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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle

Die beiden Dichter gelangen zum Thor der Hölle. Dante liest die Inschrift und erschrickt. Virgil aber spricht ihm als ein dort Erfahrner Muth zu und führt ihn ein. Die Luft dainnen ist finster, ohne Gestirn, Wehklagen erhallen. Dante weint und erfährt von Virgil, daß hier der Wohnplatz der thatenlosen, feigen Seelen sei und jener Engel, welche unentschieden blieben, als Lucifer sich gegen Gott empört. Sie sind mit ewigem Dunkel gestraft und irren in dem ungeheuren Kreise umher wie Sand vom Wirbelwinde gejagt. Dante sieht eine Fahne, welche, des Ruhens unwürdig, ewig flüchtet, dieser rennet eine unendliche Schaar feiger Seelen nach, in ewiger Angst, verfolgt von Wespenschwärmen. Es wird von ihnen gesagt, daß sie nie lebend waren (Hölle 1, 27). Hierauf gelangen die Dichter an den Acheron, wo der greise Charon die Seelen der Bösen überschifft. Er weiset Dante zurück, weil sein Bot nicht fähig ist einen irdischen Leib zu tragen und treibt mit dem Ruder die Seelen in den Kahn, der beständig herüber und hinüber fährt. Virgil sagt zu Dante: hier fahre nie eine gute Seele hinüber; weshalb Charon ihm die Ueberfahrt verweigert habe. Daraus wird deutlich, daß Dante im ersten Gesange die große Sündhaftigkeit betrachtet. Nun geschieht ein Wunder: die Erde sendet Sturm aus, der purpurrothes Licht aufblitzen macht. Dante fällt zu Boden, gleich Einem, der in Schlaf sinkt.

„Durch mich gelangt man in die Stadt, die wehklagt,
Durch mich gelangt man in das ew'ge Wehe,
Durch mich gelangt man zum verlornen Volke.

Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer,
Gebildet hat mich die göttliche Allmacht,
Die höchste Weisheit, und die erste Liebe.

Vor mir geschaffen wurden keine Dinge,
Als nur die ew'gen, und ich - ewig daur' ich:
Laßt alle Hoffnung fahren, ihr, die ihr eingehet!”

Die Worte sahe ich mit dunkler Farbe
Geschrieben an den Giebel einer Pforte,
Drum sagt' ich: „„Meister, schrecklich ist ihr Sinn mir.””

Und er zu mir als ein da Wohlerfahrner:
„Hier ziemt's, zu lassen all' und jedes Mißtrau'n,
Hier ziemt es, daß jedwede Feigheit todt sei.

Wird sind zum Ort gelangt, wo ich dir sagte,
Daß du die jammervollen Schaaren sehn wirst,
Die der Erkenntniß Heil verloren haben.”

Und als er seine Hand gelegt in meine,
Mit heitrem Anlitz, dessen ich getrost ward,
Führt' er mich ein in die geheimen Dinge.

- Da hallten Seufzer, Klagen, grimme Schreie
Herüber durch den Luftraum ohne Sterne;
Weshalb anfänglich ich darüber weinte.

Verschied'ne Sprachen, grauenvolle Reden,
Ausrufe tiefer Qual, empörtes Wuthschrei'n,
Und Stimmen hell und dumpf, mit Händeschlagen,

Erhuben ein Gelärm, das sich herumwälzt,
Allimmer in der zeitlos schwarzen Luft dort,
Gleichwie der Sand, wenn Wirbelwind daherweht.

Und ich, deß Haupt mit Irrsal noch umhüllt war
Sprach: „Meister, was ist Jenes, das ich höre,
Und welch ein Volk ist's, das von Qual besiegt scheint?”

Und er zu mir: „„Dergleichen traur'ge Weise
Behalten die elenden Seelen derer,
Die ohne Schimpf, wie ohne Lob gelebet.

Gemenget sind sie zu dem bösen Schwarme
Der Engel, die nicht widerstrebend waren,
Noch Gott getreu und nur für sich verblieben.

Aus stieß sie, nicht entstellt zu sein, der Himmel,
Und auch die tiefe Hölle nicht empfängt sie,
Daß über sie die Schuld'gen nicht frohlocken.””

Und ich: „O Meister, was ist wohl denselben
So schwer, daß es so laut sie klagen machet?” -
Er sprach zurück: „„Ich will es kurz dir sagen:

Sie haben keine Hoffnung auf Vernichtung:
Und ihr blödsinnig Leben ist so niedrig,
Daß jedes and're Schicksal sie beneiden.

Andenken ihrer läßt die Welt nicht bleiben:
Erbarmen und Gerechtigkeit verschmäht sie:
Sprich nicht von ihnen; Schau, und geh' vorüber.”” -

Und ich, der schau'te, sahe eine Fahne,
Die gewirbelt rannte, so davon gerissen,
Daß sie mir schien jedweder Ruh unwürdig:

Und hinter ihr kam ein so langer Zug her
Von Leuten, daß ich nimmermehr geglaubet,
Daß je der Tod soviel davon vernichtet.

Drauf, als ich den und diesen da erkannte,
Schaut' ich und sah den Schatten dessen, welcher
Aus Niedrigkeit auf Mächtiges verzichtet.

Sogleich vestand ich, und war deß versichert,
Daß dies die Rotte war derselben Schlechten,
Die Gott mißfallen, gleichwie seinen Feinden.

Die Elenden, die nie lebendig waren,
Sie waren nackend, und gar viel gestachelt
Von Fliegen und von Wespen, die da schwärmten:

Die streiften ihnen das Gesicht mit Blute,
Das, thränenuntermischt, zu ihren Füßen,
Von ekeln Würmern aufgesammelt wurde.

Drauf, als ich weiter mich ergab dem Spähen,
Sah Volk am Strand ich eines großen Stromes;
Weshalb ich sagte: „Meister, nun gewähre,

Daß, wer die sind, ich wiss', und welche Satzung
Bewirkt, daß sie so willig überfahren,
Wie ich es unterscheid' im stumpfen Lichte?” -

Und er zu mir: „„Die Dinge werden's lehren
Wenn wir anhalten werden uns're Schritte
Dort an des Acheron trübsel'gem Strande.”” -

Drauf mit beschämten und gesenkten Blicken,
Befürchtend, daß ihm lästig sei mein Reden,
Enthielt ich bis zum Strome mich des Sprechens.

Und siehe, gegen uns kam da da zu Schiffe
Ein greiser Mann, weiß vom uralten Haare,
Laut schreiend: „Weh euch, ihr verruchten Seelen!

Hofft nimmermehr den Himmel zu erblicken:
Ich komm' euch führen zu dem andern Ufer,
In ew'ge Finsterniß, in Brand und Frost hin.

Doch du, der dorten steht, lebend'ge Seele,
Geh', scheide dich von denen, die gestorben!” -
Doch drauf, als er ersah, daß ich nicht wegging,

Sprach er: „Durch and're Weg', in andern Furthen
Wirst du hinüber kommen, aber hier nicht:
Denn dich zu tragen, will's ein leichtres Fahrzeug.”” -

Mein Führer sprach zu ihm: „„Charon, nicht zürnen:
Man will es so allda, wo man Gewalt hat
Deß, was man will: drum weiter nicht mehr fragen!”” -

Damit denn wurden still die woll'gen Wangen
Des Steuermannes auf der fahlen Lache,
Der Flammenringe um die Augen hatte.

Doch jene Seelen, die müd' und nackend waren,
Veränderten die Farb', und zähneklappten
Flugs, als die harte Rede sie vernommen,

Und lästerten da Gott und ihre Eltern,
Die Menschen auch, den Ort, die Zeit, den Saamen
Zu ihrer Aussaat und zu ihrem Werden.

Drauf zogen alle sich in sich zusammen,
Heftig aufwimmernd, am bösart'gen Strande,
Der jedes Menschen harrt, der Gott nicht fürchtet.

Dämon Charon, mit Kohlenfeueraugen
Zuwinkend ihnen, treibt sie all' zusammen,
Schlägt mit dem Ruder jeden, der sich aufhält.

Gleich wie vom Herbste sich die Blätter lösen,
Eins nach dem andern, bis der Ast am Ende
Der Erd' all' seine Kleider wieder hingiebt;

So wirft sich hier der böse Saamen Adams
Von diesem Ufer Einer nach dem Andern,
Auf Winke, wie ein Vogel auf den Lockruf.

So geh'n sie ab da auf der dunklen Woge,
Und eh' sie drüben noch hinausgestiegen,
Schaart hüben sich auch schon ein neuer Haufe. -

„„Mein Sohn, begann zu mir der güt'ge Meister:
Diejen'gen, die im Zorne Gottes sterben,
All' sammeln sie sich hier, aus allen Landen,

Und sind bereit den Strom zu überschiffen;
Weil göttliche Gerechtigkeit sie so spornt,
Daß ihre Furcht sich wandelt in Verlangen.

Hierüber fährt nie eine gute Seele;
Drum, wenn sich Charon über dich beschweret,
Erkennst du leicht nun, was sein Reden meinet.””

Dies ausgesprochen beb'te das Gefilde
Das dunkele, so mächtig, daß vor Grausen
Erinn'rung jetzo noch in Schweiß mich badet.

Die Erde, die bethränte, sandte Sturm aus,
Und es erblitzt' ein purpurrothes Leuchten;
Das übernahm mir alle meine Sinne,

Hinfiel ich, wie ein Mensch, den Schlummer fasset.

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