Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 01
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 01

1   Ich fand mich, grad in unseres Lebens Mitte,
2   In einem finstern Wald zurück, verschlagen,
3   weil ich vom rechten Pfad gelenkt die Schritte.

4   Ha! wie er ausgesehn ist hart zu sagen,
5   Der wüste Wald mit wildverwachsenen Strecken,
6   Daß in Gedanken sich erneut mein Zagen.

7   So herb ists, herber kann der Tod nicht schmecken.
8   Doch um vom Heile, das ich dort gefunden,
9   Zu melden, muß ich anderes erst entdecken.

10   Wie ich hineinkam, kann ich nicht bekunden,
11   So tief war ich zur Zeit vom Schlaf benommen,
12   Als meinem Blick der wahre Weg entschwunden.

13   Doch nun an eines Hügels Fuß gekommen,
14   Wo dieses Tal zu seinem Ende gleitet,
15   Das mir mit Bangen hielt das Herz beklommen,

16   Blickt ich empor und sah schon hingebreitet
17   Auf Bergesschultern den Planeten prangen,
18   Der uns auf jedem Wege richtig leitet.

19   Da war ein wenig gleich die Furcht vergangen,
20   Die auf des Herzens See mir angedauert
21   Die Nacht, die ich durchlebt in solchem Bangen.

22   Und wie, wer atemlos und angstdurchschauert
23   Dem Meer entrann und nun zurückgebogen
24   Vom Strande späht zur Flut, die tückisch lauert,

25   So wandte auch, noch immer fluchtbewogen,
26   Mein Geist sich rückwärts, auf den Engpaß blickend,
27   Draus nie ein Wesen lebend heimgezogen.

28   Nach kurzer Rast, dem müden Leib erquickend,
29   Klomm ich weiter bergan am öden Hange,
30   Immer zum tiefern Fuß den Stützpunkt schickend.

31   Und sieh! wo steil beginnt die Felsenwange,
32   Ein Panther, mit geflecktem Fell die Glieder
33   Bedeckt, geschmeidig und behend im Gange,

34   Der wich vor meinem Angesicht nicht wieder;
35   Nein, hemmte so mich, daß ich, statt nach oben,
36   Mehrmals aufs neu zum Walde wollte nieder.

37   Die Zeit wars, als der Morgen sich erhoben.
38   Die Sonne stieg, vom gleichen Sternenbilde
39   Umkränzt, als erstmals Gottesliebe droben

40   Die Welten umschwang durch des Alls Gefilde,
41   So daß mit neuer Hoffnung mich belebten
42   Auf Rettung vor dem buntgefleckten Wilde

43   Frühlicht und Frühling, die mich hold umwebten.
44   Doch so nicht, daß die Sinne mir im neuen
45   Schreckanblick eines Löwen nicht erbebten -

46   Der mir erhobenen Hauptes schien zu dräuen
47   Und sich voll Hungers wider mich zu rüsten,
48   Daß selbst die Luft sich schien vor ihm zu scheuen -

49   Und einer Wölfin, die von allen Lüsten
50   Mir trächtig schien trotz ihren dürren Weichen,
51   Alsob durch sie schon viel sich grämen müßten.

52   Die machte also meinen Mut erbleichen
53   Durch ihren Blick, drob ich vor Furcht erschauert,
54   Daß ich die Höh nicht hoffte zu erreichen.

55   Und jenem gleich, der gern Gewinn erlauert,
56   Und kommt die Zeit, wo sich Verluste zeigen,
57   Was auch sein Denken ist, er weint und trauert,

58   So schuf das Tier mich, dem kein Friede eigen,
59   Indem sichs schrittweis nähernd mich im Grimme
60   Zurücktrieb, wo die Sonnenstrahlen schweigen.

61   Indes ich fliehend noch bergabwärts klimme,
62   Auftauchte da vor meinem Blicke einer,
63   Der vor Erschöpfung scheinbar ohne Stimme.

64   »Wer du auch seist,« begann ich, als ich seiner
65   Ansichtig ward in solcher wüsten Heide,
66   »Ob Schatten oder Mensch, erbarm dich meiner«. -

67   »Nicht Mensch; Mensch war ich,« gab er zum Bescheide.
68   »Und meine Eltern einst Lombarden waren;
69   Denn Mantua war Heimatstadt für beide.

70   Gezeugt, zwar spät, sub Julio dem Zäsaren,
71   Lebt ich in Rom zur Zeit Augusts des Guten,
72   Als Lügengötter Ehrfurcht noch erfahren.

73   Ich war Poet und sang den frommgemuten
74   Anchisessohn, der Troja mußte meiden,
75   Als Ilions Pracht versank in Staub und Gluten.

76   Doch du, was kehrst du um zu solchen Leiden?
77   Was steigst du nicht, um auf dem Berg der Wonnen,
78   Des Glückes Grund und Anfang, dich zu weiden?« -

79   »So bist du denn Vergil, bist jener Bronnen,
80   Dem reich des Wohllauts voller Strom entflossen?«
81   Sprach ich zu ihm, die Stirn von Scham umronnen.

82   »Du Licht und Ehre der Apollgenossen,
83   Gieb, daß mir zur Empfehlung nun gedeihe
84   Inbrunst und Fleiß, die mir dein Werk erschlossen.

85   Vorbild und Meister, dank ich deiner Weihe
86   Doch nur den schönen Stil, der mir verliehen,
87   Drob man ein wenig Ruhm mir prophezeie.

88   Sieh dort das Tier, davor ich im Entfliehen.
89   Hilf mir, ruhmvoller Weiser, ihm entrinnen;
90   Durch Puls und Adern läßt mirs Schauder ziehen.« -

91   »Auf einem andern Weg mußt du vonhinnen,«
92   Sprach er zu mir, den Tränen ganz bezwungen,
93   »Um aus der Wüste Rettung zu gewinnen.

94   Denn dieses Tier, das dich mit Furcht durchdrungen,
95   Läßt keinen fahrlos wandeln seine Straße,
96   Nein, hemmt solang ihn, bis es ihn verschlungen.

97   Voll Trug und Tücke steckts in solchem Maße,
98   Daß seine Lüste unersättigt bleiben,
99   Und stärker hungerts nach als vor dem Fraße.

100   Viel Tiere sinds, die sich mit ihm beweiben,
101   Und mehr noch folgen, bis sich wird erheben
102   Der Jagdhund, es in bittern Tod zu treiben.

103   Dem wird nicht Erz noch Erde Nahrung geben,
104   Doch Weisheit, Liebe, Tugend wird ihm munden;
105   Und zwischen Filz und Filz entsprießt sein Leben.

106   Italien wird durch ihn der Schmach entbunden,
107   Drob Turnus und Kamilla einst erlagen,
108   Euryalus und Nisus ihren Wunden.

109   Er wird das Tier durch alle Städte jagen
110   Bis ers zurückscheucht in die Höllenschlünde,
111   Daraus der Urneid es ans Licht getragen.

112   Drum denk ich, daß es besser um dich stünde,
113   Wenn du mir folgst, daß ich dir Rettung leihe,
114   Von hier dich führend durch die ewigen Gründe.

115   Dort wirst du hören der Verzweiflung Schreie,
116   Der Vorwelt Geister schauen, die jammernd flehen,
117   Daß sie ein zweiter Tod von Schmerz befreie.

118   Wirst andre dann in Feuersgluten sehen
119   Und dennoch froh, weil sie der Hoffnung leben,
120   Wie spät es sei, zur Seligkeit zu gehen.

121   Willst du zu diesen dich alsdann erheben,
122   Kommt eine Seele, würdiger im Preise;
123   Der werd ich dich beim Abschied übergeben.

124   Denn der als Kaiser herrscht im Himmelskreise
125   Will nicht, weil widerstrebt ich seinen Worten,
126   Daß irgendwen zu seiner Stadt ich weise.

127   Er herrscht im Weltall, doch regiert nur dorten,
128   Wo seine Stadt ist, und sein Thron zu sehen:
129   O selig! den er ruft zu ihren Pforten.«

130   Und ich zu ihm: »Poet, laß dich erflehen
131   Bei jenem Gotte, dem du fremd verbliebest.
132   Um diesem Weh und schlimmerem zu entgehen,

133   Bring mich, wie du zu sagen jetzt beliebest,
134   Hin wo Sanktpeters Pforten mir erscheinen
135   Und sie, die als so traurig du beschriebest.«

136   Drauf ging er und mein Fuß folgte dem seinen.

list operone