Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 03
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 03

1   Durch mich geht's ein zur Stadt der Qualerkornen,
2   Durch mich geht's ein zum ew'gen Weheschlund,
3   Durch mich geht's ein zum Volke der Verlornen.

4   Das Recht war meines hohen Schöpfers Grund;
5   Die Allmacht wollt' in mir sich offenbaren;
6   Allweisheit ward und erste Liebe kund.

7   Die schon vor mir erschaffnen Dinge waren
8   Nur ewige; und ewig daur' auch ich.
9   Laßt, die ihr eingeht jede Hoffnung fahren.

10   Die Inschrift zeigt' in dunkler Farbe sich
11   Geschrieben dort am Gipfel einer Pforte,
12   Drum ich: Hart, Meister, ist ihr Sinn für mich.

13   Er, als Erfahrner, sprach dann diese Worte:
14   "Hier sei jedweder Argwohn weggebannt,
15   Und jede Feigheit sterb' an diesem Orte.

16   Wir sind zur Stelle, die ich dir genannt,
17   Hier wirst du jene JammervoIIen schauen,
18   Für die das Heil des wahren Lichtes schwand."

19   Er faßte meine Hand, daher Vertrauen
20   Durch sein Gesicht voll Mut auch ich gewann.
21   Drauf führt' er mich in das geheime Grauen.

22   Dort hob Geächz, Geschrei und Klagen an,
23   Laut durch die sternenlose Luft ertönend,
24   So daß ich selber weinte, da's begann.

25   Verschiedne Sprachen, Worte, gräßlich dröhnend,
26   Handschläge, Klänge heiseren Geschreis,
27   Die Wut, aufkreischend, und der Schmerz, erstöhnend -

28   Dies alles wogte tosend stets, als sei's
29   Im Wirbel Sand, durch Lüfte, die zu schwärzen
30   Es keiner Nacht bedarf, im ew'gen Kreis.

31   Und, ich vom Wahn umstrickt und bang im Herzen,
32   Sprach: Meister, welch Geschrei, das sich erhebt?
33   Wer ist doch hier so ganz besiegt von Schmerzen?

34   Und er: "Der Klang, der durch die Lüfte bebt,
35   Kommt von den JammerseeIen jener Wesen,
36   Die ohne Schimpf und ohne Lob gelebt.

37   Gemischt find die Nicht-Guten und Nicht-Bösen
38   Den Engeln, die nicht Gott getreu im Strauß,
39   Auch Meutrer nicht und nur für sich gewesen.

40   Die Himmel trieben sie als Mißzier aus,
41   Und da durch sie der Sünder Stolz erstünde,
42   Nimmt sie nicht ein der tiefen Hölle Graus."

43   Ich drauf: Was füllt ihr Wehlaut diese Gründe?
44   Was ist das Leiden, das so hart sie drückt?
45   Und er: "Vernimm, was ich dir kurz verkünde.

46   Des Todes Hoffnung ist dem Volk entrückt.
47   Im blinden Leben, trüb und immer trüber,
48   Scheint ihrem Neid jed' andres Los beglückt.

49   Sie kamen lautlos aus der Welt herüber,
50   Von Recht und Gnade werden sie verschmäht.
51   Doch still von ihnen - Schau' und geh vorüber."

52   Ich schaute hin und sah im Kreis geweht,
53   Ein Fähnlein zieh'n, so eilig umgeschwungen,
54   Daß sich's zum Ruh'n, so schien mir's, nie versteht.

55   In langer Reihe folgten ihm, gezwungen,
56   So viele Leute, daß ich kaum geglaubt,
57   Daß je der Tod so vieles Volk verschlungen.

58   Und hier erblickt' ich manch bekanntes Haupt,
59   Auch jenes Schatten, der aus Angst und Zagen
60   Sich den Verzicht, den großen, feig erlaubt.

61   Ich war sogleich gewiß, auch hört' ich sagen,
62   Dies sei der Schlechten jämmerliche Schar,
63   Die Gott und seinen Feinden mißbehagen.

64   Dies Jammervolk, das niemals lebend war,
65   War nackend und von Flieg' und Wesp' umflogen,
66   Und ward gestachelt viel und immerdar.

67   Tränen und Blut aus ihren Wunden zogen
68   In Streifen durch das Antlitz bis zum Grund,
69   Wo ekle Würmer draus sich Nahrung sogen.

70   Drauf, als ich weiter blickt' im düstern Schlund,
71   Erblickt' ich Leut' an einem Stromgestade
72   Und sprach: "Jetzt tu, ich bitte, Herr, mir kund,

73   Von welcher Art sind die, die so gerade,
74   Wie ich beim düstern Dämmerlicht ersehn,
75   So eilig weiterzieh'n auf ihrem Pfade?"

76   Und er darauf: "Dir wird genug gescheh'n
77   Am Acheron - dort wird sich alles zeigen,
78   Wenn wir am traur'gen Ufer stillestehn."

79   Da zwang mich Scham, die Augen tief zu neigen,
80   Aus Furcht, daß ihm mein Fragen lästig sei,
81   Und ich gebot mir bis zum Strome Schweigen.

82   Und sieh, es kam ein Mann zu Schiff herbei,
83   Ein Greis, bedeckt mit schneeig weißen Haaren.
84   "Weh euch, Verworfne!" tönte sein Geschrei.

85   "Nicht hofft, den Himmel jemals zu gewahren.
86   Ich komm', euch jenseits hin an das Gestad'
87   In ew'ge Nacht, in Hitz' und Frost zu fahren.

88   Und du, lebend'ge Seele, die genaht,
89   Mußt dich von diesen, die gestorben, trennen!" -
90   Dann, da er sah, daß ich nicht rückwärts trat:

91   "Hier kann ich dir den Übergang nicht gönnen,
92   Für dich geziemen andre Wege sich,
93   Ein leichtrer Kahn nur wird dich tragen können."

94   Virgil drauf: "Charon, nicht erbose dich.
95   Dort, wo der Wille Macht ist, ward's verhangen;
96   Dies sei genug, nicht weiter frage mich."

97   Hierauf ließ ruhen die bewollten Wangen
98   Des fahlen Sumpfs erzürnter Steuermann,
99   Des Augen Flammenräder rings umschlangen.

100   Da hob grau'nvolles Zähneklappen an,
101   Und es entfärbten sich die Tiefgebeugten,
102   Seit Charon jenen grausen Spruch begann.

103   Sie fluchten Gott und denen, die sie zeugten,
104   Dem menschlichen Geschlecht, dem Vaterland,
105   Dem ersten Licht, den Brüsten, die sie säugten.

106   Dann drängten sie zusammen sich am Strand,
107   Dem Schrecklichen, zu welchem alle kommen,
108   Die Gott nicht scheu'n, und laut Geheul entstand.

109   Charon, mit Augen, die wie Kohlen glommen,
110   Winkt' ihnen und schlug mit dem Ruder los,
111   Wenn einer sich zum Warten Zeit genommen.

112   Gleich wie im Herbste bei des Nordwinds Stoß
113   Ein Blatt zum ändern fällt, bis daß sie alle
114   Der Baum erstattet hat dem Erdenschoß;

115   So stürzen, hergewinkt, in jähem Falle
116   Sich Adams schlechte Sprossen in den Kahn,
117   Wie angelockte Vögel in die Falle.

118   Durch schwarze Fluten geht des Nachens Bahn,
119   Und eh' sie noch das Ufer dort erreichen,
120   Drängt hier schon eine neue Schar heran.

121   "Mein Sohn," sprach mild der Meister, "die erbleichen
122   In Gottes Zorne, werden alle hier
123   Am Strand vereint aus allen Erdenreichen.

124   Man scheint zur Überfahrt sehr eilig dir,
125   Doch die Gerechtigkeit treibt diese Leute
126   Und wandelt ihre bange Furcht in Gier.

127   Kein guter Geist macht diese Fahrt; und dräute
128   Dir Charon, weil du hier dich eingestellt,
129   So kannst du wissen, was sein Wort bedeute" -

130   Hier wankte so mit Macht das dunkle Feld,
131   Daß mich noch jetzt Schweißtropfen übertauen,
132   Sooft dies Schreckensbild mich überfällt.

133   Ein Windstoß fuhr aus den betränten Auen,
134   Und blitzt' ein rotes Licht, das jeden Sinn
135   Bewältigte mit ungeheurem Grauen,

136   Und, wie vom Schlaf befallen, stürzt' ich hin -

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