Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 04
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 04

1   Es brach den tiefen Schlaf in meinem Haupte
2   Ein Donnerschlag, von dem ich jäh emporfuhr,
3   Gleich einem, den gewaltsam man erwecket.

4   Das ausgeruhte Auge ließ ich schweifen!
5   Grad' aufgerichtet schaut' ich in die Runde,
6   Den Ort, wo ich verweilte, zu erforschen.

7   In Wahrheit fand ich mich am jähen Absturz
8   Des tränenreichen Tal's der Unterwelt,
9   Aus dem unnennbar'n Schmerzes Wehruf aufstieg.

10   So qualmerfüllt, so dunkel und so tief war's,
11   Daß ich, wie sehr ich auch das Auge schärfte,
12   In seinem Grunde nichts erkennen konnte.

13   Laß denn zur blinden Welt uns niedersteigen!
14   Begann der Meister mit verstörtem Antlitz,
15   Voraufgehn will ich, und sei du der zweite -

16   Und weil ich seine Blässe wahrgenommen,
17   Sagt' ich: Wie soll ich folgen, wenn Du zagest,
18   Der meinem Zweifel sonst Beruh'gung bringt? -

19   Er aber sprach: Die Seelenpein der Geister
20   In diesem Kerker malt auf meine Wangen
21   Des Mitleid's Farbe, welche du für Furcht hältst.

22   Auf denn! Zur Eile treibt des Weges Länge -
23   So schritt er vor, so ließ er mich betreten
24   Der Kreise ersten, die du Abgrund gürten.

25   Hier war, so viel als meinem Ohr vernehmlich,
26   Kein Weheklagen, sondern nur ein Seufzen,
27   Das jene ew'ge Luft erbeben machte:

28   Gram ohne Qualen war des Seufzens Ursach,
29   Der auf den Scharen all, die viel und zahlreich,
30   Von Kindern, Frau'n und Männern, ewig lastet.

31   Mein Meister sprach: Du unterläßt zu fragen,
32   Was es für Geister sind, die du hier siehest;
33   Doch sollst Du, eh wir weiter gehn, vernehmen,

34   Daß sie nicht sündigten. Und wenn Verdienste
35   Sie hatten, g'nügt es nicht, weil ohne Taufe
36   Sie starben, welche deines Glaubens Teil ist.

37   Und lebten sie noch vor dem Christentume,
38   So beteten zu Gott sie falscher Weise;
39   Und diesen bin ich selber beizuzählen.

40   Ob solchen Mangels, nicht ob andren Fehles,
41   Sind wir verloren, und nur dadurch leidend,
42   Daß, ohne Hoffnung, wir in Sehnsucht leben. -

43   Als ich's vernommen, faßte tiefer Schmerz mich
44   Denn ich begriff, wie Seelen höchsten Wertes
45   In dieses Vorhofs Mittelzustand schwebten.

46   Sag' an, mein Meister, sage mein Gebieter,
47   Begann ich, um Bestätigung zu finden
48   Des Glaubens, welcher jeden Wahn vernichtet:

49   Ward einer je von hier befreit und selig
50   Durch fremdes, oder eigenes Verdienst? -
51   Und er, verstehend die verhüllte Rede,

52   Entgegnete: Noch neu in diesem Zustand
53   War ich, als ein Gewaltiger daher kam,
54   Um dessen Haupt sich Siegeszeichen wanden.

55   Er raubte uns des ersten Vaters Schatten
56   Und Abel seinen Sohn, Noah und Moses,
57   Der die Gesetze schrieb, und doch gehorchte,

58   Abra'm den Patriarchen, König David,
59   Israel mit dem Vater und den Kindern
60   Und Rahel auch, um die er lang geworben,

61   Viel andre noch, und alle macht' er selig.
62   Doch wissen sollst du, daß niemals vor ihnen
63   Die Seele eines Menschen ward errettet. -

64   Nicht hemmten, weil er sprach, wir uns're Schritte
65   Rastlos durchschritten wir vielmehr den Wald;
66   Ich sage, Wald, von ungezählten Schatten.

67   Und als wir lange Zeit noch nicht gegangen
68   Seit mich der Schlaf befiel, sah ich ein Feuer,
69   Das eine Finsternishalbkugel hellte.

70   Obwohl noch mäß'ge Fern' uns von ihm trennte,
71   So glaubt' ich dennoch sicher zu erkennen,
72   Daß auserles'ne Seelen dort verweilten.

73   O Meister, der du Wissenschaft und Kunst ehrst
74   Warum genießen diese solches Vorrecht,
75   Das von dem Los der übrigen sie sondert? -

76   Drauf er zu mir: Der ehrenvolle Namen,
77   Der ihnen nachklingt dort im Erdenleben,
78   Gewinnet solche Gunst im Himmel ihnen. -

79   Da hört' ich einer Stimme Ruf erschallen:
80   Erweiset dem erhabnen Dichter Ehre!
81   Sein Schatten kehrt zurück, der uns verlassen. -

82   Als nun die Stimme schwieg und nicht mehr tönte,
83   Sah ich vier hohe Schatten sich uns nahn;
84   Ihr Antlitz zeigte Trauer nicht, noch Freude.

85   Mein Meister aber sagte rasch zu mir:
86   Sieh jenen mit dem Schwert in seiner Hand,
87   Der vor den andren hergeht als ihr Meister!

88   Das ist Homer, der königliche Dichter
89   Der zweit' ist der Satiriker Horaz,
90   Als dritter folgt Ovid, Lucan als letzter.

91   Weil jeder nun mit mir den Namen teilt,
92   Den du die Einzelstimme nennen hörtest,
93   Tun sie mir Ehr' an, und so ist's geziemend. -

94   So sah versammelt ich die schöne Schule
95   Der Meister des erhabensten Gesanges,
96   Der ob den andren, gleich dem Adler, fliegt.

97   Als miteinander etwas sie gesprochen,
98   Da wandten sie zu mir sich, freundlich grüßend;
99   Mein Meister aber lächelte darob.

100   Und mehr der Ehr' erzeigten sie mir noch;
101   Denn ihrer Schar gesellten sie mich zu,
102   So daß ich Sechster ward im Kreis der Weisen.

103   Inzwischen näherten wir uns der Flamme,
104   Und sprachen, was sich zu verschweigen ziemet,
105   So wie sich's ziemte, dort es zu besprechen.

106   Zum Fuße einer stolzen Burg gedieh'n wir,
107   Die siebenfache Mauern rings beschließen
108   Und die zur Wehr ein schöner Bach umgibt.

109   Den überschritten wir gleich festem Boden;
110   Durch sieben Tore traten dann wir ein
111   Und fanden uns auf frisch begrünter Matte.

112   Die Geister dort, sie blickten ernst und ruhig,
113   Es lag in ihrem Ausdruck hohe Würde,
114   Sie sprachen selten und mit sanfter Stimme.

115   Wir wählten einen Platz, der licht und offen
116   Zur Seite sich erhob, so daß von dort aus
117   Wir all die Scharen deutlich überschauten.

118   Uns gegenüber auf dem grünen Teppich
119   Wies mir mein Führer dann die großen Geister;
120   Weshalb ich noch mich rühm, und glücklich preise.

121   Elektra sah ich unter viel Gefährten,
122   Wovon Aeneas ich erkannt' und Hektor,
123   Cäsar im Waffenschmuck mit Falkenaugen.

124   Ich sah Cammilla und Penthesilea,
125   Latinus auch den König, und die Tochter
126   Lavinia, welche fern den andren saßen.

127   Den Brutus sah ich, der Tarquin vertrieben,
128   Lucretia, Julia, Martia und Cornelia,
129   Und einsam und abseits den Saladin. -

130   Als etwas höher ich die Wimper hob,
131   Sah ich den Meister aller die da wissen,
132   Umgeben rings von Philosophen-Schülern;

133   Auf ihn nur schauen ehrerbietig alle.
134   Hier sah ich Sokrates sowohl als Plato,
135   Die vor den andren ihm am nächsten stehn.

136   Auch Demokrit, dem alles gilt für Zufall,
137   Und Thales, Anaxagoras, wie Zeno,
138   Empedokles und Heraklit, den dunklen,

139   Diogenes und Dioskorides,
140   Heilsamer Pflanzen Sammler, Orpheus, Linus,
141   Cicero, Seneca, den Sittenlehrer,

142   Euklid, den Geometer, Ptolemäus,
143   Hippokrates, Galen und Avicenna,
144   Averroës, den großen Kommentator.

145   Unmöglich kann ich einzeln alle nennen.
146   Zur Kürze treibt so sehr des Stoffes Länge,
147   Daß dem Geseh'nen oft mein Wort nicht nachkommt. -

148   Die Sechsgesellschaft mindert sich auf Zweie,
149   Und andre Pfade wählt der weise Führer.
150   Aus ruh'ger Luft komm' ich in die bewegte,

151   In ein Gebiet, wo nichts mehr ist, das leuchtet.

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