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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle

Es wird Abend. Dante flicht eine Anrufung der Musen ein und erzählt, wie er, alle menschlichen Bestrebungen durch Dunkel gehemmt sehend, gezweifelt, ob seine Kraft hinreiche, lebend das Jenseit zu durchwandeln. Indem er zu Virgil sagt: daß wohl dem Aeneas und Paulus so Außerordentliches gewährt worden, - jenem, damit er das römische Reich nach Anchises Rath gründe, diesem, damit er dem Glauben Kräftigung bringe, deutet unser Dichter an, daß er bei seiner poetischen Wanderung ebenfalls das römische Reich weltlich und geistlich in's Auge fasse. - Virgil (die Einsicht) heißt ihn den Kleinmuth ablegen, nennt sein Unternehmen ein würdiges, und erzählt ihm: wie Beatrice in die Vorhölle hinabgekommen, von einer hehren Frau im Himmel durch den Mund der heiligen Lucia berufen, Dante zu retten, und wie Beatrice es sei, die ihn, den Virgil, zu seinem Beistand heraufgesendet. - In diesen drei Frauen werden drei göttliche Gnaden symbolisirt: die zuvorkommende, die erleuchtende und die vollführende. Die erste, die zuvorkommende, ist Maria. Die erleuchtende Gnade wird unter dem Bilde der heiligen Lucia gefaßt, deren Namen von lux (Licht) kommt; die man auch um Heilung der leiblichen Augen anfleht. Die dritte Gnade aber ist die vollführende, vorgebildet in B eatricen (der Beseligerin). In ihr erhöht Dante das Bild seine Jugendgeliebten, der frühverschiedenen Florentinerin Beatrice Portinari, zum Bilde der beseligenden Gotteslehre, von der im Buch der Weisheit Cap. 8 V. 2 gesagt wird: "Ich habe sie mir erwählt von Jugend an und gedachte sie mir zur Braut zu nehmen und ward Liebhaber ihrer Schöne." - Vernehmend, daß drei heilige Frauen im Himmel Sorge für ihn tragen, beschließt Dante neu ermuthigt die schwere Wanderung, und folgt Virgil von Neuem auf dem Wege. - Betrachtung und Schilderung der Ewigkeit ist dem noch lebenden Dichter nur möglich, wenn seine menschliche Einsicht (unter Beistand des Himmels, der Musen und der erfindenden Kunst) der göttlichen Lehre gehorcht. Wirklich folgt das Gedicht mit seinen Schilderungen des Jenseits fast überall den Vorstellungen der Bibel, der Heiligen, und der alten Weisen und Dichter. Der ausführliche Schilderer des jenseits, Virgil, schreitet dem Dichter sichtbar voran, auch als Sänger und Prophet des römischen Weltreiches.

Es ging der Tag hin, und das nächt'ge Dunkel
Entzog die Wesen, die da sind auf Erden,
All' ihren Mühn und einzig ich allein nur

Bereitete mich zu bestehn das Kämpfen,
So mit dem Pfade wie mit allem Mitleid,
Was schildern wird Erinnrung, die nicht irret.

O Musen, o erhabne Kunst, nun helft mir!
Gedächtniß, du, das aufschrieb, was ich schaute,
Dahier wird sich dein Adel offenbaren! -

Also begann ich: „Dichter, der mich leitet,
Erwäge meine Kraft, ob sie gewaltig,
Eh' du dem kühnen Pfade mich vertrauest.

Du sagst: daß einst des Silvius Erzeuger
Vergänglich noch in Welt, die nicht vergehet,
Hinüberging, und es geschah leibhaftig:

Doch wenn der Widersacher alles Uebels
Huldreicher war, die hohe Wirkung denkend,
Die von ihm ausgehn sollt' und Was und Welches;

Scheint er verständ'gem Manne deß nicht unwerth,
Im höchsten Himmel auserwählt zum Vater
Der hohen Roma, so wie ihres Reiches:

Welche und Welches, um es recht zu sagen,
Bestimmet worden zu der heil'gen Stätte,
Allwo der Erbe thront des größern Petrus.

Auf diesem Gang, um welchen du ihn preisest,
Vernahm er Dinge, welche Grund geworden
Zu seinem Sieg und zu der Päbste Mantel.

Hinging dann das Gefäß der Auserwählung,
Daher zu reichen Stärkung jenem Glauben,
Der Anfang ist zum Wege der Erlösung.

Doch ich - wozu hingehn - und wer gewährt es?
Ich bin Aeneas nicht, ich bin nicht Paulus,
Nicht ich, nicht Andre halten deß mich würdig,

Drum wenn ich mich dem Wandern überlasse,
Befürcht ich fast, es sei die Wand'rung thöricht:
Du Weiser kennst das besser, als ich's sage.” -

Und wie, wer nicht mehr will, was er gewollt hat,
Neuer Gedanken halb den Vorsatz ändert,
Daß er sich vom Beginnen ganz zurückzieht,

So that auch ich an jenem finstern Rande:
Sinnend zernichtet' ich das Unternehmen,
Das im Beginnen so geschwind gewesen.

„„Hab' ich genau verstanden deine Rede,
Antwortete des Großgemuthen Schatten:
Ist deine Seele nun geschwächt von Kleinmuth,

Der oft den Menschen dergestalt umdunkelt,
Daß er ihn wendet von glorreichen Thaten,
Wie trüglich Sehn ein Thier, sobald es scheuet.

Damit du dich von dieser Furcht befreiest,
Sag' ich, warum ich kam, und was ich hörte,
Im ersten Augenblick, als du mir leid thatst.

Ich war bei jenen, die in Sehnsucht bleiben;
Da rief mich eine Frau, selig und lieblich,
Daß ich ihr flehete: mir zu gebieten.

Ihr Aug' erglänzte mehr als das Gestirn glänzt,
Und sie begann zu sagen mir anmuthig
Und sanft, mit Engelsstimm' in ihrer Sprache:

„O, gernbereite Mantuanerseele,
Derselben Ruhm annoch im Weltalldauert
Und dauern wird so lang als die Bewegung!

Mein Freund, allein nicht der der guten Schickung,
Wird an dem öden Strande so gehindert
Im Weg, daß er von Furcht zurückgewandt ist.

Und ich befürchte, daß er schon so irr sei,
Daß ich zu spät zur Rettung mich erhoben
Dem nach, was ich von ihm gehört im Himmel.

Nun reg' dich und mit deinem reichen Sprechen
Und, wie du Mittel hast zu seiner Rettung,
Hilf so ihm, daß davon ich sei getröstet!

Ich bin Beatrice, welche dich aussendet:
Von Stätte komm' ich, wohin ich zurück mich sehne:
Her trieb mich Liebe, die mich reden machet.

Werd' ich dann sein vor meines Herren Antlitz
Will ich zu ihm mich oftmals deiner Rühmen.”” -
Da schwieg sie still und ich begann nunmehro:

„O Tugendfürstin, einzige, durch welche
Die Menschheit über Alles ragt, was irgend
Der Himmel faßt, der kleiner hat die Kreise.

Also erfreuet mich was du gebietest,
Daß mir Gehorchen, wär's geschehn, noch spät dünkt.
Mehr nicht bedarf's mir deinen Wunsch zu enthüllen;

Doch sag den Grund mir, wie du dich nicht scheuest,
Hierab in diesen Mittelpunkt zu steigen,
Vom Weltraum, wohin du zu kehren brennest?” -

„„Verlangt dich so das Innre zu erkennen,
Sprach sie zurück mir: will ich kurz dir sagen,
Warum ich mich nicht scheu' hierein zu gehen:

Vor solchen Dingen nur soll man sich scheuen,
Da Macht inn' ist uns Unheil zu bereiten,
Vor andern nicht; denn selbe sind nicht furchtbar.

Mich hat mein Gott gemacht in Gnaden also,
Daß weder euer Leiden mich berühret,
Noch Flamme jenes Brandes mich bestürmet.

Im Himmel ist eine milde Frau, die erbarmt sich
Der Hemmung dort, wohin ich dich entsende,
So daß sie bricht den harten Spruch da oben.

Lucia wählte sie in ihrem Wunsche
Und sprach zu dieser: „„„Es bedarf dein Treuer
Nunmehro dein und dir befehl ich jetzt ihn.”̶”

Lucia, jegliches Grausamen Feindin
Bewegte sich und kam zu jener Stätte,
Allwo ich saß bei der altvordern Rahel.

Sprach: „Beatrice wahre Preisung Gottes,
Warum nicht hilfst du dem, der so dich liebte,
Daß er um dich verließ die Schaar des Volkes?

Hörst du denn nicht die Buße seines Weinens,
Siehst du denn nicht den Tod, mit dem er ringet
Am Sturzbach, dessen keinen Ruhm das Meer hat?”

Auf Erden waren Menschen nie so eilig,
Ihr Glück zu machen und ihr Weh zu fliehen;
Als ich, nach jenen so gethanen Reden,

Dahier herab von meinem sel'gen Sitz kam,
Vertrauend auf dein rechtgesinntes Sprechen,
Das dich ehrt, so wie die, die es vernommen.””

Hierauf, nachdem sie dies zu mir gesprochen,
Ab wandte thränend sie die lichten Augen,
Wodurch sie mich zum Gehn noch schneller machte.

Und zu dir kam ich, so wie sie es wollte,
Und hub hinweg dich vor dem wilden Thiere,
Das dir zum schönen Berg den kurzen Weg nahm.

Also was ist? warum, warum verweilst du?
Warum hegst so viel Kleinmuth du im Herzen?
Warum hast du nicht Kühnheit und nicht Freimuth;

Da doch so benedeiter Frauen dreie
Dein Sorge tragen an dem Hof des Himmels
Und dir mein Wort so mächtig Gut verheißet?"

- Und, gleichwie Blumen, von der nächt'gen Kühle
Gesenkt und zu, sich, von der Sonn' erhellet,
Geöffnet all' aufrichten auf den Stielen:

Erhub ich mich aus meiner matten Tugend:
Und solch' ein guter Muth rann in das Herz mir,
Daß ich begann, wie ein erlöstes Wesen:

„O wie mildthätig ist sie, die mir beisprang
Und du Huldvoller, der so schnell gehorsamt
Den wahren Worten, welche sie gebracht dir.

Du hast in Sehnsucht mir das Herz geneiget
Also zu jenem Gang, mit deiner Rede,
Daß ich nun wieder bin im ersten Vorsatz.

Nun gehe: denn ein ein'ger Will' ist Beiden,
Du Führer, du Gebieter und du Meister!” -
So sagt ich ihm und - als er sich beweget -

Eintrat ich in die Straße tief und waldig.

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