04
Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Otto Gildemeister - Die Göttliche Komödie - Hölle

Auf geheimnisvolle Weise, schlafend gelangt der Dichter über den Acheron an den Rand des Trichters, aus dessen Tiefe das Geheul der Verdammten schallt. Er betritt den ersten Höllenkreis, wo jene Geister wohnen, „die im Zweifel scheben”, die Seelen der Tugendhaften, welche ungetauft gestorben sind. Es ist die Vorhölle der alten Theologie, der Limbus patrum, in welchem die Gerechten des Alten Bundes, bis Christus kam, verweilten, die gerechten Heiden (nach Dantes Theorie) ewig weilen, ohne Pein, aber auch ohne Hoffnung. Die Lehre von der Vorhölle stützt sich auf 1. Epistel Petri, 3, 18, aber dort steht von der Erlösung der Patriarchen nichts, und Dante zeigt sich deshalb bemüht, Bestätigung der kirchlichen Überlieferung zu erlangen. Virgil, der erst fünfzig Jahre in der Hölle war, als Christus niederfuhr, berichtet als Augenzeuge jener Erlösung.
Die erlauchtesten unter den Heiden erfreuen sich einer hellen Wohnstätte in einem gleichmäßig nach allen Seiten strahlenden Lichte, das mithin von der Dunkelheit „halbkugelförmig” umgrenzt wird. Hier wird Dante von den größesten Dichtern begrüßt; sie behandeln ihn als ihregleichen, und sie sagen ihm Dinge, die ihn beglücken, die aber wiederzusagen ihm nicht ziemt. Noch nennt er drei Gruppen anderer Heiden, 1. solche, welche mit den Geschicken Roms in Beziehung stehen, auch Trojaner als Ahnen der Römer, die sich um Elektra, Tochter des Atlas und des Dardanus Mutter, scharen; 2. die Philosophen des Altertums, als deren größester Aristoteles, „der Meister der Wissenden”, den obersten Sitz einnimmt, gemäß der während des Mittelalters ihm erwiesenen fast göttlichen Verehrung; nur zwei werden näher charakterisiert, Demokrit als Urheber der Lehre, daß der Zufall die Welt hervorbrachte, Dioskorides als Verfasser eines Werkes über die Qualitäten der Pflanzen und Steine; etwas befremdlich gesellen sich Orpheus und der sagenhafte Sänger Linus zu dieser Gruppe; 3. die Naturforscher, Mathematiker, Ärzte. Isoliert stehen Saladin, als einziger unter den mohammedanischen Großen und Averroes, der arabische Ausleger des Aristoteles. Die beiden letztgenannten, wie auch der arabische Arzt Avicenna, beweisen, daß Dantes Toleranz sich nicht auf gas klassische Heidentum beschränkt.
Daß Dante, der selbst das Griechische nicht las, den Homer in diesem Gesange so hoch erhebt, erklärt sich daraus, daß er unbedingt glaubte, was Aristoteles, Virgil und andere ihm bekannte alte Schriftsteller zum Lobe Homers sagen. Den griechischen Dichter läßt er mit einem Schwerte auftreten, ein Hinweis auf den kriegerischen Inhalt der Ilias.

A) Der erste Höllenkreis, den Limbus patrum, den Aufenthalt der ungetauften Unschuldigen und Gerechten umfassen. Homer, Aristoteles, Saladin u. a. heidnische Dichter, Helden und Philosophen

Den tiefen Schlaf aus meinem Haupte scheckte
Ein schwerer Donner, und mich schüttelnd sprang
Ich auf wie einer, den man plötzlich weckte.

Mein ausgeruhtes Auge schweift' entlang
Und spähte scharf, sobald ich mich erhoben,
Zu sehen, wo ich sei auf meinem Gang.

Wahr ist's, ich stand jetzt auf dem Rande oben
Der Senkung zu dem Abgrund aller Qual,
Wo Donner ew'gen Wehgeheules toben.

Schwarz war und tief und neblig dieses Tal;
Ich unterschied nur Dunkelheit, nichts weiter,
So scharf hinab fuhr meines Auges Strahl.

Ganz totenbleich begann nun mein Begleiter:
„Jetzt steigen wir hinab zur finstren Welt:
Ich will der erste sein, und du sei zweiter.”

Und ich, gewahrend wie ihn Bläss' entstellt,
Versetzte: „Kann ich gehn, wo angstbeklommen
Mein Tröster steht, der sonst mich aufrecht hält?”

Und er zu mir: „Die Qual, zu der wir kommen,
Der Seelen drunten malt aufs Angesicht
Das Mitleid mir, das du für Furcht genommen.

„Des Weges Länge treibt uns; säume nicht.”
So mußt' ich mich mit ihm hinabbegeben
Zum ersten Kreise, der die Höll' umflicht.

Da hört' ich nirgend Klage sich erheben;
Von Seufzern nur schien er erfüllt zu sein,
Davon die ew'gen Lüfte rings erbeben.

Und solches kam von Trauer ohne Pein,
Die große Scharen dort im Herzen tragen,
Von Kindern, Männern, Frauen, groß und klein.

Der gute Meister sprach: „Du willst nicht fragen,
Zu welchen Geistern du gekommen bist;
Bevor du weitergehst, will ich es sagen,

„Nicht Sünder sind's, doch unzugänglich ist
All ihr Verdienst, weil sie der Tauf' entbehrten,
Die als ein Stück des Glaubens kennt der Christ,

„Sie waren vor dem Christentum und ehrten
Deshalb den Schöpfer nicht, wie er's begehrt;
Ich selbst bin einer der zu spät Belehrten.

„Durch solchen Mangel, nicht mit Schuld beschwert,
Sind wir verloren, elend nur zu achten,
Weil ohne Hoffnung Sehnsucht uns verzehrt.”

Schwer ward ums Herz mir, diese zu betrachten;
Denn Männer von gar hoher Trefflichkeit
Sah ich in diesem Höllenvorhof schmachten.

„Bescheid, Herr, gib mir, Meister, gib Bescheid,”
Rief ich, um jenen Glauben zu bestärken,
Der über jeden Irrtum Sieg verleiht.

„Ward je ein Mensch hier frei dank eignen Werken
Oder durch fremde und ward selig dann?”
Und der, der meine Absicht mochte merken,

Versetzt': „Ich war noch neu in diesem Bann,
Da sah hierher ich einen Mächt'gen kommen,
Gekrönt gleich einem, der den Sieg gewann.

„Der nahm den ersten Vater und den frommen
Sohn Abel mit sich, Noah auch, und nahm
Moses, der das Gesetz von Gott vernommen,

„Und David und Erzvater Abraham,
Isaak und Israel mit zwölf der Seinen,
„Und Rahel, die so hoch zu stehn ihm kam.

„Und viele noch erlöste sein Erscheinen;
Vor ihnen aber gab's, das merke dir,
Erlöster Menschengeister auch nicht einen.”

So sprach er, und im Reden schritten wir
Stets fürbaß durch den Wald, ohn' abzubiegen;
Den Wald gedrängter Geister mein' ich hier.

Noch waren wir nicht hinabgestiegen
Seit meinem Schlaf, als ich ein Feuer sah
Halkugelförm'ge Finsternis besiegen.

Wir waren etwas fern, doch schon so nah,
Daß alle Zeichen, die ich sah, bewiesen,
Ein ehrenwertes Volk verweile da.

„O du, in Wissenschaft und Kunst gepriesen,
Wer sind dort die Gelehrten, daß so weit
Das Los der andern bleibt getrennt von diesen?”

Und er zu mir: „Des Namens Rühmlichkeit,
Die noch von ihnen tönt in deinem Leben,
Schafft droben Gunst, die solchen Rang verleiht.”

Und eine Stimme hört' ich sich erheben:
„Ehret den höchsten Meister im Gesang!
Er kehrt zurück, der erst sich fortbegeben.”

Sodann, als stille ward des Rufers Klang,
Sah ich vier hohe Schatten näher schreiten;
Ihr Antlitz war nicht froh, noch war es bang.

Da sprach der Meister aller Trefflichkeiten:
„Schau ihn, der mit dem Schwerte kömmt daher
Und wie ein Fürst die dreie scheint zu leiten:

„Das ist der Dichter oberster, Homer.
Ihm folgt Horaz, der Meister der Satiren;
Der dritte ist Ovid, Lukan ist der.

Weil jener Name zukömmt allen vieren,
Der von der Stimme mir gewidmet war,
So ehrn sie mit Recht mich als den Ihren.”

So sah ich dort die schöne Jüngerschar
Des Herrschers des erhabensten Gesanges,
Der höher fliegt denn alle, gleich dem Aar.

Als sie gehört die Ursach unsres Ganges,
Kehrten zu mir sie gleich mit Grüßen sich;
Da lächelte Virgil ob des Empfanges.

Sie aber ehrten noch viel höher mich:
Zu einem ihrer Schar ward ich erlesen,
Und unter solchen ging als sechster ich.

So führten mich zum Licht die hohen Wesen,
Von Dingen redend, drob zu schweigen hier
Schön ist, wie dort das Reden schön gewesen.

Und vor ein stolzes Schloß gelangten wir,
Das hohe Mauern siebenmal umkreisen,
Und rings ein schöner Fluß beut Schutz und Zier.

Den überschritten wir wie festes Eisen,
Und dann durch sieben Tore schritt ich fort.
Zu einem grünen Anger mit den Weisen.

Leute mit stillen Augen waren dort
Voll hoher Würd' im Antlitz, meistens schweigend,
Und wenn sie sprachen, tönte sanft ihr Wort.

So traten wir auf eine Seit' und steigend
Auf einen offnen lichten Oberbau,
Von wo ich alles sah, hinab mich neigend.

Dort gegenüber auf der grünen Au
Konnt' ich die großen Geister nun gewahren,
Und still noch rühm' ich selbst mich solcher Schau.

Ich sah Elektra und in ihren Scharen
Sah ich Äneas dort und Hektor gehn,
Cäsar, gewaffnet, mit dem Blick des Aaren.

Ich sah Kamilla mit Penthesile'n
Am andern End' und sah bei seiner lieben
Lavinia König Latinus stehn.

Ich sah den Brutus, der Tarquin vertrieben,
Lukretia, Marcia und Kornelia,
Und Saladin, allein abseits geblieben.

Als ich die Stirn erhob und weiter sah,
Schaut' ich den Meister derer, welche wissen,
Im Philosophenkreise saß er da.

Ein jeder ehrt ihn, lauscht wie hingerissen;
Und Plato sah ich, sah den Sokrates
Vor allen übrigen um ihn beflissen.

Und Anaxagoras, Diogenes
Und Demokrit, dem Zufall Gott vertreten,
Zeno und Heraklit, Empedokles,

Und Dioskorides, der Qualitäten
Verdienten Sammler sah ich, Orpheus dann,
Seneca, Linus, Tullius den beredten.

Euklid mit Ptolemäus trat heran,
Hippokrates, Avicenna mit Galenen,
Avrroes, der schriftgelehrte Mann.

Ich kann nicht reden voll von allen jenen;
Denn also jagt mein großes Thema mich,
Daß oft das Wort nicht nachkömmt dem Geschehnen.

Die Schar der sechs verengt auf zweie sich;
Aus stiller Luft in zitternde geleitet
Auf andrem Weg der weise Führer mich,

Dahin, wo nichts mehr ist, was Licht verbreitet.

list operone