Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 02
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 02

1   Der Tag entwich, und Nacht mit dunkelm Scheine
2   Nahm ab den Wesen, die auf Erden leben,
3   All ihre Mühsal; und ich ganz alleine

4   Hielt mich bereit, den Wettkampf anzuheben,
5   Um Wegesmüh und Mitleid zu erproben,
6   Davon Erinnrung treues Bild soll geben.

7   O Musen, helft, und hoher Geist dortoben!
8   Gedächtnis, das du schriebst, was ich gesehen,
9   Hier zeige, wie dein Adelsinn zu loben.

10   Und so begann ich: »Dichter, eh wir gehen,
11   Prüf meine Kraft, ob sie dazu wird langen,
12   Wenn du mich lässest schweren Weg bestehen.

13   Du sagst, des Silvius Vater sei gegangen,
14   Obwohl er noch hinfällig Fleisch gewesen,
15   Zur ewigen Welt hinab, vom Leib umfangen.

16   Doch ließ des Bösen Feind ihn des genesen
17   In Gnaden, eingedenk der hohen Taten,
18   Dazu nach Art und Wirkung er erlesen,

19   So billigts jeder, den Vernunft beraten.
20   Sein Anspruch darf sich auf den Himmel gründen
21   Als Vater Roms und Stifter seiner Staaten.

22   Denn beides war doch, will man Wahrheit künden,
23   Vorausbestimmt zum Heilsort, daß die Throne
24   Dort für des größeren Petri Erben stünden.

25   Ihm gab die Wandrung, die du rühmst, zum Lohne
26   Erkenntnis hoher Dinge; sie errangen
27   Den Sieg ihm und nachher die Papsteskrone.

28   Auch durfte das Gefäß dahingelangen,
29   Das auserwählt zur Stärkung für den Glauben,
30   Aus dem von je der Heilsweg angefangen.

31   Doch ich, warum hingehn? Wer wirds erlauben?
32   Ich bin Äneas nicht noch Paulus. Keiner,
33   Ich gar nicht, darf so hoch den Anspruch schrauben.

34   Und wag ichs dennoch, fürcht ich, daß man meiner
35   Törichten Wandrung lache. Dieses Bangen
36   Verstehst du Weiser eher, als sonst einer.«

37   Und jenem gleich, der aufgiebt sein Verlangen
38   Und neuem Plan zulieb verfällt ins Schwanken,
39   Bis gänzlich er verzichtet anzufangen,

40   So ich. Grübelnd verzehrten die Gedanken
41   Im dunkeln Tal den Plan, der erst mich freute,
42   Den ich ergriff im Anfang ohne Wanken.

43   »Wenn ich mir deine Worte richtig deute,«
44   Ließ des Erhabenen Schatten sich vernehmen,
45   »Ist deine Seele jener Feigheit Beute,

46   Der oft sich schwache Menschen anbequemen,
47   Bis sie sie schreckt vom ehrenvollsten Wege,
48   Alsob ein Tier sich scheut vor einem Schemen.

49   Vernimm, damit sich diese Furcht dir lege,
50   Warum ich kam und was ich hörte eben,
51   Als Mitleid mir mit dir zuerst ward rege.

52   Bei denen war ich, die im Zweifel schweben;
53   Da rief ein selig Weib mich, schön zu schauen,
54   Daß ich sie bat, Befehle mir zu geben.

55   Ihr Auge schien ein Stern in Himmelsauen,
56   Und sie begann zu reden sanft und leise,
57   Wie man es hört von Engelslippen tauen:

58   O Mantuanergeist, zu dessen Preise
59   Der Ruhm auf Erden niemals Schweigen kannte
60   Noch schweigen wird, solang die Welt nur kreise:

61   Mein Freund, den nie Fortuna Freund benannte,
62   An wüster Felswand irrt der Furchtverstörte
63   Vom Wege ab, weil er sich rückwärtswandte.

64   Auch fürcht ich, ging so irr schon der Betörte,
65   Daß ich zu spät erschien im Helferdrange
66   Nach dem, was ich im Himmel von ihm hörte.

67   Nun eile, und mit deiner Worte Klange
68   Und allem, was ihn sicher läßt entrinnen,
69   Sei ihm solch Helfer, daß ich Trost erlange.

70   Ich, Beatrice, sende dich vonhinnen;
71   Ich komm daher, wohin ich wieder strebe.
72   Aus mir spricht Liebe, sie lenkt mein Beginnen.

73   Wenn ich vor meinem Herrn erst wieder schwebe,
74   Will ich dich oft ihm nennen, dir zum Preise.'
75   Sie schwieg darauf. Und ich nun Antwort gebe:

76   O Weib, an Tugend reich, die einzigerweise
77   Die Menschheit läßt ob allem Inhalt ragen
78   Des Himmels, der sich dreht im engsten Kreise,

79   Es schafft mir dein Befehl soviel Behagen,
80   Daß Raschgehorchen Säumnis noch zu nennen.
81   Du brauchst den Wunsch nicht dringlicher zu sagen.

82   Doch warum scheinst du keine Furcht zu kennen
83   Und bist hierher zum Mittelpunkt gestiegen,
84   Wenn Heimweh dich schon wieder ließ entbrennen?'

85   Weil gar soviel dir scheint daran zu liegen,'
86   Sprach sie, 'vernimm in Kürze denn, weswegen
87   Der Herweg mir nicht ließ den Mut versiegen.

88   Furcht soll man nur vor solchen Dingen hegen,
89   Die mit der Macht begabt sind, uns zu schaden;
90   Vor andern nicht, weil Furcht sie nicht erregen.

91   Geartet bin ich so von Gottes Gnaden,
92   Daß eure Erdennot mich nie beschleiche,
93   Noch mich verletze dieser Brand und Schwaden.

94   Es klagt ein edles Weib im Himmelreiche
95   Der Hemmung halb, dahin ich dich nun schicke,
96   Daß droben sie den harten Spruch erweiche.

97   Die rief Lucien an im Augenblicke:
98   »Soll ferner noch dein Treuer auf dich halten,
99   Nimm sein dich an, daß Rettung ihn erquicke.«

100   Lucia, feindlich allem rauhen Walten,
101   Erhob sich schnell, daß sie am Ort erscheine,
102   Allwo ich neben Rahel saß, der alten,

103   Sprach: »Beatrice, Gottgelobte, Reine,
104   Was hilfst du diesem nicht, der dir zuliebe
105   Den Schwarm des Pöbels mied und das Gemeine,

106   Alsob dein Ohr taub seinem Wehruf bliebe?
107   Sahst du nicht, wie er mit dem Tod gerungen
108   In Wogen, wie kein Meer sie wilder triebe?«

109   Nie schneller ist ein Erdenmensch gesprungen,
110   Mag Glück ihm oder Flucht vor Unheil frommen,
111   Als ich - da mir ans Ohr solch Wort geklungen

112   Herab von meinem seligen Sitz gekommen,
113   Vertrauend deiner edeln Rede gerne,
114   Die dich und jeden ehrt, der sie vernommen.'

115   Sie sprachs, worauf sie ihrer Augen Sterne,
116   In Tränen schimmernd, wieder von mir kehrte,
117   Daß michs nur schneller hertrieb aus der Ferne.

118   Und so kam ich zu dir, wie sie begehrte,
119   Entriß dem Untier dich, das dir zum Hügel,
120   Dem herrlichen, den kurzen Weg verwehrte.

121   Und nun? Warum, warum hält dich ein Zügel?
122   Warum im Herzen nährst du feiges Grauen?
123   Warum sinkt dir gelähmt der Tatkraft Flügel,

124   Wo doch drei hochgebenedeite Frauen
125   Im Hof des Himmels Sorge für dich zeigen,
126   Und solch ein Heil mein Wort dich läßt erschauen?« -

127   Wie sich die Blümlein schließen und sich neigen
128   Im Nachtfrost, aber scheint die Sonne heiter,
129   Am Stengel offenen Kelches lichtwärtssteigen,

130   So hob mein welker Mut sich tat-bereiter.
131   Und so in Eifers Glut mein Herz entbrannte,
132   Daß ich begann wie ein Albdruckbefreiter:

133   »O wie voll Mitleid sie! die Hilfe sandte,
134   Und huldreich du! der eilig nachgekommen
135   Den Wahrheitsworten, die an dich sie wandte.

136   Es fühlt mein Herz, von deinem Wort entglommen,
137   Nach diesem Gange Sehnsucht, frei von Bangen,
138   Daß ich den ersten Plan neu aufgenommen.

139   Nun geh, uns beide spornt ein gleich Verlangen,
140   Du Meister, du Gebieter und du Leiter.«
141   So sprach ich. Und als er dann vorgegangen,

142   Ging ich auch auf dem tiefen Waldweg weiter.

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