01
Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Karl Vossler - Die Göttliche Komödie - Hölle

Dem Höhepunkt des Lebens war ich nahe,
da mich ein dunkler Wald umfing und ich,
verirrt, den rechten Weg nicht wieder fand. 03

Wie war der Wald so dicht und dornig,
o weh, daß ich es nicht erzählen mag
und die Erinnerung daran mich schreckt. 06

Viel bitterer kann selbst der Tod nicht sein.
Doch um das Gute, wie es dort mir wurde,
zu zeigen, kommt das andre auch zum Wort. - 09

Ich weiß nicht recht, wie ich hinein geriet,
war nach und nach so schläferig geworden,
bis daß ich abkam weit vom rechten Weg. 12

Als ich dann aber vor dem Hügel stand,
allwo die Schlucht im Wald sich endlich auftat,
die mir das angstbeklommne Herz bedrängte, 15

blickt ich empor und sah die Kurven schon
des Bergs umhüllt vom strahlenden Gestirn,
das jedem seine Wanderpfade sichert. 18

Und jetzt entspannte sich die Angst ein wenig,
die mir so jammervoll die ganze Nacht
im Innersten des Herzens sich verkrampfte. 21

Wie einer, der nach Atem keuchend ringt,
sich aus dem Meer ans Ufer hat gerettet,
zurückschaut auf das fürchterliche Wasser, 24

so wandte sich, noch immer weiter fliehend,
mein Sinn, die Schlucht noch einmal zu bestaunen,
die keinen mit dem Leben je entließ. 27

Den müden Leib ein wenig ausgeruht,
nun wieder auf, den öden Hang hinan,
und stemmte stets mich auf den tiefren Fuß. 30

Schon gleich am steilen Ansteig, siehe da,
entgegen mir ein schlankes flinkes Pardel,
und derart huscht sein buntgeflecktes Fell 33

im Hin und Her mir immer vors Gesicht
und stört und hindert meinen Aufstieg so,
daß ich schon wankend wieder weichen wollte. 36

Es war die Stunde aber früh am Morgen,
die Sonne stieg samt allen jenen Sternen,
die um sie waren, als am ersten Tag 39

aus Schöpfers Liebe herrlich trat das All.
Drum hatt ich guten Grund mich keines Args
im milden Lenz beim ersten Tageslicht 42

von jenem muntern Raubtier zu versehen.
Und dennoch mußt ich gleich mich wieder fürchten
beim Anblick eines Löwen, der erschien: 45

Mir war, als käm' er grade auf mich zu,
erhobnen Haupts, so hungrig und so wütend,
daß fast die Luft vor ihm erzitterte. 48

Und eine Wölfin, siehe, unersättlich
und voller Gier in ihrer Magerkeit,
alte Verderberin der Menschenvölker! 51

Der grauenvolle Ausdruck ihres Blickes
befiel wie Lähmung mich an Herz und Gliedern,
und meine Hoffnung nach der Höhe schwand. 54

Dem Manne gleich, der auf Gewinn erpicht
und dem zur Stunde des Verlustes dann
sein ganzes Denken trüb und kläglich wird, 57

ward ich durch jenes ruhelose Tier,
wie's mir entgegenkam und Schritt für Schritt
mich abwärts und zurück ins Dunkel drängte. 60

Indem ich so ins Tiefe sank und fiel,
erstand ein Mensch vor meinen Augen, der
wohl lange ohne Kraft und Stimme schon 63

in weiter Einsamkeit gewesen war.
"Erbarm dich meiner!" rief ich. "Wer du seist,
ein Schatten oder ein lebend'ger Mensch!" 66

"Ich bin", sprach er, "kein Mensch, doch war ich's einst,
und aus Lombardien stammten meine Eltern
und beider Heimatstadt war Mantua. 69

Ich wurde noch geboren unter Julius
und lebt' in Rom unter dem guten Herrn
Augustus in der Zeit der Heidengötter. 72

Als Dichter sang ich des Anchises Sohn,
den Treuen, der zu uns von Troja kam,
nachdem das Stolze Ilion verbrannt. 75

Doch du, warum zurück in argen Jammer
und nicht hiauf den wonnereichen Berg,
allwo der Urquell echter Freude springt?" 78

"Vergilius also bist du, bist der Born,
aus dem so reich die goldnen Worte strömen?"
Ich sprach es schüchtern mit gesenkter Stirn. 81

"Du Ruhm und Leuchte über allen Dichtern,
laß all den Fleiß, laß meine große Liebe,
womit ich häng an deinem Buche, gelten! 84

Du bist der Meister mir, der schöpferische,
der einzige, von dem die hohe Kunst
des Worts ich habe, die mir Ehre bringt. - 87

Sieh dort das Tier, vor dem ich fliehen muß,
und steh mir bei, berühmter, weiser Mann,
mir bebt das Blut vor ihm in allen Adern." 90

Ein andrer Weg als dieser ist der deine,
willst du aus dieser Wildnis dich noch retten",
erwidert er, da er mich weinen sah. 93

"Die Wölfin, die den Angstschrei dir erpreßt,
läßt niemand seinen Weg in Ruhe gehn,
sie stellt den Menschen, und sie tötet ihn. 96

Bösartig ist sie und verrucht und gierig,
wird nimmer satt in ihrer jähen Lust,
und nach dem Fraße wächst erst recht ihr Hunger. 99

Von vielen Tieren läßt sie sich begatten,
mit vielen andern wird sie's treiben - bis
der Jagdhund kommt und ihr den Garaus macht. 102

Den hungert nicht nach irdischem Metall:
nach Weisheit, Liebe nur und Festigkeit,
und unter schlichtem Filz wird er geboren. 105

Erlösen wird er dieses arme liebe
italische Land, für das Camilla, Turnuns,
Euryalus und Nisus kämpfend starben. 108

Durch alle Städte jagt er dann die Wölfin,
bis sie zur Hölle fährt in alte Nacht,
aus der zuerst der Neid sie ausgespien. 111

Zu deinem Besten denk ich drum und rate,
daß du mir folgst, ich will dein Führer sein
und bring dich weg von hier in ewige Räume, 114

wo du verzweiflungsvolles Schreien hörst
und arme abgeschiedne Seelen siehst,
die dir den zweiten Tod entgegenheulen. 117

Und sollst die andern schauen, die mit Willen
im Feuer dulden, weil sie Hoffnung haben
früh oder spät zum Sitz der Seligen. 120

Willst du zu diesen dann dich noch erheben,
da wird ein würdigeres Wesen sein,
dem ich bei meinem Weggang dich anheimgeb, 123

dieweil der Kaiser, der dort oben herrscht,
durch mich, der sein Gesetz nicht anerkannte,
den Weg zu seiner Stadt nicht weisen läßt. 126

Allwärts gebietet ER, dort oben herrscht ER
Dort ist die Gottesstadt und dort sein Thron.
O glücklich, wen er auserwählt für dort!" 129

"Nun denn, mein Dichter", sprach ich, "bei dem Gott,
den du verkanntest, bitt ich dich - daß ich
nur diesem Tier und Schlimmerem entgehe - 132

führ dort mich hin, wovon du eben sprachst,
laß mich das Tor des heiligen Petrus sehen
und die so schrecklich leiden, wie du sagst." 135

Da schritt er aus, und ich ging hinter ihm. 136

list operone