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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Georg van Poppel - Die Göttliche Komödie - Hölle

Der Tag entwich, das Dunkel nahm gemeinsam
Den Lebewesen auf der weiten Erde
All ihre Mühsal; ich nur rüstet einsam

Mich auf den Heldenkampf mit der Beschwerde
Sowohl des Mitleids wie der Weggefahren,
Den treu ich nach Erleben schildern werde.

O Musen, hoher Geist, helft mir zum Klaren!
Gedächtnis, das, was ich geschaut, du reihtest,
Hier wirst du deinen Adel offenbaren. 9

„O Dichter”, hob ich an, „der du mich leitest,
Erprob die Leistung meiner Fähigkeiten,
Bevor du mir so kühne Fahrt bereitest!

Du läßt des Silvius Vater noch zu Zeiten
Des Erdenwallens und im Sinnenleben
Zur zeitenlosen Welt hinunterschreiten.

War nun des Übels Feind ihm so ergeben,
Bedenkend, wie sich draus die Folgen schwellten,
Und wer und was darauf sich sollt erheben, 18

So muß dem Klugen er 's für würdig gelten,
Da doch der höchste Himmel ihm vermacht hat
Die Ahnherrschaft von Rom und seinen Welten.

Denn Rom und Reich - wenn man der Wahrheit achthat -
War beides vorbestimmt zum heiligen Staate,
Wo heut des größern Petrus Erbe Macht hat.

Auf diesem Gang, den du ihm nachrühmst, nahte
Erkenntnis ihm, die ihm den Grund bereitet
Zu seinem Sieg und zu dem Papstornate. 27

Darauf das Auserwählte Rüstzeug schreitet
Denselben Pfad, zur Stärkung für den Glauben,
Der als Beginn zum Heilsweg hingeleitet.

Doch ich? Wie käm ich hin? Wer will's erlauben?
Äneas' oder Paulus' Namen trage
Ich nicht; und daß ich's wert, wird keiner glauben.

Drum wenn ich dennoch hinzugehen wage,
Muß ich befürchten, daß ich töricht tollte:
Du Weiser kennst das besser als ich's sage.” 36

Und wie, wer nicht mehr will, was erst er wollte,
Den Vorsatz tauscht, weil er's noch mal erwogen,
So daß ihm das Beginnen fern verrollte,

So hab auch ich's am düstern Hang gepflogen,
Weil das Bedenken den Entschluß verzehrte,
Den ich zuerst so eifrig hätt vollzogen.

Der hochgesinnte Schatten aber lehrte:
„Wenn ich mir deine Worte richtig deute,
Glaub ich, daß Feigheit dir den Sinn versehrte. 45

Sie hat den Menschen, der ihr ward zur Beute,
Schon oft von edlem Vorsatz abgezogen,
Wie falsches Sehn ein Tier, sooft es scheute.

Die Furcht zu bannen, die dich überflogen,
Will ich, was ich gehört, dir nicht verhehlen,
Als Mitleid mich zu dir zu gehn bewogen.

Ich weilte bei den schwebend bangen Seelen,
Da rief ein Weib mich, hold und schön, daß gerne
Ich selbst sie bat, sie möchte nur befehlen. 54

Ihr Auge glänzte trotz dem Tagessterne;
Wie eine Engelsstimme hört ich wehen,
So sanft und leise sprach sie aus der Ferne:

‚O edler Geist von Mantua, hör mein Flehen!
Du, dessen Nachruhm auf der Welt noch dauert
Und dauern wird, solang sie sich wird drehen!

Mein Freund, nur nicht der Freund des Glückes, trauert
Am wüsten Hang, wo ihm der Weg verrannt ist,
Daß er zurück schon kehrt, von Furcht durchschauert. 63

Schon fürcht ich, daß so weit er abgewandt ist,
Daß ich zu spät mich hob, ihn zu befreien,
Nach dem, was mir vom Himmel her bekannt ist.

Nun geh, ihm deine Redekunst zu weihen,
Mit allem, was er braucht, ihm beizustehen;
Mag's ihm zur Rettung, mir zum Trost gedeihen!

Ich, Beatrice, bin's, die dich heißt gehen;
Ich komme her, wohin ich heimverlange;
Die Liebe trieb mich her und ließ mich flehen. 72

Bin ich zum Herrn gekehrt von diesem Gange,
Will oft vor ihm ich reden dir zum Preise’.
Dann schwieg sie und ich sprach im Herzensdrange:

‚O Weib an Tugend reich, die einzigerweise
Die Menschheit über das hinaus läßt ragen,
Was auch der engste Himmel je umkreise,

Wär's schon vollbracht, noch schiene es mir Zagen:
So sehr behagt auch mir, worauf du drangest;
Nicht offener brauchst du mir's anzutragen. 81

Doch sag mir, wie es kommt, daß du nicht bangest,
Zu diesem Mittelpunkt dich herzutrauen
Vom weiten Raum, wohin du heimverlangest?’

- ‚Weil du so gern ins Innre möchtest schauen‚,
Versetzte sie, ‚will ich dir kurz entdecken,
Warum ich kommen konnte ohne Grauen.

Nur solche Dinge können Furcht erwecken,
Die Macht besitzen, unsereins zu schaden,
Die andern nicht; sie bergen keinen Schrecken. 90

Denn ich bin so gefeit durch Gottes Gnaden,
Daß ich vor Eurem Elend mich nicht graue,
Noch Flammenbrand mich faßt auf diesen Pfaden.

Es wußt im Himmel eine holde Fraue,
Gerührt vom Leid, wohin ich dich entsende,
Zu sänftigen des höchsten Urteils Rauhe.

Sie rief Lucia her zu diesem Ende
Und sprach: ‚Hilf deinem Treuen jetzt beizeiten!
Er braucht's; ich leg sein Los in deine Hände.’ 99

Lucia, Feindin aller Grausamkeiten,
Bewegte sich und kam herangefahren
Bis wo ich saß und Rahel mir zur Seiten

Und sprach: ‚Hilf, Beatrice, ihn bewahren,
Der dich geliebt, du Gottes wahre Ehre,
Und dadurch ragte über Pöbelscharen!

Vernimmst du nicht all seines Jammers Schwere?
Siehst du den Tod nicht, der ihn bald ereilt hat
Im Wogenbrand gewaltig trotz dem Meere?’ 108

Kein Mensch, der sich auf Erden je beeilt hat,
Gewinn zu ernten, Schaden zu beschwören,
Wie ich, als sie den Auftrag mir erteilt hatt.

Ich stieg herab aus meinen seligen Chören,
Weil mich Vertraun auf deine Wortkunst führte,
Die dir zum Ruhm und allen, die sie hören.’ -

So schloß sie, und im Tränenschimmer rührte
Die Augenpracht mich, die sie seitwärts wandte,
Was meinen Gang noch mehr zur Eile schürte. 117

Und so kam ich zu dir, wie sie mich sandte.
Das wilde Tier hab ich zurückgeschlagen,
Das dir zum Berg den kurzen Steg verrannte.

Also was ist? Warum, warum dein Zagen?
Was nährst im Herzen du so feiges Grauen?
Warum gebricht es dir an frischem Wagen,

Wo du bei drei gebenedeiten Frauen
lm Hof des Himmels konntest Mitleid wecken,
Und auch mein Wort dich stärkt mit Heilsvertrauen?” 126

Wie Blümlein nachts vor Frost die Kelche decken
Und niederhangen, doch dann, hell belichtet,
Sich voll entfaltend auf dem Stengel recken,

So meine Kraft, die vorhin ganz verzichtet:
Und so viel Kühnheit mir zum Herzen rannte,
Daß ich mich frank und frei emporgerichtet:

A buddy from my old stomping grounds.

„Wie gütig ist sie, die mir Hilfe sandte,
Wie freundlich du, so hurtig nachzukommen
Dem wahren Wort, das sie für mich verwandte! 135

Denn so viel Sehnsucht ist mir neu entglommen,
Auf dein Geheiß die Reise anzufangen,
Daß mir der frühere Vorsatz hochwillkommen.

Nun geh: wir beide haben ein Verlangen,
Du Führer, Herr und Meister auf dein Wege!”
So sprach ich, und als er vorangegangen,

Betrat auch ich die tiefen wilden Stege.

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