04
Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Bernd von Guseck - Die Göttliche Komödie - Hölle

Der Vorhof.

Den tiefen Schlummer brach, der mich bedeckt,
Ein schwerer Donner über'm Haupt, daß ich
Aufschrack, wie Einer, mit Gewalt erweckt.

Ich warf umher mein Auge, welches sich
Erholt, stand auf und sah, ob ich erkannte,
Wo ich jetzt war, die Stätte schauerlich.

Da fand ich mich am Eingang, der sich wandte
Zum Abgrund ew'ger Schmerzen, wo die Luft
Unendlich Weh, wie Donners Laut, nur kannte.

Gar finster, tief und neblich war die Kluft,
So daß, wie auch der Blick zum Abgrund fällt,
Nichts ist zu unterscheiden in der Gruft. -

„Wohlan denn! Steigen wir zur dunkeln Welt!
Begann der Dichter, welcher selbst ganz bleich:
Ich erst, dann du, sofern es dir gefällt!” -

Und ich, bemerkend seine Farbe gleich:
„Wie soll ich? da du selbst erfaßt von Bangen,
Der meinen Zweifeln war an Trost so reich?” -

Und Er: „Die Qual, zu der wir bald gelangen,
Der Völker drunten, malt das Mitleid mir,
Das du für Furcht hältst, auf die blassen Wangen.

So komm, der weite Weg ruft uns von hier!” -
Da ging er ein mit mir zum ersten Kreise,
Der rings umzieht des Abgrunds schwarz Revier.

Hier gab es, wie ich hört' auf unsrer Reise,
Nicht Klagen, als durch Seufzer ohne Zahl,
Davon erbebt' die Luft in ew'ger Weise.

Das kam vom Schmerz, den ohne Marterqual
Die Schaaren litten, welche groß und dicht
Von Männern, Weibern, Kindern allzumal.

Der gute Meister sprach: „Du fragst mich nicht,
Was Jene, die du dort erblickst, für Schatten?
Hör', eh' du weiter gehest, den Bericht.

Nicht Sünder sind's, doch wenn sie Tugend hatten,
Genügt' es nicht, um Antheil an der wahren
Erlösung Ungetauften zu gestatten;

Denn da sie vor dem Christenthume waren,
Verehrten Gott sie falsch in ihrem Leben,
Und ich gehöre selbst zu diesen Schaaren.

Um solchen Fehl, kein ander sündlich Streben,
Sind wir verloren, darum hier verbannt,
Daß ohne Hoffnung wir in Sehnsucht leben!” -

Ein großer Schmerz fiel, als ich ihn verstand,
Mir auf die Brust, da ich von hohen Gaben
So Manchen in dem Vorhof schon erkannt. -

„O sage, Meister, laß mich Aufschluß haben, -
Rief ich, gewiß zu sein, des Glaubens Hort
Vermöge jeden Irrthum zu begraben -

Entrann wohl jemals Einer diesem Ort
Duch eignes oder fremdes Leid versöhnt?” -
Und Er, begreifend mein verhülltes Wort,

Sprach: „Ich war kaum an diesen Stand gewöhnt,
Da sah ich einen Mächt'gen
Mit Siegeszeichen seine Stirn gekrönt.

Der hat den ersten Vater mitgenommen
Und Abel, seinen Sohn, und Noah dann,
Auch Moses, der Gesetze gab den Frommen;

David und Abraham, den Gottesmann,
Isaak und Israel, und dann gedachte
Er Rahel's auch, die Jener schwer gewann,

Und noch viel And'rer, die Er selig machte -
Doch wisse, daß vor Ihm noch nichts geschehen,
Das eines Menschen Seel' Erlösung brachte.” -

Wir blieben während des Gesprächs nicht stehen,
Vielmehr durchschritten wir der Schatten Drang,
Der wie ein Wald von Geistern anzusehen.

Noch waren wir nicht weit auf unserm Gang
Vom Gipfel, als ich sah ein blinkend Licht,
Das einen Halbkreis Finsterniß bezwang.

Es war ein wenig fern von uns, doch nicht
So sehr, daß ich zum Theil nicht unterschieden,
Es sei ein Platz für Leute von Gewicht. -

„O du, dem Kunst und Wissenschaft beschieden,
Wer sind die, welche so geehrt sich laben,
Und deren Loos von andern so verschieden?”

Und er zu mir: „Der Ruhm von ihren Gaben,
Der in dein Leben pflegt hinauf zu klingen,
Wirkt Gnad' im Himmel, daß sie Vorzug haben.” -

Da hört' ich eine Stimme zu mir dringen:
„Ehrt ihn, den großen Dichter! Seht, sein Schatten
Kommt wieder, ausgesandt zu hohen Dingen.” -

Nachdem die Stimme schwieg, sah ich im matten
Zwielicht vier hohe Schatten zu uns wallen,
Die weder trüb', noch frohes Anseh'n hatten.

Der gute Meister sagte: „Sieh vor Allen
Den mit dem Schwert in Händen, der voran
Den Dreien, wie ein Herr geht den Vasallen:

Homer, der Dichterfürst, kommt uns zu nah'n,
Der zweite ist Horaz, der schrieb Satiren,
Ovid der dritte, endlich noch: Lucan.

Und weil sie mit mir einen Namen führen,
Den Dichternamen, welcher uns genügt,
Thun sie mir Ehren an und nach Gebühren!” -

Die schöne Schule sah ich hier gefügt
Des Meisters im erhabensten Gesange,
Der wie ein Aar die Andern überfliegt.

Nachdem sie unter sich gesprochen lange,
Begrüßten sie mich All' aus einem Munde,
Mein Meister lächelte und auf dem Gange

Viel Ehre thaten sie mir an zur Stunde.
Sie nahmen mich wohl auf in ihre Schaar,
Zum Sechsten in dem sinnig ernsten Bunde.

So gingen wir zu jenem Lichte klar,
Von Dingen sprechend, die ich als Genoß
Verschweige, ob auch schön das Reden war.

Wir kamen weiter an ein edles Schloß
Mit hohen Mauern sieben Mal gebannt,
Die rings ein Bach vertheidigend umfloß.

Den überschritten wir wie festes Land,
Durch sieben Thore ging ich mit den Weisen,
Bis frischen Grüns ich eine Aue fand.

Da war mit ruhig ernstem Blick, in leisen
Und kargen Worten sprechend, eine Menge
Von großer Würdigkeit nach ihren Weisen.

Ich zog mich seitwärts, bis ich vom Gedränge
Entfernt, die Stelle licht und hoch erreicht,
In Hoffnung, daß mir dort zu schau'n gelänge

Was Alles sich auf grünem Schmelz gezeigt.
Da waren große Geister, die zu schauen
Ich bei mir selbst frohlockt, da hab' ich leicht

Elektra mit viel Andern auf den Auen,
Und Hektor und Aeneas gleich erkannt.
Und Cäsar mit dem Adlerblick; die Frauen

Camilla und Penthesilea fand
Ich dort, Latinus auch, den König ihn,
Der bei Lavinia, seiner Tochter stand,

Auch Brutus, der vertrieben den Tarquin,
Lucretia, Julia, Marcia um ihn her,
Und abgesondert sah ich Saladin.

Und als ich hob mein Augenlid noch mehr,
Sah ich des Wissens Meister mit den Seinen
Gesellt im philosophischen Verkehr;

Sie ehrten und bewunderten den Einen!
Da sah ich Plato steh'n und Sokrates,
Die näher als die Andern ihm erscheinen;

Dann Anaxagoras, Diogenes,
Und, dem die Welt nur Zufall: Demokrit,
Und Thales, Zenor und Empedokles,

Auch, der die Stoffe weislich unterschied:
Dioskorides; Orpheus, Seneca,
Und Livius, Cicero war mit Euklid

Dem Geometer, Ptolemäus nah;
Nicht Hippokrat, noch Avicenna fehlen,
Auch ist Galen und Averroes da -

Ich kann nicht Alle nach einander zählen,
Mich treibt der große Stoff der ernsten Lieder,
Daß oft dem Gegenstand die Worte fehlen.

Der Bund der Sechse theilte sich jetzt wieder;
Auf anderm Wege führt' der Weise mich
Vom stillen Luftraum zum durchdröhnten nieder -

Und ich kam hin, wo jeder Lichtschein wich.

list operone