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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Philaletes - Die Göttliche Komödie - Hölle

DIE VORHÖLLE.
Wundersam, im Schlafe, ist Dante in den ersten Höllenkreis gelangt, wo die tugendhaften Ungetauften weilen. Die Frommen des alten Bundes hat Christus erlöst, was Virgil, der erst fünfzig Jahre zuvor starb, miterlebt hat. Die kirchliche Überlieferung sagt nichts von dieser Erlösung. Die edlen Heiden genießen all die Schönheiten des Irdischen, nur die Ahnung und Hoffnung des höchsten Lichts bleibt ihnen fern. Neben den großen Dichtern findet Dante dort die Helden, die mit Roms Geschicken verknüpft sind, also auch die trojanischen Vorfahren, weiter die großen Philosophen, die ja damals höchste Verehrung genossen, und die Naturforscher, Mathematiker und Ärzte. Von Mohammedanern nennt er Saladin, den Aristoteleserklärer Averroës und den arabischen Arzt Avicenna, - ein Beweis für die tolerante Denkart des Dichters. Orpheus ist wohl als der Religionsstifter gewisser Traditionen gemeint und an Stelle des sagenhaften Sängers Linus vielmehr Livius zu lesen. Das Schwert in Homers Hand deutet auf den kriegerischen Inhalt der Ilias hin. Die sieben Mauern des Schlosses werden entweder als die vier moralischen und drei spekulativen Tugenden (Klugheit, Mäßigkeit, Gerechtigkeit, Stärhe, Einsicht, Wissnschaft und Weisheit) oder als die sieben freien Künste gedeutet (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie). Man denke auch an die Bedeutung der Zahl sieben.

Mir brach den tiefen Schlummer in dem Haupte
Ein schwerer Donner so, daß ich mich schüttelt',
Gleich einem, welcher mit Gewalt geweckt wird,

Und wandte rings das ausgeruhte Auge
Und richtete mich auf und schaute starrend,
Den Ort zu unterscheidend, wo ich wäre.

Und in der Tat fand ich mich an dem Rande
Der schmerzensreichen Niederung des Abgrunds,
Endlosen Jammers Donnertön' umschließend.

So düster war sie und so tief und neblig,
Daß, ob zum Grund ich heftete die Blicke,
Ich nichts zu unterscheiden drin vermochte.

„Jetzt steigen zu der düstern Welt wir nieder,”
Begann zu mir ganz totenbleich der Dichter,
„Ich selber geh' voraus, du wirst mir folgen!”

Und ich, der seiner Farbe inne worden,
Sprach: ‚Wie komm' ich hinab, wenn du erschauderst,
Der du mich sonst ermutigt, wenn ich zagte?’

Und er zu mir: „Es malt die Angst der Seelen
Dort unten mir des Erbarmens Züge
Aufs Angesicht, wo Furcht du glaubst zu lesen.

Wohlan denn; fort! Uns treibt des Weges Länge'”
So schritt er vorwärts und ließ ein mich treten
Zum ersten Kreise, der den Abgrund gürtet.

Hier, dem gemäß, was ich erlauschen konnte,
Gab es kein Jammern, sondern nur wie Seufzer,
Davon die ew'gen Lüft' erzittern mußten;

Und dies kam her von Leiden ohne Marter,
So Scharen, groß und zahlreich, hier erlitten,
Von Kindern und von Weibern und von Männern.

Zu mir der gute Meister: „Du erfragst nicht,
Wer diese Geister sind, die du erblickest?
Jetzt sollst du wissen, eh' du weiter gehest,

Daß sie nicht Sünder waren, und doch gnügte
Nicht ihr Verdienst, weil sie der Tauf' entbehren,
Was ja ein Satz des Glaubens, den du glaubest,

Und da sie vor dem Christentume lebten,
Ward Gott von ihnen würdig nicht verehret,
Und so bin ich von diesen selber einer.

Durch diesen Mangel, nicht durch andres Böse,
Sind wir verloren und so weit nur leidend,
Daß ohne Hoffnung wir in Sehnen leben.”

Gewalt'ger Schmerz ergriff mich, als ich's hörte,
Weil Männer ich von hohem Wert erkannte,
In dieser Vorhöll' ungewiß verharrend.

‚Sag' an, Gebieter, sag' mir an, mein Meister!’
Begann ich, weil ich sicher wollte werden
Des Glaubens, der besieget jeden Irrtum:

‚Kam einer je durch eignes oder fremdes
Verdienst heraus, der selig dann geworden?’
Und er, der mein verhülltes Wort verstanden,

Antwortete: „Ich war in diesem Zustand
Ein Neuling noch, als ich, mit Siegeszeichen
Erkrönet, einen Mächtigen sah kommen.

Hinweg führt' er des ersten Vaters Schatten
Und seines Sohnes Abel, Noeh auch,
Den Patriarchen Abra'm, König David,

Und Moysen, der Gesetz gab und gehorcht,
Und Jakob mit dem Vater, den Erzeugten,
Und Rahel, für die er so lang gedient,

Und viele noch macht' er mit jenen selig.
Auch sollst du wissen, daß vor den Genannten
Errettet wurde keines Menschen Seele.”

Nicht ließen, weil er sprach, wir ab vom Gehen,
Sondern den Wald durchschritten immerhin wir;
Den Wald mein' ich der dichtgedrängten Geister.

Nicht waren wir im Weg noch weit gekommen
Vom Gipfel ab, als ich erblickt' ein Feuer,
Halbkugelförm'ges Dunkel überstrahlend.

Noch waren wir entfernt davon ein wenig,
Doch nah genug, teilweise wohl zu sehen,
Daß ehrenwertes Volk den Ort besäße.

‚Der jede Kunst du ehrst und jedes Wissen,
Wer sind sie, die so große Ehre haben,
Daß sie getrennt sind von der andern Weise?’

Und er zu mir: „Die ehrende Erwähnung,
Die droben tönt, in deiner Welt, von ihnen,
Schafft' Gnad' im Himmel, die sie so begünstigt.”

Und mittlerweile hört' ich eine Stimme:
„Erzeiget Ehre dem erhabnen Sänger,
Er kehrt zurück, sein Schatten, der verschwunden.”

Als nun die Stimme aufgehöret und still ward,
Sah ich vier hohe Schatten auf uns kommen,
Nicht heitern und nicht trüben Angesichtes.

Der gute Meister nun begann zu sagen:
„Schau' jenen mit dem Schwerte in der Hand an,
Der vor den dreien hergehrt, wie ein Herrscher;

Das ist Homer, der oberste der Dichter;
Horaz naht, der Satiriker, als zweiter;
Der dritte ist Ovid, Lucan der letzte.

Drum, weil den Namen alle mit mir teilen,
Den jüngst die Stimme einzeln ausgerufen,
Erweisen sie mir Ehr' und tuen wohl dran.”

So sah ich sammeln sich die schöne Schule
Des Fürsten der erhabnen Sangesweise,
Der ob den andern wie ein Adler schwebet.

Nachdem sie eine Weile sich besprochen,
Wandten zu mir sie sich mit Grußeszeichen,
Und ob der Ehre lächelte mein Meister.

Und noch zuteil ward mir viel größre Ehre,
Da sie in ihre Schar mich aufgenommen,
Als sechsten, bei so hoher Geistesnähe.

So gingen vorwärts wir bis zu dem Lichte,
Von Dingen sprechend, drob zu schweigen schön ist,
So wie das Sprechen war dort, wo's geschehen.

Wir kamen jetzt zu einem stolzen Schlosse,
Das, siebenfach umkreist mit hohen Mauern,
Von einem klaren Bach rings war verteidigt;

Den überschritten wir wie festen Boden.
Eintrat durch sieben Tor' ich mit den Weisen,
Zu einem Plan von frischem Grün gelangend.

Hier waren Leute stillen, ernsten Blickes,
In ihren Zügen hohe Würde tragend;
Sie sprachen wenig und mit sanfter Stimme.

Wir zogen so nun aus der Ecken einer
Zu einem offnen, hoh'n und lichten Orte,
Von wo man alle überschauen konnte.

Dort gegenüber auf dem grünen Schmelze,
Wurden gezeigt mir die erhabnen Geister,
Die ich gesehn zu haben still mich rühme.

Elektren sah ich, und in ihrem großen
Gefolg erkannt' ich Hektor und Äneas,
Cäsar im Waffenschmuck, mit Falkenaugen,

Ich sah Camilla, sah Penthesilea
Zur andern Seit' und sah Latin, den König,
Hier mit Lavinia, seiner Tochter, sitzend;

Ich sah den Brutus, der Tarquin verjagte,
Lucretien, Julien, Martien und Cornelien,
Auch Saladin allein auf einer Seite.

Nachdem ich mehr die Augen nun erhoben,
Sah ich den Meister jener, die, durch Wissen
Berühmt, im Kreis der Philosophen sitzen,

Ihm, die Bewundrung, die Verehrung aller;
Dort sah ich ferner Sokrates und Plato,
Die vor den andern ihm am nächsten stehen;

Demokrit, der die Welt dem Zufall zuschreibt,
Empedokles, Diogenes und Thales,
Anaxagoras, Heraklit und Zeno.

Ich sah der Qualitäten wackren Sammler,
Den Dioskorides, auch Orpheus, Tullius,
Linus und Seneca, den Moralisten,

Euclid, den Geometer, Ptolomäus,
Hippokrates, Gallienus, Avicenna,
Averoes, den großen Kommentator;

Ich kann sie alle hier nicht wiederholen,
Weil mich des Stoffes Fülle so bedränget,
Daß hinter dem Gescheh'nen oft das Wort bleibt.

Die Schar der Sechse mindert sich auf zweie,
Und aus der Stille führt mein weiser Leiter
Durch andern Weg mich in der Lüfte Zittern

Zu einer Stätte, wo kein Schimmer hindringt.

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