Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 03
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 03

1   Durch mich gehts ein zur Stadt der Schmerzerkornen,
2   Durch mich gehts ein zur Qual für Ewigkeiten,
3   Durch mich gehts ein zum Volke der Verlornen.

4   Den hohen Schöpfer trieb, mich zu bereiten,
5   Gerechtigkeit, Allmacht zu offenbaren,
6   Allweisheit und Urliebe allerzeiten.

7   Vor mir war nichts Erschaffnes zu gewahren
8   Als Ewiges, und auch ich bin ewiger Dauer.
9   Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren!

10   Die Inschrift zeigte sich an einer Mauer
11   Mit dunkler Farbe über einer Pforte.
12   Drum ich: »O, Herr, der Sinn erweckt mir Schauer.«

13   Da sprach der Wohlerfahrene diese Worte:
14   »Hier können Zweifelängste nicht mehr frommen
15   Und jede Zagheit sterbe gleich am Orte.

16   Wie ichs verhieß, sind wir zum Ziel gekommen,
17   Wo du das schmerzgequälte Volk siehst ringen,
18   Dem der Erkenntnis höchstes Heil genommen.«

19   Dann fühlt ich seine meine Hand umschlingen.
20   Mit heiterm Antlitz, drob ich ganz ihm traute,
21   Führt er mich ein zu den geheimen Dingen. -

22   Geseufze, Weinen hier und Wehelaute
23   Hört ich die sternenlose Luft durchzischen,
24   Daß drob mein Auge sich zuerst betaute.

25   Verschiedene Sprachen, grausiges Wortvermischen,
26   Des Zornes Schreie, schmerzliches Gestöhne,
27   Stimmen, kreischend und dumpf, Faustschlag dazwischen,

28   Schufen ringsum ein ewiges Getöne
29   In dieser Luft zeitloser Dämmerungen,
30   Als tanzte kreiselnd lockerer Sand im Föhne.

31   Und ich, dem Grausen hielt das Haupt umschlungen,
32   Sprach: »Meister, welch ein Lärm wird hier erhoben?
33   Und wer sind diese, so von Pein bezwungen?«

34   Und er: »Nach diesen Chören, schmerzgewoben,
35   Ziehn hier die trüben Seelen ihren Reigen,
36   Die ohne Schmach und Ehre lebten droben.

37   Gesellt sind sie der Rotte jener Feigen,
38   Der Engel, die sich weder für noch gegen
39   Den Herrgott, nein, parteilos wollten zeigen.

40   Die Himmel, ungetrübten Glanz zu hegen,
41   Stießen sie aus, doch nicht zum Höllenschlunde,
42   Daß sich nicht Sünder brüsten ihretwegen.«

43   Und ich: »Was, Meister, liegt der Pein zugrunde,
44   Die sie so drückt zu heftigem Schmerzgewimmer?«
45   Er sprach: »Ich geb mit kurzem Wort dir Kunde.

46   Des Todes Hoffnung tagt den Bösen nimmer.
47   Ihr Wandel hier ist solch ein lichtlos-trüber,
48   Daß ihren Neid kein ander Los dünkt schlimmer.

49   Nichts dringt von ihrem Ruhm zur Welt hinüber,
50   Vergebens Recht und Mitleid sie erflehen.
51   Kein Wort von ihnen, schau und geh vorüber.«

52   Und, spähend, konnt ich eine Fahne sehen,
53   Bereit, sich immerwirbelnd umzuschwingen,
54   Alsob es sie verdrieße, stillzustehen.

55   Und so gewaltige Mengen Volkes gingen
56   Ihr nach, wie ich vordem es nimmer glaubte,
57   Daß je der Tod soviele mocht verschlingen.

58   Als erst der Blick Bekannte mir erlaubte
59   Zu sehn, sah ich auch den, der durch Entsagen
60   Aus Feigheit großen Gutes sich beraubte.

61   Da ward mirs deutlich, ohne noch zu fragen,
62   Daß hier des Weges jene Memmen strebten,
63   Die Gott und seinen Feinden mißbehagen.

64   Die Elenden, die nie in Wahrheit lebten,
65   Sie waren nackt und peinigend umflogen
66   Von Mücken- und Wespenschwärmen, die dort webten.

67   Ihr Antlitz war mit Streifen Bluts durchzogen,
68   Die abwärtstropften, untermengt mit Zähren,
69   Von scheußlichem Geschmeiß dann aufgesogen.

70   Und als dem Blick ich Umschau ließ gewähren,
71   Sah ich an einem großen Strom sich scharen
72   Viel Volk, und bat: »Herr, wolle mir erklären,

73   Wer diese sind, die zum Hinüberfahren
74   Aus unbekanntem Antrieb so entbrennen,
75   Soweit ich das im Zwielicht kann gewahren.«

76   Er gab mir Antwort: »Alles lernst du kennen,
77   Wenn uns der Fuß zum düstern Rand getragen
78   Des Flusses, den sie Acheron benennen.«

79   Da ließ mich Scham die Augen niederschlagen.
80   Befürchtend, daß ihn weiteres Reden störte,
81   Enthielt ich bis zum Flusse mich der Fragen.

82   Und da! zum Strand ein Boot ich plätschern hörte,
83   Gelenkt von einem altersbleichen Greise:
84   »Weh euch, verworfene Seelen und betörte,

85   Hofft niemals zu erschauen des Himmels Kreise!
86   Ich führe euch,« er riefs aus rauher Kehle,
87   »Zur ewigen Finsternis, zu Glut und Eise.

88   Und du, die dort verweilt, lebendige Seele,
89   Laß diese, deren Lebenslicht verglommen.«
90   Doch als er sah, ich trotze dem Befehle,

91   Rief er: »Hier giebt es kein Hinüberkommen!
92   Daß dichs zu anderm Strand und Hafen trage,
93   Muß dir dereinst ein leichteres Fahrzeug frommen.«

94   Der Führer drauf: »Charon, dem Zorn entsage.
95   Wo eins ist das Vollbringen und Verlangen,
96   Dort will mans also! Und nicht weiter frage.«

97   Da wurden glatter die behaarten Wangen
98   Dem Steuermanne auf dem fahlen Sumpfe,
99   Dem sich ums Auge Flammenräder schlangen.

100   Doch jene Seelenschar, die nackte stumpfe,
101   Erblaßte zähneklappernd voll Verzagen,
102   Als Charons Wort erscholl, das grausigdumpfe.

103   Gott und der Menschheit galt ihr lästernd Klagen.
104   Sie fluchten Eltern, Ort und Zeit und Samen,
105   Draus sie dem Schoß verpflanzt, der sie getragen,

106   Worauf sie alle weinend näherkamen
107   Zum vielverhaßten Strand, wo bangverzagend
108   Die Gottverächter stets ein Ende nahmen.

109   Charon, der Dämon, treibt sie alle jagend
110   Mit sprühendem Blick zusammen; die da säumen,
111   Ermuntert er, sie mit dem Ruder schlagend.

112   Und wie der Herbst die Blätter von den Bäumen
113   Eins nach dem andern rupft, und zwingt die Zweige,
114   All ihren Schmuck der Erde einzuräumen,

115   So Adams böse Brut beim Fingerzeige
116   Zum Strande einzeln lief, als wenn betrogen
117   Vom Lockruf Vögel ziehen zum Dohnensteige.

118   So fahren sie dahin auf dunkeln Wogen,
119   Und eh sie landen dort am Uferwalle,
120   Sind diesseits neue schon herangezogen.

121   »Mein Sohn,« der Meister gütig sprach, »sie alle,
122   Die unter Gottes Zorn dahingegangen,
123   Sammeln sich hier vom ganzen Erdenballe

124   Und eilen, fluthinüber zu gelangen.
125   Denn Allgerechtigkeit macht sie sich sputen,
126   Sodaß sich in Begierde kehrt ihr Bangen.

127   Kein guter Geist fuhr je durch diese Fluten.
128   Drum, führte Charon über dich Beschwerde,
129   So kannst du seiner Worte Sinn vermuten.«

130   Als er so schloß, begann die düstere Erde
131   So stark zu beben, daß ich noch vor Grausen,
132   Denk ich daran, in Schweiß gebadet werde.

133   Vom Tränenland hob sich ein Sturmwindsausen,
134   Durchzüngelt von der Blitze roten Schlangen,
135   Daß jeder Sinn mir unterging im Brausen.

136   Und niederfiel ich wie von Schlaf befangen.

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