01
Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Ida und Walther Wartburg - Die Göttliche Komödie - Hölle

Wohl in der Mitte unsres Lebensweges
geriet ich tief in einen dunklen Wald,
so daß vom graden Pfad ich verirrte. 03

Oh, schwer wird's mir, zu sagen, wie er war,
der wilde Wald, so finster und so rauh;
Angst faßt aufs neue mich, wenn ich dran denke; 06

So schmerzlich, daß der Tod kaum bittrer ist.
Doch, um vom Guten, das ich fand, zu reden,
will ich von andrem, das ich sah, erzählen. 09

Wie ich hineinkam, sicher weiß ich's nicht,
so sehr war ich von Schlaf befangen dort,
als ich vom richt'gen Wege abgewichen. 12

Doch als ich dann zum Fuße eines Hügels
gelangte, wo das Tal zu Ende ging,
das mir mit Furcht das Herz erstarren machte, 15

Hob ich den Blick und sah des Berges Schultern
umflossen schon von Strahlen des Gestirnes,
das uns den graden Weg auf jedem Pfade weist. 18

Da wurde stiller um ein weniges die Furcht,
die in des Herzens See gewohnet hatte
die ganze Nacht, die ich in Qual verbracht. 21

Und jenem gleich, der mit erschöpftem Atem
vom Meer ans Ufer kaum zurückgelangt
nun blicket auf die unheilvollen Wasser, 24

So wandte sich mein Geist, noch fliehend fast,
erschauernd rückwärts, um den Weg zu messen,
der lebend keinen jemals noch entließ. 27

Als dann mein müder Leib sich ausgeruht,
macht' ich mich auf den Weg am öden Hang,
so daß der feste Fuß auch stets der untre war. 30

Und sieh da, fast am Fuße noch des Abhangs,
ein Luchs, behend und ruhelos sich regend,
und der von schwarzgeflecktem Fell bekleidet; 33

Und nimmer wollt' er weichen mir vor'm Antlitz,
ja, er vertrat mir derart meinen Weg,
daß mehrmals ich zur Umkehr schon mich wandte. 36

Es war die Stunde am Beginn des Tages,
die Sonne stieg herauf mit jenen Sternen,
die mit ihr zogen, als die Liebe Gottes 39

Setzt' jedes Ding der Schöpfung in Bewegung,
so daß mit guter Hoffnung mich erfüllten
wegen des Tiers mit dem gefleckten Fell 42

Die frühe Stunde und der holde Lenz.
Doch nicht so sehr, daß Furcht mich nicht erfaßte,
als sich mir eines Löwen Anblick bot, 45

Als wär' bereit er, auf mich loszustürzen
mit hocherhobnem Kopf und wütigem Hunger,
so daß die Luft davon zu beben schien, 48

Und eine Wölfin, die im magern Leib
beladen schien mit jeglicher Begier,
und die schon vielen Menschen Jammer schuf; 51

Und also stürzte mich in schwere Not
das Grauen, das aus ihrem Anblick strömte,
daß mir die Hoffnung auf den Gipfel schwand. 54

Und einem gleich, der gern zusammenrafft,
und dann die zeit erreicht, da er verlieren muß,
so daß er weint und klagt in seinem Denken, 57

So machte mich das ruhelose Tier,
das auf mich zukam, setzend Schritt vor Schritt,
mich rückwärts drängend, wo die Sonne schweigt. 60

Wie ich unselig nun zur Tiefe sinke,
da offenbart sich meinen Augen einer,
der stumm geworden schien von langem Schweigen. 63

Als den ich in der großen Öde sah,
rief ich ihm zu: "Erbarm dich mein, wer immer
du bist, ob Schatten nur, ob wahrer Mensch." 66

"Nicht Mensch", gab er zurück, "Mensch war ich schon;
Lombarden waren meine Eltern beide,
und Mantua war ihre Vaterstadt. 69

Sub Julio bin ich geboren, spät schon,
und lebt' in Rom zur Zeit Augusts, des Guten,
zur Zeit der falschen, lügenhaften Götter. 72

 Ein Dichter war ich, sang von dem gerechten
Sohn des Anchises, der von Troja kam,
nachdem das stolze Ilion verbrannt. 75

Doch du? Warum kommst du zu solchem Jammer?
Was steigst du nicht hinan den Berg der Wonne,
der Ursprung ist und Urgrund aller Freude?" 78

"So bist du denn Vergil und jener Bronnen,
aus dem so mächtig brach der Strom des Wortes?"
sprach ich zu ihm mit schamgebeugter Stirn. 81

"O du, der andern Sänger Ehr und Leuchte,
es helfe mir der lange Fleiß, die große Liebe,
die suchend ich hab' auf dein Buch verwandt. 84

Du bist mein Meister und mein Vorbild du;
von dir allein nur hab' ich übernommen
die hohe Wortkunst, die mir Ehre brachte. 87

Du siehst das Tier, vor dem ich fliehen mußte:
Errette mich von ihm, du großer Weiser;
es läßt mein Blut in allen Adern beben." 90

"Auf einem andern Wege sollst du wandern",
gab er zurück, als er mich weinen sah,
"wenn du entfliehn willst diesem grausen Ort: 93

Denn dieses Tier, das Schreie dir entlockt,
läßt keinen je des Wegs vorübergehen;
es widersetzt sich ihm, bis er getötet; 96

So ruchlos und verdorben ist sein Wesen,
daß niemals seine brünstge Gier sich sättigt,
und nach dem Fraß ist größer nur sein Hunger. 99

Viel andre Tiere gatten sich mit ihm,
und ihre Zahl wird wachsen, bis der Jagdhund
erscheint und ihm ein schmerzvoll End bereitet. 102

Der wird sich nicht von Land noch Schätzen nähren,
von Weishiet nur und Lieb und starkem Mut,
und zwischen Feltro und Feltro ist seine Heimat. 105

Italien, dem bedrängten, bringt er Heil,
für das Camilla einst als Jungfrau starb,
Eurialus', Turnus', Nisus' Blut einst floß. 108

Der wird das Tier aus jedem Ort verjagen,
bis er zur Hölle es zurückgetrieben,
von der der Neid es ehmals ausgesandt. 111

Drum denk' ich und erwäg' zu deinem Heil,
daß du mir folgst; ich will dein Führer sein,
geleiten dich von hier durch ewgen Raum, 114

Wo du verzweifelt Schreien hören wirst
und sehn der Vorzeit Geister Qualen leiden,
die alle jammern um den zweiten Tod; 117

Dann wirst du jene sehn, die freudig sind
im Feuer, weil sie hoffen, sich dereinst,
wann es auch sei, der selgen Schar zu einen. 120

Willst du zu dieser dann empor noch steigen,
so harrt dein eine Seele, würdiger als ich;
der werde ich dich scheidend überlassen; 123

Denn jener Mächtige, der dort oben herrscht,
und dess' Gesetze ich nicht anerkannte,
will nicht, daß man durch mich sein Reich betrete. 126

Allüberall gebeut er, und dort herrscht er,
Dort stehet seine Stadt, sein hoher Thron.
O glücklich, wen für das er auserkoren." 129

Drauf ich zu ihm: O Dichter, hör mich flehn,
bei jenem Gotte, den du nicht erkanntest,
damit ich dieser Not und Schlimmerem noch entrinne, 132

Führ hin mich zu dem Ort, von dem du sprachst,
auf daß ich seh' des heilgen Petrus Pforte
und jene, die so leiden, wie du sagst." 135

Dann ging er, und ich folgt' ihm auf dem Fuß. 136

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