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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
L. G. Blanc - Die Göttliche Komödie - Hölle

Es neigte sich der Tag, die dunkle Luft
Enthob die Thiere, die auf Erden sind,
Von ihren Müh'n, nur einzig und alleine

Schickt' ich mich an die Mühsal zu bestehn,
So wie des Weges, so des Mitleids auch,
Die schildern soll Erinn'rung, die nicht irret.

O Musen, hoher Geist, jetzt steht mir bei!
Gedächtniß, das verzeichnet ich sah,
Dein Adel, wird hierin sich offenbaren.

Und ich begann: Der du mich führst, o Dichter,
Erwäge meine Kraft, ob sie ausreichend,
Eh' du so schwier'gem Pfade aus mich setzest.

Du sagst zwar, daß des Sylvius Erzeuger,
Er selbst noch sterblich, zu unsterblichen
Welten gelangte und leibhaftig dort war;

Doch wenn der Widersacher alles Bösen
Ihm huldreich war, weil er erwog die Wirkung,
Die ausgehn sollt' von ihm, das Wer, das Was,

Kann kein verständ'ger Mann es billig tadeln,
Weil er zum Vater war der hohen Roma
Und ihres Reichs im Himmel ausersehen.

Und beide, dir die Wahrheit nicht zu bergen,
Gegründet wurden für den heil'gen Ort,
Allwo der Erbe weilt des größten Petrus.

Auf dieser Reise, die du von ihm rühmst,
Vernahm er Dinge, welche ihm den Sieg,
Dem Pabste Gründung seiner Würde schafften.

Dann ging dahin das auserwählte Rüstzeug,
Um Stärkung für den Glauben dort zu holen,
Der da der Anfang ist zum Weg des Heils.

Doch ich, - warum dort hingehn? wer erlaubt es?
Ich bin Aeneas nicht, ich bin nicht Paulus,
Nicht würdig deß halt' ich mich, noch wer anders.

Laß ich daher zum Wandern mich verleiten,
So möchte leicht mein Kommen thöricht sein;
Als Weiser weißt du's besser, als ich's sage.

Und wie dem ist, der aufgiebt, was er wollte,
Durch neues Denken seinen Vorsatz ändernd,
So daß er das Beginnen unterläßt:

So ward auch mir an diesem dunkeln Abhang,
Weshalb nachdenkend ich das Unternehmen
Aufgab, das erst so eilig ich ergriffen.

Wenn ich dein Wort richtig verstanden habe,
Erwiederte des Großgesinnten Schatten,
So ist dein Geist von Feigheit angegriffen,

Die nur zu oft den Menschen so erfüllet,
Daß sie von wackrem Thun ihn also abschreckt,
Wie falsches Sehn die Thiere, wenn sie scheuen.

Damit von dieser Furcht du dich befreiest,
Sag' ich, weshalb ich kam und was ich hörte,
Da wo zuerst ich deiner mich erbarmte.

Ich war bei denen, deren Loos noch schwebend,
Als mich ein seliges und schönes Weib rief,
So daß ich sie mir zu befehlen bat.

Es leuchteten die Augen mehr als Sterne,
Und sie begann zu sprechen sanft und leise
Mit engelgleicher Stimm' in ihrer Rede.

O edle Mantuaner Seele, du
Deß Ruhm noch immer in der Welt andauert,
Und dauern wird so lange als die Welt;

Mein Freund, der aber nicht Fortuna's Freund ist,
Wird auf dem wüsten Abhang so behindert
In seinem Weg, daß er aus Furcht schon umkehrt;

So daß ich fürcht', er ist schon so verirret,
Daß ich zu spät zur Hilfe mich erhoben,
Nachdem was ich von ihm gehört im Himmel:

So mach' dich auf, und mit der edlen Rede
Und allem, was zu seiner Rettung dienet,
Hilf so ihm, daß ich drob erfreuet werde!

Ich bin Beatrix, die dich gehen heißt;
Zurück, woher ich komme, sehn' ich mich;
Liebe bewog mich, die mich sprechen läßt.

Bin vor dem Antlitz meines Herrn ich wieder,
Will deiner lobend ich vor ihm gedenken.
Drauf schwieg sie und alsbald beegann ich also:

Weib aller Tugend, du durch welch' allein
Die Menschheit alles überragt, was einschießt
Der Himmel, der die kleinsten Kreise bildet,

So sehr erfreut mich dein Gebot, daß, wär's auch
Erfüllt schon, doch zu spät es mir erschiene:
Mehr deinen Wunsch mir zu enthüll'n bedarf's nicht.

Doch sage mir den Grund, daß du nicht fürchtest
In diesen Mittelpunkt hinabzusteigen
Vom weiten Ort, wohin zurück dein Sehnen.

Da du, sprach sie, so gründlich willst erfahren,
Warum ich mich nicht scheu' hinab zu kommen,
So will ich kürzlich dir es denn berichten.

Nur solche Dinge soll man billig fürchten,
Die Macht besitzen Schaden uns zu thun;
Die andern nicht, denn sie sind nicht zu fürchten.

Ich bin durch Gottes Gnade so beschaffen,
Daß euer Elend hier mich nicht berührt,
Und keine Flamme dieses Brand's mich anficht.

Ein edles Weib ist droben, die beklaget
Das Hinderniß, zu dem ich dich entsende,
So daß sie harten Spruch im Himmel umstößt.

Sie wandte an Lucien ihre Bitte
Und sprach: Jetzo bedarf dein Vielgetreuer
Deiner gar sehr und ich empfehl' ihn dir.

Lucia, Feindin jeder Grausamkeit,
Machte sich auf und kam zum Orte, wo
Mein Sitz neben der greisen Rahel war.

Sie sprach: Beatrix, du wahres Lob Gottes,
Was hilfst du dem nicht, der dich so geliebt,
Daß er den großen Haufen mied um dich?

Hörst du den Jammer seiner Klage nicht?
Siehst nicht den Tod, der ihm droht am Gewässer,
Das an Gefahr das Meer noch übertrifft?

Nie eilte seinen Vortheil zu ergreifen
So schnell wer, oder Schaden zu vermeiden
Als ich, nachdem sothane Wort' ich hörte.

Ich kam herab von meinem sel'gen Sitze
Vertrauend auf den Adel deiner Rede
Die dich und alle, die sie hören, ehrt.

Nachdem sie dies gesprochen, wandte sie
Die lichten Augen weinend von mir ab,
Wodurch sie mich noch schneller trieb zum Kommen.

Und zu dir kam ich, so wie sie es wollte,
Ich rettete vor jenem Thiere dich,
Das dir den Weg zum schönen Berg verlegte.

Was ist's denn nun? warum nur sträubst du dich?
Was lockst du solche Kleinmuth in dein Herz?
Was hegst du Kühnheit nicht und frischen Muth?

Da doch drei solche heil'ge Frauen deiner
Sorglich gedenken an dem Hof des Himmels,
Und mein Wort so viel Gutes dir verheißt?

Wie Blümlein, die der Nachtfrost senkt' und schloß,
Wenn dann die Morgensonne sie bestrahlet
Geöffnet auf dem Stiele sich erheben,

So ward die matte Kraft in mir gehoben
Und so viel Kühnheit strömte mir zum Herzen,
Daß ich mit frischen Muthe so begann:

O mitleidsvoll, die Hülfe mir geleistet,
Und freundlich du, der du so schnell gehorcht
Den treuen Worten, die sie dir entboten.

Du hast mit deinen Worten so die Sehnsucht
Nach dieser Reis' im Herzen mir entzündet,
Daß ich zurückgekehrt zum ersten Vorsatz.

So geh! denn nur Ein Will' ist in uns beiden,
Sei Führer, Meister und Gebieter du!
So ich zu ihm, und als er sich bewegte,

Betrat ich nun den schwier'gen, wilden Weg.

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