingt.

Ich meine, wenn die schlimmgeborne Seele
Vor ihn gelangt, so beichtet sie ihm alles;
Und jener Kenner aller Schuldvergehen,

Wohl wissend, welchem Raum sie angehöre,
Umringelt sovielmal sich mit dem Schweife,
Als Stufen man hinab sie bringen soll.

Stets sieht zugleich man viele vor ihm stehen,
Die, einzeln jed', ihr Urtheil dort empfangen,
Sprechen und hören, und es folgt ihr Sturz. -

„Du, der du zu der Qualherberge kommst”,
Sprach zu mir Minos, als er mich erblickte,
Einhaltend im Vollzug so wicht'en Amtes,

„Schau, wie du eintrittst und auf was du traust,
Und täusche dich nicht ob des Eingangs Weite.” -
Da sprach zu ihm mein Führer: „Was denn schreist du?

Nicht hindre den von Gott verhängten Gang:
So wll man es dort oben, wo man kann
Das, was man will, und frage drum nicht weiter.” -

Nun fingen an vernehmbar mir zu werden
Die Schmerzenslaut'; ich war dahin gekommen,
Wo groß Wehklagen meine Ohren traf.

Den Ort betrat ich, alles Lichtes baar,
Der brüllte, wie bei Sturm das Meer es thut,
Wenn es gegeißelt wird von Gegenwinden.

Die Höllenwindsbraut, welche niemals ruht,
Reißt fort in ihrem tollen Zug die Geister,
Die sie durch Stoß und Ueberstürzen quält.

Wenn an den Absturz sie nun hingelangen,
Erhebt sich dort Geschrei, Wehklag' und Jammern;
Der Tugend fluchen sie, der göttlichen.

Und ich vernahm, daß hier zu solcher Qual
Verdammt die fleischlichen Verbrecher wären,
Bei denen die Vernunft der Lust erliegt.

Und wie die Staare ziehn, vom Flug getragen,
In breiter, voller Schaar, zur Winterszeit:
So führt die schlimmen Seelen jener Windstoß

Hierhin, dorthin, nach unten und nach oben,
Und niemals tröstet Hoffnung sie,
Nicht nur des Ruhn's, nein, auch selbst mindrer Leiden.

Und wie die Kraniche ihr Klaglied singen,
Wenn sie die Luft in langer Reih' durchziehn:
So sah dahin ich ziehn, ihr Wehe jammernd,

Getrieben von besagter Qual die Schatten.
Deshalb nun sprach ich: „Meister, wer sind jene,
Die von der grausen Luft so Pein erleiden?” -

„Die erste jener Seelen, davon Kunde
Du haben willst”, sprach Jener drauf zu mir,
„War über viele Sprachen Herrscherin.

Der Wollusr Laster war sie so ergeben.
Daß ihr Gesetz Gelüst gestattete,
Um den erlittnen Vorwurf abzuwälzen.

Es ist Semiramis, von der man liest,
Thronfolgerin des Ninus, ihrer Gatten;
Das Land besaß sie, wo der Sultan herrscht.

Die dort gab sich den Tod in Liebeswahnsinn
Und brach die Treu der Ache des Sichäus;
Dann kommt Cleopatra, die Schwelgerische.” -

Ich schaute Helena, um die solch Unheil
Sich einst erhub; ich sah Achill den Helden,
Ihn, der zuletzt noch mit der Liebe kämpfte;

Sah Paris, Tristan, und er zeigte mir,
Und nannte sie, wohl mehr als tausend Schatten,
Die durch die Lieb' aus unserm Leben schieden.

Als ich den Meister hatte nennen hören
Die Frauen und die Helden alter Zeiten,
Ergriff mich Mitleid und beinah Bestürzung.

Und ich begann: „O Dichter, gerne spräch' ich
Mit jenen Beiden, die zusammen gehen
Und also leicht im Windhauch sich bewegen.” -

Und er zu mir: „Nimm wahr, wenn näher sie
Uns werden sein, dann bitte bei der Liebe,
Die jene leitet, und sie werden kommen.” -

Sobald der Wind sie her zu uns geweht,
Rief ich sie an: „O leidbeschwerte Seelen,
Sprecht doch mit uns, wenn es euch Niemand wehrt!"”

Wie Tauben, vom Verlangen angetrieben
Zum süßen Nest, mit weiten, sichren Flügeln
Vom Wunsch getragen durch die Luft hineilen:

So trennten sie vom Schwarm sich, worin Dido,
Auf uns zukommend durch die schöde Luft:
So mächtig war der liebevolle Zuruf.

„O gütiges und huldgeneigtes Wesen,
Das durch die purpurschwarze Luft uns aufsucht,
Uns, die wir einst die Welt mit Blut gefärbt!

Wenn uns geneigt des Weltalls Herrscher wäre,
Um deinen Frieden würden wir ihn bitten,
Für dein Mitleid mit unsrer bittern Pein.

Sag, was du hören, was du sprechen möchtest;
Wir wollen hören, wollen mit dir sprechen,
So lang der Wind, wie jetzt, sich still verhält.

Es liegt die Stadt, worinnen ich geboren,
Am Meeresstrand, zu dem der Po sich senkt,
Um Rast mit seinem Flußgefolg' zu finden

Liebe, die schnell ein edles Herz ergreift,
Fing Jenen mit dem Reize der Gestalt,
Die mir geraubt ward, so, wie's noch mich kränket;

Liebe, die Keinem Gegenlieb' erläßt,
Ergriff mich in der Luft an ihm so mächtig,
Daß, wie du siehst, sie noch nicht von mir weichet.

Liebe, sie führte uns zugleich zum Tode:
Kaina wartet deß, der uns getödtet.” -
Dies Wort ward uns von ihnen zugebracht.

Als ich vernommen die bedrängten Seelen,
Neigt' ich mein Antlitz und hielt es geneigt,
Bis mich der Dichter fragte: „Was denn sinnst du?” -

Antwortend nun, begann ich; „Weh mir Armen!
Welch süßes Sinnen, welches Glutverlangen
Hat zum unsel'gen Schritte sie geführt!” -

Dann, weiter sprechend, wandt' ich mich zu ihnen,
Und begann: „Francesca, deine Leiden
Bewegen mich zu bangen Mitleidszähren.

Doch sage mir, zur Zeit der süßen Seufzer,
Wodurch und wie gestattete die Liebe,
Daß ihr die zweifelhaften Wünsch' erkanntet?” -

Und sie zu mir: „Nicht größern Schmerz wohl gibt's,
Als an glücksel'ge Zeit sich zu erinnern
Zur Zeit des Jammers, und dies weiß dein Lehrer.

Doch wenn den ersten Grund von unsrer Liebe
Zu kennen du so große Neigung hast,
Will ich wie jener thun, der weinend redet.

Wir lasen eines Tages zum Ergötzen
Von Lanzelot, wie ihn die Lieb' umstrickte:
Wir waren einsam und ohn' alles Arg.

Wohl mehr als einmal wirkte jenes Lesen,
Daß wir anblickten uns und uns entfärbten;
Doch eine Stelle war's, die uns bezwang.

Als wir von dem ersehnten Lächeln lasen,
Erweckt vom Kusse solches Liebenden,
Da küßte Er, der nie von mir sich trennt,

Am ganzen Leibe bebend, mir den Mund.
Verführer war das Buch und der's geschrieben -
An jenem Tage lasen wir nicht weiter.” -

Dieweil der eine Geist nun dieses sagte,
Weinte der andre so, daß vor Mitleiden
Mir die Besinnung schwand, wie wenn ich stürbe,

Und wie ein Leichnam fällt, so fiel ich hin.

list operone