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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Otto Gildemeister - Die Göttliche Komödie - Hölle

Die Inschrift des Höllentors besagt, daß die Dreieinigkeit (Macht, Weisheit, Liebe) die Hölle schuf aus Gerechtigkeit, das heißt zur Strafe für die ersten Geschöpfe, die von Gott abgefallenen Engel. Hier scheint es am Orte, die im Gedichte zerstreute Topographie der Hölle vorweg zu erledigen.
Die Hölle bildet unter der Erdoberfläche einen Trichter, dessen Spitze im Mittelpunkt der Erde, also des Weltalls (nach dem alten System) liegt. Den Deckel des Trichters bildet ein Kreis, in dessen Mitte Jerusalem, an dessen Peripherie u. a. Florenz sich befindet. Die Achse des Trichters liegt mithin in der Linie von Jerusalem durch das Erdzentrum nach der südlichen und der westlichen Hemisphäre. Die Wand des Trichters senkt sich in acht Absätzen zur Tiefe. Auf jedem Absatze ist einer der neun Höllenkreise, nur auf einem liegen zwei konzentrisch nebeneinander. Zwischen dem Tor und dem großen Kreise liegt neutrales Revier, der Ort der verächtlichen Geister, die es weder mit Gott noch mit dem Bösen gehalten haben. Unter ihnen erkennt Dante einen, „der aus Feigheit den großen Verzicht leistete”. Wahrscheinlich ist Papst Cölestin V. gemeint, der, um sich aus den Kämpfen des Lebens zurückzuziehen, sein Amt aufgab und dadurch dem von Dante über alles gehaßten Bonifazius VIII. Raum machte. Die Strafe, welche an diesen Feigen vollstreckt wird, soll den Auslegern zufolge die Natur derselben versinnbildlichen, das willenlose Folgen hinter einer Fahne, die nie rasten darf und immer im Kreise läuft, die Anstachelung verächtlicher Tiere, die Hingabe von Blut und Tränen an das Gewürm im Staube. In manchen der folgenden Höllenstrafen tritt ein symbolischer Zusammenhang mit dem bestraften Laster zu Tage, doch ist die Frage, ob man gerade in jeder Einzelheit danach suchen sollte.
Auf dies neutrale Grenzland folgt der die Hölle umschließende Fluß Acheron, über den Charon die Seelen schifft. Die unseligen Schatten eilen trotz ihrer Furcht, angespornt von dem Stachel der ewigen Gerechtigkeit, nach dem Strande. Dante selbst wird vom Charon zurückgewiesen, weil sein Körper für das Geisterschiff zu schwer wäre, außerdem weil, wie Virgil ihm zu verstehen gibt, kein Guter je den Acheron durchschiffte.

A) Das Höllentor (1-18).
B) Das Vorland der Hölle mit den Seelen der Feigherzigen. Papst Cölestin V. (19-69).
C) Der Acheron und Charon (70-129).
D) Erdbeben (130-136)

Ich führe zu der Stadt voll Schmerz und Grausen,
Ich führe zu dem wandellosen Leid,
Ich führe hin, wo die Verlornen hausen.

Ihn, der mich schuf, bewog Gerechtigkeit.
Mich gründete die Macht des Unsichtbaren,
Die erste Lieb' und die Allwissenheit.

Geschöpfe gibt es nicht, die vor mir waren,
Als ewige, wie selbst ich ewig bin.
Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren. -

Ich sah die Wort' in unsres Wegs Beginn
In dunklen Lettern über einer Pforte;
Drum sprach ich: „Meister, hart ist mir der Sinn.”

Und er zu mir, verstehend meine Worte:
„Jedweder Zweifel schweig' auf diesem Pfad,
Und alle Feigheit sterb' an diesem Orte.

„Wir sind zur Stelle, wie ich kund dir tat,
Wo ich zu dem betrübten Volk dich bringe,
Das der Erkenntnis Gut verloren hat.”

Und heiter nun, daß ich die Furcht bezwinge,
Legt' er die Hand in meine Hand, und dann
Führt' er mich ein in die geheimen Dinge.

Da hob Gestöhn und Weh und Heulen an
Rings durch die sternenlose Luft zu hallen,
Daß anfangs ich zu weinen drob begann.

Verschiedne Sprachen, grauenhaftes Lallen,
Wortes des Schmerzes und des Zornes Schmähn,
Gekreisch und Ächzen und der Hände Schallen,

Dies schien in stetem Aufruhr sich zu drehn,
Durch niegefärbte Luft im Kreis geschwungen,
Dem Sande gleich, wann Wirbelwinde wehn.

Und ich, des Haupt Entsetzen hielt umschlungen,
Sprach: „Meister, welcher Schall, der rings erbebt?
Wer sind sie, scheinbar so von Schmerz bezwungen?”

Und er zu mir: „Der Lärm, der sich erhebt,
Ist den elend'gen Seelen derer eigen,
Die ohne Schand und ohne Lob gelebt.

„Die sind vermischt hier mit dem Chor der feigen
Engel, der Gott nicht treu blieb und auch nie
Ihm Trotz bot, sondern stand beiseit in Schweigen.

„Der Himmel, schön zu bleiben, bannte sie;
Und wenn sie in der tiefen Hölle wären,
Hätten die Frevler ein'gen Ruhm durch die.”

Und ich: „Was, Meister, dulden sie des Schweren,
Daß sie anstimmen solches Wehgeschrei?”
Er gab zur Antwort: „Kurz will ich's erklären.

„Hoffnung des Todes ist für sie vorbei,
Und in Verworfenheit, lichtloser, trüber,
Neiden sie jedes Los, wie es auch sei.

„Kein Ruhm blieb in der Welt von ihnen über;
Gnad' und Gerechtigkeit verschmäht sie gar;
Nichts mehr von ihnen, schau und geh vorüber.”

Und ich hinblickend nahm ein Fähnleich wahr,
Das wirbelnd lief vorbei an unsrer Stätte
Und aller Rast, so schien's, unwürdig war.

Und hinterdrein kam eine lange Kette
So vielen Volks - ich glaubt' im Leben nicht,
Daß je der Tod so viel erschlagen hätte.

Alsbald gewahrt' ich ein bekannt Gesicht
Und sah den Schatten des vorüberwallen,
Der feig beging den großen Amtsverzicht,

Und durch einen wußt' ich nun von allen;
Daß dies die Memmen seien, sah ich klar,
Die Gott und Gottes Feinden gleich mißfallen.

Dies Jammervolk, das nie lebendig war,
Ging nackt einher und ward vielmals zerstochen
Von Wespen rings und großer Fliegenschar.

Das Blut lief ihnen von den Backenknochen,
Vermischt mit Tränen, auf die Zeh'n herab,
Wo ekle Würmer, es zu sammeln, krochen.

Und vorwärts schauend, was es weiter gab,
Sah ich viel Volks nach einem Flusse rennen
Und sagte: „Meister, schlag es mir nicht ab,

„Die Leute mir und den Gebrauch zu nennen,
Weshalb sie hasten nach des Flusses Strand,
Wie ich im trüben Lichte mag erkennen.”

Und er zu mir: „Der Grund wird dir bekannt,
Sobald wir stillstehn beim Hinuntersteigen
An Acherons trübsel'gem Uferrand.”

Da mußt' ich denn die Augen schamhaft neigen,
Aus Furcht, daß ich mit Reden ihn verletzt,
Und bis zum Flusse brach ich nicht mein Schweigen.

Und siehe, übers Wasser kam gesetzt
Zu Schiff ein Alter, weiß von Greisenhaaren,
Und schrie: „Verruchte Seelen, zittert jetzt!

„Hofft nimmermehr den Himmel zu gewahren.
In ew'ge Finsternis zum andern Bord,
In Gluten und in Frost werd' ich euch fahren.

„Und du, Lebendiger, was machst du dort?
Geh, hebe dich hinweg von diesen Toten!”
Doch als er mich nicht gehn sah, fuhr er fort:

„Auf andrem Weg, mit anderem Piloten,
Nicht hier kömmst du hinüber, nicht durch mich:
Denn deine Last verlangt nach leichtren Booten.”

Da sprach der Führer: „Charon, füge dich.
Man will es also droben, wo Verlangen
Und Können eins ist; und nicht weiter sprich.”

Gleich wurden ruhig die behaarten Wangen
Des Schiffers auf dem schwefelfahlen Sumpf,
Um dessen Augen Feuerräder schwangen.

Die Seelen aber, nackt und matt und stumpf,
Erblaßten zähneklappernd, als den Ohren
Erscholl des Fährmanns höhnischer Triumph.

Sie fluchten Gott, verwünschten und verschworen
Eltern und Menschheit, Ort und Zeit und Saat
Der Zeugung und Geburt, die sie geboren.

Dann zogen sie zuhauf den einen Pfad
Laut weinend nach dem Strand, dem unheilvollen,
Dem jeder Mensch, wer Gott nicht fürchtet, naht.

Der Dämon Charon, dem die Augen rollen,
Winkt sie heran und heißt geschart sie stehn;
Sein Ruder schlägt sie, wenn sie rasten wollen.

Und wie im Herbst die Blätter niederwehn,
Eins nach dem andern, bis den Schmuck der Locken
Die Bäume rings am Boden liegen sehn,

So wirft sich Admas böser Sam' erschrocken
Vom Strande dort hinunter, Mann um Mann,
Auf Charons Wink, wie Vögel auf das Locken.

Durchs dunkle Wasser fahren sie alsdann,
Und eh sie auf der andern Seite landen,
Häuft diesseits wieder neue Schar sich an.

„Sohn, (sprach der Meister, der mir beigestanden,)
So viel' im Zorne Gottes sterben, hier
Versammeln sie sich all aus allen Landen

„Und eilen übers Wasser hastig schier,
Weil die Gerechtigkeit sie spornt zu sputen;
So daß die Furcht sich wandelt in Begier.

„Nie kreuzt den Fluß die Seele eines Guten,
Und also kannst du, wenn dich Charon schilt,
Was dir sein Wort bedeutet, leicht vermuten.”

Als er geendet, bebte das Gefild
So heftig, daß noch immer von dem Grausen
In der Erinnerung der Schweiß mir quillt.

Die Tränenflur erhob ein Windessausen
Und scharlachrotes Licht fuhr übers Feld;
Da schwanden mir die Sinn', und bei dem Brausen

Fiel ich wie einer, den der Schalf befällt.

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