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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Bernd von Guseck - Die Göttliche Komödie - Hölle

Der Tag verging, des Abends Dämmerschein
Enthob die Seelen, die auf Erden leben,
All' ihrer Mühsal und nur ich allein

Bereitete mich vor, im Kampf zu streben
So mit des Weges, als Erbarmens Leiden,
Davon mein Geist wird treue Kundschaft geben.

O Muse! Hoher Genius! Helft, ihr Beiden!
Und du, mein Geist, sag' an, was ich geschaut, -
Hier wird sich deines Adles Ruhm entscheiden! -

„O Dichter, der mich führt, begann ich laut,
Sieh meine Kraft an, ob sie mächtig dessen,
Was du zum großen Schritt ihr zugetraut.

Du sagst, daß Silvius' Alpherr
Der Sterbliche, zu geh'n in's Geisterreich,
Und zwar als Mensch mit Fleisch und Bein - indessen,

Wenn Gott, der Feind von jedem Uebel, gleich
Ihm hilfreich war, so scheint es in Betracht
Des hohen Werks, an Werth und Folgen reich,

Das von ihm ausgeh'n sollte, wohl bedacht.
Denn war er nicht im Himmel ausersehen
Dem hehren Rom zum Vater, dessen Macht,

Um wahr zu sprechen, auf den sieben Höhen
Gegründet ward zu einem Heiligthume,
Um den Nachfolger Petri zu erhöhen?

Der Gang, den du erzählt zu seinem Ruhme,
Lehrt' ihm viel Dinge, welche Ursach waren
Zu seinem Sieg und unserm Kirchenthume.

Dorthin ging ein erwählt Gefäß
Um Trost zu holen für den wahren Glauben,
Der auf den Weg des Heils führt seine Schaaren.

Doch ich? Warum käm' ich? Wer mag's erlauben?
Ich bin Aeneas nicht, Sanct Paul noch minder!
Wer kann mich solchen Vorzugs würdig glauben?

So daß, wenn ich mich füge, ich als Sünder
Und Thor zu kommen fürchte! Du bist weise,
Umsichtiger als ich, der sich geschwinder

Von dem Entschlusse trennt, als er zur Reife
Ihn erst gefaßt!” - Wie Einer, dessen Wollen
Sich ändert stets mit dem Gedankenkreise,

Ward ich am Paß gestimmt, dem schreckenvollen,
Indem nachdenkend mir der Vorsatz schwand,
Den schnell zur Ausführung ich bringen wollen. -

„Dafern ich deine Worte recht verstand,
Erwiederte der Schatten, mein Geleit,
Hat Feigheit deine Seele übermannt,

Die oft den Menschen hemmt, so daß sie leid
Ihm macht das ehrenvollste Unternehmen,
Wie falscher Blick dem Thiere, das sich scheut.

Doch magst du jener Furcht dich wahrlich schämen;
Hör' an, warum ich kam und was mich eilen
Mitleidig hieß, um dich in Schutz zu nehmen.

Ich war bei denen, die im Vorhof weilen,
Da rief mich eine Frau, so selig schön,
Daß ich sie bat, Befehl mir zu ertheilen.

Ihr Auge schien ein Stern aus Himmelshöhn
Und so begann mit Worten leis' und mild
Der Engelsstimme liebliches Getön:

O guter Geist aus Mantua's Gefild,
Du, dessen Ruhm die Welt noch nicht vergißt,
Die er, so lang sie dauern wird, erfüllt:

Mein Freund, der nicht der Freund des Glückes ist,
Kämpft mit des wüsten Waldes Hindernissen,
Daß er aus Furcht den Pfad schon rückwärts mißt.

Ich fürchte ihn bereits so fortgerissen,
Daß ich zu spät zur Hilfe mich erhoben, -
Als ich die Noth im Himmel hören müssen.

Geh' hin, mag sich dein zierlich Wort erproben
In dem, was ihm vonnöthen, zu entrinnen,
Hilf ihm, daß ich getröstet dich kann loben.

Ich, Beatrice, treibe dich von hinnen,
Ich sehne mich zurück, von wo ich kommen,
Bewegt von Liebe, dir es anzusinnen;

Und wenn ich vor dem Herrn bin mit den Frommen,
Dann will ich Ihm, so oft ich kann, dich preisen! -
Sie schwieg, worauf ich selbst das Wort genommen:

O tugendhafte Frau, die kann beweisen
Des menschlichen Geschlechtes Vorrang hehr
Vor Allem, über dem die Himmel kreisen,

So glücklich macht mich dein Befehl, daß er
Den schleunigsten Gehorsam heischt zur Pflicht,
Du brauchst den Wunsch nicht zu erläutern mehr.

Doch sage mir den Grund, warum du nicht
Dich scheust, in diese Kluft hinabzusteigen,
Von da, wohin dein Geist sich sehnt zum Licht? -

Wenn du es wissen willst, werd' ich dir zeigen,
Versetzte sie, warum ich furchtlos dringe
In diese Tiefe, die dem Uebel eigen.

Zu fürchten hat man doch nur solche Dinge,
Die Macht besitzen, Einem viel zu schaden -
Wo diese fehlt, da ist die Furcht geringe;

Ich bin geschaffen so durch Gottes Gnaden,
Daß euer Elend nimmer mich berührt,
Noch jene Flammen sich auf mich entladen.

Im Himmel ist ein Wesen, das gerührt
Von jener Noth, der ich dich hilfreich schicke,
Damit der harte Spruch nicht wird vollführt.

Das rief sich Lucia in dem Augenblicke
Und sprach: Sieh! dein bedarf der treue Freund!
Und ich befehl' ihn dir zu seinem Glücke.

Und Lucia, allen Grausamkeiten feind,
Erhob sich, kam zum Orte, wo ich war,
Bei Rahes sitzend, der ich mich vereint,

Und sprach: Sieh, Beatrice, die Gefahr!
Was hilfst du dem nicht, der dich so geliebt,
Um dich verlassend die gemeine Schaar?

Hört nicht dein Mitleid, wie er sich betrübt?
Siehst du den Tod nicht, der mit ihm gerungen
Am Strom, der keinem Meer den Vorrang gibt? -

Auf Erden war kein Mensch so rasch gesprungen,
Zu flieh'n vor Schaden, oder sich zu nützen,
Als ich, da mir das Wort in's Ohr gedrungen:

Ich kam herab aus unsern sel'gen Sitzen,
Vertrauend deiner Rede Lauterkeit,
Die dich und Jene ehrt, die sie benützen!

Nachdem sie das gesprochen, war beiseit
Ihr leuchtend Augenpaar gewandt in Zähren,
Das machte schneller mich zum Gang bereit.

So kam ich her zu dir auf ihr Begehren,
Ich führte dich hinweg von jenem Thier,
Das dir den schönen Bergpfad wollte wehren.

Allein was nun? Warum, warum noch hier?
Wie kann die Feigheit so dein Herz durchdringen?
Fehlt wohl der freie Muth, die Kühnheit dir,

Wenn Trost drei segensreiche Frauen bringen,
Die an des Himmels Hof für dich gewacht -
Und dir mein Wort verspricht: es wird gelingen?” -

Wie Blümlein, welche vor dem Frost der Nacht
Den Kelch gesenkt, verschlossen, sich erheben
Und öffnen, wenn die Sonne ihnen lacht,

So fühlt' ich meine Kraft sich neu beleben,
In meinem Herzen neuen Muth erglüh'n
Daß ich begann, befreit von allem Beben:

„O Mitleidsvolle, die sich mir bemüh'n!
Du Trefflicher, der schnell, als ihm erklangen
Der Wahrheit Worte, hilfreich mir erschien!

Du hast mein Herz durchdrungen mit Verlangen
Zum Weitergeh'n so mächtig durch dein Wort,
Daß neu mein erster Vorsatz aufgegangen.

Ein Wille sei gemeinsam uns hinfort!
Du sollst mein Führer, Herr und Meister sein!”
So sagt' ich ihm und er verließ den Ort

Und schlug die Straße, steil und waldig, ein.

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