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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
B. Carneri - Die Göttliche Komödie - Hölle

Die Dichter gelangen zum Thor der Hölle, das eine grauenvolle Aufschrift trägt und aus dem ihnen lautes Wehgeheul entgegentönt. Hier, noch vor der eigentlichen Hölle, ist der Ort der Thatlosen, die für nichts auf der Welt waren und weder Ruhm noch Schmach erworben haben. Sie müssen, von Bremsen und Wespen gequält und aufgestachelt, in rasender Eile einer Fahne nachlaufen. Unter ihnen erkennt Dante Papst Cölestin V. Endlich gelangen die Dichter zum Acheron, über den Charon zahllose Scharen von Seelen setzt, Dante jedoch als Lebenden schroff zurückweisen will, bis Virgil ihn beruhigt. Plötzlich erbebt das Gefilde von einem Sturmwind, und ein blendender Blitz bringt Dante um alle Besinnung.

‚Durch mich geht's in die trauervolle Stadt,
Durch mich geht's in den grenzenlosen Schmerz,
Durch mich geht's unter die Verlorenen.

Gerechtigkeit war meines Schöpfers Antrieb,
Ich bin das Werk der göttlichen Gewalt,
Der höchsten Weisheit und der ersten Liebe;

Vor mir hat's nichts Erschaffenes gegeben,
Nur Ew'ges, und ich selbst bin ewig dauernd:
Eintretende! laßt alle Hoffnung schwinden.’ -

Dies dunkle Wort an eines Thores Wölbung
Erblickend, wandt' ich mich dem Führer zu:
„Meister, des Wortes Sinn bedrückt mich hart”. -

Da sprach der kluge, vielerfahrne Mann:
„Hier gilt's von jeglichem Verdacht zu lassen,
Hier heißt's ertöten jeder Feigheit Spur;

Das ist der Ort, von dem ich dir gesagt,
Daß du drin schaun wirst all die Schmerzbeladnen.
Die der Erkenntnis höchstes Gut verwirkt”. -

Und seine Hand sanft legend auf die meine,
Mit heiterm Antlitz hebend meinen Mut,
Führt er mich ein in die geheimsten Dinge.

Hier gab's nur Seufzer, Weinen, Wehgeheul,
Ertönend durch die sternenlose Nacht,
Daß anfangs Thränen mir ins Auge traten.

Verschiedne Sprachen, grauenvolle Reden,
Worte der Qual und wutentbrannte Laute,
Wildheis're Stimmen, drunter Händeklatschen

Durchtobten mit betäubendem Getös
Die Luft, in der kein Zeitmaß Wandel schafft,
Kreisend wie Sand, wann sich der Sturm erhebt.

Und ich, dem Irrtum hielt die Stirn umspannt:
„O Meister”, rief ich, „was vernimmt mein Ohr
Und was für Volk scheint so von Schmerz bezwungen?” -

Und er zu mir: „Dies elende Gebaren
Ist eigen all den selbstisch kalten Seelen,
Die sonder Schmach gelebt und sonder Lob.

Sie sind vermengt mit dem verworfnen Chor
Der Engel, die gen Gott sich nicht empört,
Doch, ohne Treue, nur sich selbst gelebt.

Der Himmel hat verjagt sie, seine Schönheit
Zu schonen, und die Hölle sie nicht aufnimmt,erühmung”. -

Und ich: „Was mag, o Meister, sie so schwer
Bedrücken, daß so laut ihr Leid sie klagen?” -
Der Meister drauf: „Das kann sehr kurz ich sagen.

Sie haben keine Hoffnung, je zu sterben,
Und ihr lichtloses Leben liegt so tief,
Daß sie das niedrigste Geschick beneiden.

Die ganze Welt gedenket ihrer nicht,
Erbarmen und Gerechtigkeit verschmäht sie;
Nichts mehr davon, sieh' hin und schreite weiter”. -

Fortschreitend blickt' ich hin und schaut' ein Banner,
Das sich im Drehn so rasch dahin bewegte,
Wie wenn für es unstatthaft wär' das Ruhn.

Und hinter ihm kam ein so langer Zug
Von Seelen, daß ich nimmer hätt' geglaubt,
Es habe schon so viel der Tod verschlungen.

Da ward mir, als erkennt' ich wen; ich schaute
Schärfer und sah den Schatten dessen, der
Aus Feigheit that den schmählichen Verzicht.

Zugleich vernahm und war ich überzeugt,
Daß dieses hier die Bande war der Bösen,
Mißfällig Gott sowie den Feinden Gottes.

Diese Verruchten, die nie ganz gelebt,
Nackt waren sie, von Wespen und von Bremsen,
Die jämmerlich sie quälten, rings umschwärmt;

Von ihrem Antlitz reichlich rann das Blut,
Das thränenuntermischt von ihren Füßen
Gierig aufsogen widerliche Würmer.

Und nur bestrebt, noch mehr zu sehn, erblickt' ich
Am Ufer eines Stroms ein groß Gedränge,
Weshalb ich sagte: „Meister, jetzt gewähre

Zu wissen mir, wer diese sind und warum
Sie so bereit sind, in den Kahn zu springen,
Wie bei dem Zwielicht es mir scheinen will?” -

Und er zu mir: „Du wirst es schon erfahren,
Sobald wir unsre Schritte hemmen werden
Am trauervollen Ufer Acherons”. -

Hierauf beschämt und mit gesenkten Blicken,
Aus Furcht, daß ihm mein Wort beschwerlich falle,
Des Redens bis zum Strom ich mich enthielt.

Und sieh', da kommt auf einem Kahn gefahren,
Ein Greis, schneeweiß von altersbleichem Haar,
Auffschreiend: „Seht euch vor, verderbte Seelen,

Hofft ja nicht, je zu schaun das Himmelreich!
Ich komm', an jenes Ufer euch zu führen,
In ew'ge Finsternis, in Eis und Feuer.

Und die du hier verweilst, lebend'ge Seele,
Trenne von diesen dich, sie sind ja tot!”
Doch als er sah, daß ich nicht ging von dannen,

Sprach er: „Auf anderm Weg, durch andre Häfen
Kommst du zum Ufer, nicht hier; willst hinüber,
So hat ein leichtres Schifflein dich zu tragen”. -

Da rief der Meister: „Charon, Gräm' dicht nicht:
Man will's so, wo man, was man will, auch kann;
D'rum füge dich und laß das eitle Fragen”. -

Damit gewannen Ruh' die rauhen Wagen
Des Fährmanns dieser fahlen, sumpf'gen Fluten,
Um dessen Augen Flammenräder sprühten.

Doch jene Seelen, übermüd' und nackt,
Wechselten Farbe, klappern mit den Zähnen,
Sobald das mitleidlose Wort sie hörten;

Und Gott verfluchend, die Verwandten alle,
Die Menschheit und den Ort, die Zeit, den Samen
Des eig'nen Samens und die draus Gebornen,

Laut weinend an einander rückten sie,
Dem ewig unheilvollen Ufer zu,
Das aller harrt, die niemals Gott gefürchtet.

Charon der Dämon, voller Glut das Auge,
Weiß durch sein Winken alle zu versammeln,
Die Säum'gen schlagend mit dem harten Ruder.

Gleichwie zur Herbstzeit sich die Blätter heben,
Eins nach dem andern, bis der letzte Zweig
Der Erde wiedergiebt die ganze Beute,

So hier ergeht es Adams bösem Samen:
Vom Ufer sinken alle sie hinab
Wie Vögel auf den Lockruf in die Falle.

Sie ziehn dahin auf diesen dunklen Wogen,
Und eh' sie drüben alle sind verschwunden,
Hat hüben sich ein neuer Schwarm gesammelt.

„Mein Sohn,” begann der liebenswürd'ge Meister,
„All, die gestorben sind in Gottes Zorn,
Vereinigen sich hier aus allen Landen;

Und willig übersetzen sie den Strom,
Weil sie die göttliche Gerechtigkeit
So spornt, daß Furcht sich wandelt in Begehren.

Den Weg hier geht nicht eine gute Seele;
D'rum wenn sich Charon über dich beklagt,
Weißt du nunmehr, was dies bedeuten mag”. -

Als er geschlossen, bebte weit und breit
Das fahle Land so mächtig, daß des Schreckens
Erinnrung heute noch in Schweiß mich badet.

Der thränenreichen Erd' entrang ein Sturm sich
Und diesem ein so blenden rotes Licht,
Daß ich, beraubt des leisesten Empfindens,

Hinsank gleich einem, den der Schlaf besiegt.

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