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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
B. Carneri - Die Göttliche Komödie - Hölle

Zweiter Kreis, der einen geringeren Umfang hat, wie auch die folgenden, weil Dantes Hölle die Gestalt eines Trichters hat, dessen Spitze auf dem Mittelpunkt der Erde ruht. Die einzelnen Kreise hat man sich als breite Terrassen vorzustellen, die durch in den Felsen gehauene Stufen miteinander verbunden sind, sowie auch stellenweise durch Brücken, wo nämlich Schluchten vorkommen. Zwischen dem V. und VI. Kreis befindet sich die Höllenstadt Dis oder des Dis, so genannt nach dem römischen Beinamen d. Pluton (VIII. und IX. Gesang.) in der nur Teufel, Furien und Gorgonen hausen, welche Stadt man aber passieren muß, um tiefer in die Hölle zu gelangen. Hier im II. Kreis werden bestraft, die der Wollust sich hingegeben haben. Am Eingang will Minos die Dichter zurückweisen; aber Virgil weiß ihn, wie früher Charon, zu beruhigen und zeigt und nennt Dante die durch einen finsteren Sturm umhergepeitschten Schatten, unter denen Francesca da Rimini und Paolo Malatesta seine ganze Teilname wecken. Francesca erzählt die Geschichte ihrer Liebe und ihres tragischen Todes mit solcher Innigkeit, daß Dante, von Mitleid ergriffen, in Ohnmacht fällt.

Vom ersten Kreis stieg ich hinab zum zweiten,
Der ungleich weniger des Raums umfaßt
Und desto mehr der Qual, die laut aufschreit.

Entsetzlich steht da Minos, zähneknirschend;
Er prüft die Schuld der Kommenden und richtet
Und sendet, je nachdem er sich umgürtet.

Ich sage: Daß, wenn die mißratne Seele
Vor ihn hintritt, sie jeden Fehl ihm beichtet.
Und jener Sündenbekenner sieht sogleich,

Auf welchen Höllenplatz sie hingehört:
Weievielmal er sich mit dem Schweif umgürtet,
So viele Stufen tief muß sie hinab.

In großer Zahl erscheinen sie vor ihm,
Gehn nacheinander alle zu Gericht,
Und alle reden, hören und versinken.

„O, der du kommst an diesen Trauerort”,
Rief, mich erblickend, Minos zornentbrannt,
Lassend in Stich sein schweres Amt, „gieb acht,

Wie du hereinkommst und wem du vertraust,
Laß nicht des Eingangs Weite dich bethören!” -
Da sprach mein Führer: „Warum schreist du so?

Behindr' ihn nicht auf seinem Schicksalsgang:
Man will es, wo man, was man will, auch kann;
Begnüge dich damit und frag' nicht weiter”. -

Ach, nun beginnen die schmerzvollen Klagen
Zu tönen an mein Ohr, nun bin ich dort,
Wo Thränen nur an meine Seele schlagen;

Nun bin ich dort, allwo das Licht verstummt
Und alles brüllt wie sturmdurchbraust das Meer,
Wann streit'ge Winde wühlen in den Wogen.

Der Hölle Wirbelsturm, der niemals ruht,
Er führt als seinen Raub mit sich die Geister,
Durch Drehn und Schlagen fort und fort sie quälend.

Und wann zum großen Einsturz sie gelangen,
Verdoppelt sich das Jammern und Geheul,
Und wird geflucht der göttlichen Gewalt.

Es heißt, daß diese Strafe jene trifft,
Die, die Vernunft der Neigung unterordnend,
Sich hingegeben eitler Sinnenlust.

Und wie der Stare festgeschloss'ne Reihn
In Winterstürmen hin und wieder wogen:
Treibt jener Wirbel die Verlorenen

Nach links und rechts, hinab, hinauf, und keine
Hoffnung sie jemals tröstet mit der Aussicht
Auf Qualmindrung oder etwas Rast.

Und wie die Kranich' in endlosem Streif,
Klagend ihr Leid, sich hinziehn durch die Luft,
So sah, getragen von besagter Sorge

Wehklagend ich die düstern Schatten nahn;
Weshalb ich fragte: „Meister, wer sind jene
So grausam von der Nacht gestraften Wesen?” -

„Die dort, von der du Nachricht willst zunächst”,
Antwortete mein Führer mir sodann,
„War vieler Völkerschaften Herrscherin.

Sie war durch Wollust so verderbt. daß sie,
Zu wehren jedem Tadel, durch Gesetz,
Was ihr gefiel, ließ als erlaubt erklären.

Es ist Semiramis, von der man liest,
Daß sie dem Ninus folgt' und sein Gemahl war;
Ihr Land war das vom Sultan heut' beherrschte.

Treuloder Asche des Sicheus, gab sich
Die Zweit' aus Liebesleidenschaft den Tod.
Dort ist Kleopatra, die Wollust selbst,

Und Helena, die so viel böse Zeit
Heraufbeschwor. Achilles siehst du da,
Der endlich auch dem Liebesgott erlag”.

Und Tristan, Paris und wohl mehr als tausend
Der Schatten nannt' er, weisend mit dem Finger,
Alle durch Lieb' entrissen unserm Leben.

Nachdem von meinem Lehrer ich gehört
Die Namen all der edlen Fraun und Ritter,
Ergriff mich Mitleid, daß ich schier verzagte.

„Mein Dichter”, sagt' ich endlich, „gar zu gern
Spräch' ich die Zwei, die da selbander gehn,
Und leicht wie Lüfte sich im Wind bewegen”. -

Und er zu mir: „Wirst sehn, sobald sie mehr
Sich nahn; mußt bei der Liebe, die sie leitet,
Sie dann beschwören, und sie werden kommen”. -

Sowie der Wind sie hergeweht, erhob ich
Die Stimme: „Tiefbetrübte Seelen, kommt
Und sprecht uns an, falls niemand es verbietet”. -

Wie Tauben, wann die süße Sehnsucht ruft,
Mit off'nen Fittigen zum Neste fliegen,
Getragen von des Willens Wundermacht:

Verließen allsogleich sie Didos Schar,
Die böse Lust durcheilend auf uns zu;
So laut erklang der liebevolle Ruf. -

„O freundlich mildes, güt'ges Wesen du,
Das uns, die wir die Welt mit Blut befleckt,
Aufsucht im Raume der Verlorenen;

Wär' gnädig uns gesinnt der Herr des Weltalls,
Wir bäten ihn um deinen Seelenfrieden,
Der du so teilnimmst an verruchtem Leid.

Und was du hören oder reden willst,
Wir werden reden, hören, wie du willst,
Solang, wie jetzt, der Sturmwind schweiden mag.

Es liegt das Land, in dem das Licht der Welt
Ich einst erblickt, am Meer, wo sich ergießt
Der Po, Ruh' suchend für sich und die Seinen.

Liebe, die jedes zarte Herz ergreift,
Hat's diesem mit der Schönheit angethan,
Die man mir nahm; noch kränkt die Weise mich.

Liebe, die keiner ungestraft erwidert,
Hat mir so wert gemacht sein Wohlgefallen,
Daß, wie du siehst, es noch nicht mich verläßt.

Liebe hat beid' uns in den Tod getrieben;
Die Kainsschlucht harret des, der uns erschlug.”. -
So scholl von den zwei Schatten es herüber,

Und während ich den Schwergekränkten lauschte,
Senkt' ich das Haupt und hielt es so gesenkt,
Bis mich der Dichter frug: „Was sinnest du?” -

Zur Antwort mich aufraffend, rief ich: „Weh',
Welch süß Gedenken, welches Glutverlangen
Hat die getrieben zu dem Leidensschritt!”

Dann wandt' ich mich zu jenen und begann:
„Francesca, deine martervolle Qual
Rührt bis zu Thränen meine Traurigkeit.

Doch sage mir, zur Zeit der süßen Seufzer,
Wozu, wieso mocht' euch die Liebe lassen
Erkennen all die zweifelvollen Wünsche?” -

Darauf sagte sie: „Nicht giebt es größern Schmerz
Als Rückerinnrung an glücksel'ge Zeit
Im Elend; und das weiß dein Dichter gut.

Doch wenn es dich so mächtig drängt, zu kennen
In ihrer ersten Wurzel diese Liebe,
Will's machen wie der, der weint und spricht.

Wir lasen eines Tages zum Vergnügen
Von Lancelot und seiner Liebesqual;
Alleine waren wir, ohn' allen Argwohn.

Beim Lesen mehrmals trieb's den Blick empor.
Und totenblaß entfärbten sich die Wangen;
Doch eine Stelle nur hat uns besiegt:

Als wir gesehn, wie das ersehnte Lächeln
Geküßt ward von dem königlichen Buhlen,
Hat dieser hier, den nichts mehr von mir trennt,

Mich auf den Mund geküßt, vor Glut erzitternd.
Ein Kuppler war das Buch und der's geschrieben;
An jenem Tage lasen wir nicht weiter”. -

Indes der eine Geist dies sagte, weinte
Der andre so, daß ich mich vor Erbarmen
Hinschwinden fühlte, wie wenn's ging ans Sterben,

Und hinsank, wie der Tote niedersinkt.

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