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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
B. Carneri - Die Göttliche Komödie - Hölle

Nach einer Anrufung der Musen setzt Dante dem Begleiter seine Bedenken gegen den vorgeschlagenen Gang auseinander. Allein Virgil erzählt, daß eine erhabene Frau des Himmels (es scheint die Jungfrau Maria gemeint zu sein) Lucia, als deren Getreuer Dante bezeichnet wird, aufgefordert habe, Beatrice auf die Gefahr, die der Geliebte laufe, aufmerksam zu machen, damit sie ihm beistehe. Beatrice habe sich nicht gescheut, die Hölle zu betreten, um ihn mit der erwähnten Sendung zu betrauen, die er mit Freuden übernommen. Dadurch vollständig ermutigt, schreitet Dante, dem vorangehenden Virgil folgend, der Hölle zu. Die kindliche Redeweise Beatrices ist im Original (II. 88-90) eben einzig in ihrer Art, wie die Glut, mit der Lucia sich an sie wendet.

Es war der Tag im Scheiden, und das Dunkel
Befreite dieser Erde Wesen alle
Von ihres Lebens Mühn; nur ich allein

Sollte mich vorbereiten auf den Kampf
Mit meines Wegs Gefahren und dem Mitleid,
Wovon Erinnrung treu berichten wird.

O Musen, o Begabung, steht mir bei!
Mein Geist, der stets Gescheh'nes niederschrieb,
Nun gilt's entfalten deinen ganzen Adel.

Und ich begann: „Mein Dichter und mein Führer,
Bedenke meinen Mut und seine Macht,
Bevor du mich dem großen Schritt vertraust.

Es heißt bei dir, daß einst des Silvius Vater,
Lebend'gen Leibs und aller Sinne mächtig,
Hinabgestiegen zu der ew'gen Hölle.

Wenn Gott nun, der ein Gegner nur des Übels,
Ihm günstig war in Rücksicht auf die Folgen,
Die draus nach jeder Richtung sich ergaben:

Ist's klar für jeden Menschen von Verstand,
Daß er im Empireum ward auserlesen
Zum Vater Rom's und dessen künft'gen Reichs

Die beiden waren, um es ganz zu sagen,
Voraus bestimmt für jenen heil'gen Ort,
Der des Nachfolgers Petri Sitz nun ist.

Auf dieser Fahrt, die du von ihm erzählst,
Hat er gehört, woraus sein Sieg und dann
Die päpstliche Gewalt hervorgegangen.

Auch das erlesne Rüstzeug ging den Pfad,
Auf dem gekräftigt wurde jener Glaube,
Der Anfang ist des Wegs zum wahren Heil.

Doch wie käm' ich dazu? Wer mag's gestatten?
Bin nicht Äneas, nicht der heil'ge Paulus;
Nicht ich, noch andre halten des mich würdig.

Ließe verleiten ich mich hinzuwallen,
Befürcht' ich, daß mein Kommen Wahnwitz wäre.
Du bist ein Weiser, mußt es besser wissen.” -

Und dem gleich, der nicht will, was er gewollt,
Aus neuen Gründen ändert seinen Vorsatz,
Verzichtend schließlich aufs Begonnene:

So fand' ich mich in jenem düstern Thale,
Bereit, das Unternehmen aufzugeben,
Zu dem ich anfangs mich so rasch entschlossen.

„Wenn ich dein Wort hab' richtig aufgefaßt,”
Erwiderte der Schatten des Hochherz'gen,
„So hält jetzt Feigheit dein Gemüt gefangen,

Die nur zu häufig uns den Weg vertritt,
Und von der Bahn zum Ruhm abschwenken macht,
Wie falsches Schaun die Rosse, wann sie scheun.

Dich zu befrei'n von deiner Angst, will sagen
Ich dir, weshalb ich kam, und was ich hörte,
Zum erstenmal mich kümmernd um dein Los.

Ich weilte bei den Nichtverurteilten;
Da rief ein Weib mich, selig und so schön,
Daß gleich ich bat, sie möchte mir gebieten.

Das Auge leuchtete mehr als der Stern,
Und sie begann in überird'schen Tönen,
Mit eines Engels Stimme sanft und mild:

„O liebenswürd'ge Mantuaner Seele,
Deren Berühmtheit in der Welt noch währet
Und währen wird bis in die fernste Zeit;

Mein Freund, der meine nur, nicht auch des Glücks,
Wird auf dem öden Strand so hart bedrängt,
Daß er aus Furcht die Flucht schon hat ergriffen.

Wenn er nur nicht so sehr sich schon verirrt,
Daß ich zum Helfen spät bin aufgebrochen;
Was ich gehört im Himmel, läßt mich's fürchten.

Geh' hin und steh' mit deiner Rede Macht
Und allem, was zur Rettung dienen mag,
Ihm treulich bei, daß Trost mir wieder werde.

Beatrice bin ich, die nun gehn dich heißt,
Und komm von dort, wohin mich Sehnsucht zieht;
Liebe bewog mich, Liebe heißt mich reden.

Bin wieder ich im Angesicht des Herrn,
Will oft und warm dein Lob ich ihm verkünden.” -
Hier unterbrach sie sich, und ich begann:

„Weib, aller Tugend Inbegriff, wodurch
Allein die Menschheit alles überragt,
Was unterm Mond gilt als Unfaßbarkeit;

So sehr beglückt mich dein Befehl, daß mir
Beim schnellsten Folgen ist, als zögert' ich;
Brauchst deinen Wunsch nicht weiter zu begründen.

Nur eines sag': wieso dir nicht gebangt,
Von dort, wohin du brennst zurückzukehren,
In diesen Schreckensort herabzusteigen?” -

„Verlangt dein Wissensdrang nach solcher Tiefe”,
Gab sie zur Antwort, „will ich kurz dir sagen,
Weshalb, hierher zu kommen, mir nicht bangt.

Zu fürchten hat man sich nur vor den Dingen,
Die Macht besitzen, einem wehzuthun;
Vor andern nicht; die sind nicht fürchterlich.

Durch Gottes Gnade bin ich so geschaffen,
Daß Euer Elend nimmer mich berührt
Und keine dieser Flammen mich verletzt.

Im Himmel ist ein edles Weib, das sich
Das Irrsal so zu Herzen nimmt, für das
Ich dich berief, daß Gnad ergeht vor Recht.

Dies edle Weib begab sich zu Lucia:
‚Dringend bedarf nun,’ sprach sie, ‚dein Getreuer
Der Hilfe dein, und dir empfehl' ich ihn.’ -

Lucia, die Feindin jedeer Grausamkeit,
Sprang rasch empor und war im Nu, wo just
Ich bei der alten Rahel betend saß.

Beatrice,’ rief sie, ‚Gottes höchstes Lob,
Was hilfst du denn nicht, der so heiß dich liebte,
Der, dir zum Ruhm, dem Niedern sich entrang?

Hörst du denn nicht sein herzzerreißend Weinen?
Siehst du den Tod nicht, der ihn dort bedrängt
Am Strom, des sich das Meer nicht mag berühmen?’ -

Nie hat auf Erden einer seinen Vorteil
So rasch gesucht, so rasch geflohn den Nachteil,
Als ich bei diesem Wort bin rasch gewesen.

Von meinem sel'gen Sitz kam ich herab,
Der Redlichkeit vertrauend deines Wortes,
Das dich und alle, die's vernommen, ehrt.” -

Nachdem sie dies gesprochen, wandte weg
Ihr leuchtend Auge sie so thränenvoll,
Daß ich sofort mich auf den Weg gemacht.

Und wie sie wollte, kam ich zu dir her,
Befreiend dich von jenem bösen Tier,
Das dir die Bahn zum schönen Berg verwehrte.

Doch nun, was ist's? Weshalb, weshalb noch zaudern?
Was nährst du soviel Feigheit noch im Herzen?
Weshalb gebricht's an Freiheit dir und Mut,

Da doch drei hochgebenedeite Fraun
Sich um dich kümmern an des Himmels Hof,
Und ich des Guten dir soviel verheiße?” -

Wie Blümlein, die der Nachtluft frost'ger Hauch
Geschlossen und gebeugt, im Sonnenlicht
Sich neubelebt aufrichten und erschließen:

So wurde mir bei diesem Wort zu Mut,
Und soviel Kühnheit quoll mir durch das Herz,
Daß frank und frei mir's von den Lippen floß:

„O, wie barmherzig ist die Retterin,
Und wie bist freundlich du, so gern gehorchend
Den wahrheitsvollen Worten, die sie sprach!

Du hast mit dem, was vorhin du gesagt,
So sehr mit Sehnsucht mir das Herz belebt,
Daß wieder ich beim ersten Vorsatz bin.

Wir beide sind ein Wille; geh' voran,
Du bist der Führer, Lehrer und Gebieter”.
Ich sprach's, und in Bewegung setzt' er sich,

Und ich betrat beherzt den wilden Waldweg.

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