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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Siegfried v. d. Trenck - Die Göttliche Komödie - Hölle

Wenn unser Leben sich zur Mitte hebt,
so mögen viele leuchtend triumphieren,
weil sie das Kindgefühl der Angst verlieren,
das zitternd unter all den Rätseln bebt.
Sie fühlen, wie ihr Kraftempfinden strebt,
sich aller Zweifelsfragen zu entled'gen,
sich stark, bewußt und wirkend zu betät'gen,
die Welt nicht zu begreifen, nein, zu nöt'gen;
und sterben sie, so - haben sie gelebt.
Sie fragen nicht nach Lastern, nicht nach Werten,
sie handeln, wie sie müssen, können, wollen;
versunken ist das kindlich treue Sollen,
die zarte Sehnsucht nach den Spielgefährten,
die ein erträumtes Reich beginnen helfen,
und jenem Menschenheil, das sie begehrten.
Der Mensch ist eingeschlossen in das Ich,
er gibt es auf, Vollkommnes zu erleben,
ist keinen Wallungen dahingegeben,
die ihn zum Abgrund senken, aufwärts heben –
in Alltag wohlgetan verebbt er sich.
Er ließ dahinter alle Traumgestalten,
er gab es auf, zu suchen nach dem Sinn,
dem Wert, des Ursprungs und des Zieles Walten.
Ein langsam in sich reifendes Erkalten,
geht er, von keinem Wunder mehr gehalten,
von keinem Grau'n bedrängt, zum Ende hin.
In sich gefestigt wie ein Felsblock steht
er in des Wesenlosen Majestät.
Der Gießbach stürzt herab. Der Stein verweht.

Mir ward es anders. Immer tiefer sank
ich in der Rätsel tiefen Untergang,
je mehr ich in das Leben vorwärts drang.
Ich hab' das Ahnen nie verwinden können,
daß alles, was wir treiben, sinnvoll sein,
daß ein uralt geheimnisvolles Sein,
von dem wir Namen nicht und Blick mehr kennen,
uns anziehn muß, in Rätseltat hinein.
Daß ein Erkennen ist und ein Begehren,
ein letztes Licht, das wir erfassen wollen,
ein helles Streben und ein finstres Wehren,
ein ew'ges Müssen und ein ew'ges Sollen –
ein Weltgeheimnis, das aus wundervollen,
erhaben leuchtenden, geweihten Sphären
noch leuchtet durch das irdische Verwehren;
daß wir des Alls geliebte Kinder sind
und auch gehaßte - daß wir uns verehren
einander sollen, Mensch und Menschenkind –
daß wir geschaffen sind zum Einsempfinden
mit allem, und das Herz in Unruh schlägt,
eh es in kindlich stillem Wiederfinden
die Arme, frei vom Kettenspiel der Sünden,
dem heil'gen Weltall um die Schulter legt.
Und dies Verlangen, das das Herz bewegt
und es durch Not und Tod zur Höhe –
trägt den Weg vom Grauen übers unentwegt
Verdämmernde zum Jubel will ich künden,
so lange sich ein Atemzug mir regt.
Drum sollt ihr jetzt, vom Schauer ganz bewegt,
im Wald des Grauens meine Seele finden,
und hören, wie sie sich durchs Meer der Sünden
mit Kräften, die sich immer stärker finden,
urmächtig durch zum Jubel-Lichtmeer schlägt.
Wohl dem, den meine Schwinge mit sich trägt. –

Der Grauenwald. Wie war er schaudervoll.
Weiß ich denn selbst, wie ich ihn schildern soll:
Vom rechten Pfad kein Ton herüberscholl.
Die Zunge sträubt sich, seine Wut zu malen.
Er war gefüllt mit hunderttausend Qualen.
Dran denken, heißt, mit Lebenskräften zahlen.
Im Schlafe mußt ich hingeraten sein.
Ich wachte auf, und fand mich in der Pein.
Der bittre Tod kann wenig bittrer sein. –
Ich schritt. Und einen Hügel fand ich dann.
Er endete des Tales grausen Bann,
aus dem das Fürchten in die Seele rann.
Ich sah hinauf, und Sonne kränzte hoch
die Schultern ihn, ihr Scheinen überflog
sein Haupt, das Scheinen, das noch niemals trog.
Und nach der angst- und grauenvollen Nacht,
die ich in jenem Tale zugebracht,
war Sonne auch im Herzen neu erwacht.
Wer atemlos vom Meer ans Ufer kroch –
es griff nach ihm - und er entfloh ihm doch –
und fühlt die feuchten Pranken immer noch –
so war mein Geist: er blieb in einem Fliehn.
Doch rückwärts sah er auf das Grauen hin,
das keinen lebend ließ von hinnen ziehn.
Und ruhte etwas. Müde war ich. Matt.
Und stieg dann weiter durch die wüste Statt,
stieg Schritt für Schritt - ein mühsam drehend Rad.

Und sieh: der Wald des Grauens sandte mir
in dreifacher Gestalt das Bild der Gier:
dem Kind entfremdet, ward derMensch zumTier.
Gleich beim Beginn ein Panther , rasch und leicht,
der lüstern, hautgefleckt, den Wald durchstreicht:
Wollust, die fletschend den Genuß erreicht.
Gier nach Genuß: Besitz von fremdem Leib,
lüsterne Gier zur Lust, Begier zum Weib,
die uns uns selbst entführt, uns zu verlieren
im Wesenlosen, das uns nie gehört,
die uns die Blicke bannt, im Schreiten stört –
das erste , nicht das schlimmste von den Tieren:
fast hätte es mir schon den Weg versperrt.
Doch sieh, es war die heil'ge Morgenfrühe,
und Frühling, wie am ersten Schöpfungstag,
wo Sonne noch in Sternen baden mag,
von erster Liebe angetrieben. Siehe,
wie Liebe Gier stets überwinden mag. –
Doch nun: ein Löwe . Stolz das Haupt erhoben,
in Hungers Grimm. Wie fürchtet' ich mich sehr.
Und selbst die Luft erzitterte wie leer.
Mit starkem Schritt schritt er auf mich einher:
Herrschsucht, durch Ehrgeiz leidenschaft-erhoben –
wer ihm verfällt, er kennt sich nimmermehr.
"Ich" will sich überhöhn und wird erniedert –
das ist der grauenvolle Widerspruch,
das ist das rätselgroße Schicksalsbuch:
das Fremde, unserm Eignen angegliedert.
Genug ist nichts, zuviel ist nicht genug.
Die Seele, die sich selbst im Herzen trug,
verfällt des Sich-verlierens grausem Flug –
dem Spiegel, der ihr fremden Blick erwidert.

Doch diese beiden wären noch zu tragen.
Lebend'ges Leben haben Ruhm und Blut,
wir treiben auf der Leidenschaften Flut
und wissen uns um Ehre zu erschlagen –
zwar sinnlos ist's, und weder groß noch gut,
allein es stärkt die Kraft, es stählt den Mut,
und jeder Seelenzwang läßt sich ertragen,
wenn Seele nur der Seele Zwang antut.
Doch grauenvoll, wie nun das Tier erschien,
das aller Tiere ekelstes und geilstes,
dem Sinne fremdestes, dem Unsinn feilstes:
des nackten Habens ekle Priesterin.
Seht: eine Wölfin , gierig und gefräßig,
die Gier nach Gold, entsetzlich, wild, unmäßig,
unmenschlich; zu dem leblosen Besitz
gezogen - nicht durch einer Seele Blitz
durch stumpfen Drang gebannter Tieresaugen,
die wie besessen ins Besitzen tauchen,
völlig entmenscht, verloren im Besitz.
Und immer zehrend, immer doch verzehrt,
und nichts verehrend und von nichts verehrt –
Verderben jedem Geist, in den sie fährt.
Ich fürchtete, wie fürchtete ich mich.
Das Tier war gräßlich, wild und schauerlich
und eklig und unsäglich widerlich.
Und alle Hoffnung, auf den Berg zu steigen,
verließ mich. Nie werd' ich zur Höhe reichen,
wo solche Bestien durch die Wildnis streichen.
Ganz traurig ward ich, wie wer viel verlor,
das freudenlose Untier anzublicken.
Und sieh, es drängte mich, kam mir zuvor,
zur Seite stand's, verfolgte mich im Rücken –
und sieh, den Abhang fiel ich tief hinab,
der dunkel war und schweigend wie das Grab.

Und fallend sah ich einen Mann dort stehn,
heiser vom ew'gen Schweigen anzusehn.
Und flehend ließ ich meine Stimme gehen:
"Sei'st du nun Schatten oder Mensch, Erbarmen
in dieser Wüste, Gnade mir, dem Armen."
Er sprach: 'Ich war ein Mensch. Viel hundert Jahre
ist's her. Im alten Rom war ich geboren,
zur Kaiserzeit - und innerlich verloren
war ich an meine Kunst, die wunderbare,
des Dichters, Sehers, Sängers, der besang,
wie Rom entstand aus Trojas Untergang –
aus Weltenbrand ward Weltenüberschwang.
Doch du, was willst du hier in dieser Pein,
was trittst du nicht zum schönen Garten ein,
beseligt, lichtverklärt und freudenrein?'
Ich aber sprach mit schämigem Gesicht:
"Du bist Virgil. Und ich - ich wußt es nicht!
Du reicher Quell - du lebendes Gedicht.
Du aller Dichter Ehre, Ruhm und Licht.
Mein Vorbild du - Ansporner meiner Pflicht
und meiner Kraft - wenn je ich Kraft besaß:
du Lehrer meinem Wort und meinem Maß,
in dessen Anschaun ich die Welt vergaß!
O sieh das ekle Tier, das mich bedrängt,
des Ekel mir durch Puls und Ader zittert –
sieh, wie es schon nach meinem Tode wittert
und drohend sich an meine Fersen hängt."

'Durch andere Regionen mußt du wandern,
sprach er, denn Wirklichkeit ist voll von Gier
allüberall. Hier herrscht das wilde Tier.
Der Seele Frieden findest du im andern,
in der Gedanken zaghaftem Revier.
Gedanken nur mit ihrer Wunderkraft
reißen die wildgewordne Leidenschaft
zurück ins Ich vom Ding, das sie entrafft.
Wer sich verlor, kann sich nur wiederfinden,
indem er alle Schrecken ganz durchmißt,
indem er sieht, wie in der Seele Sünden,
die wir bei allen Menschen wiederfinden,
die ganze Hölle schon enthalten ist.
Und der Gedanken höchster, der vom Christ,
läßt ihn zuletzt in Gott Erlösung finden.
Wenn wir uns dieses Weges unterwinden,
finden wir Heilung, die unendlich ist.

Wo Sehnsucht ist, die wandernd nie ermattet,
ein Herzenslicht, das keine Nacht beschattet,
Weisheit und Kraft sich mit der Liebe gattet,
da wird sich Heil für Länder und für Erden,
für Seelen auch gewähren und für Sinne.
Denn Sinne werden nur der Dinge inne,
für die sie wachsend aufgezogen werden.
Das Aug' sucht Strahlen und das Ohr sucht Töne - -
Licht sucht das Herz, nach Wahrheit schreit das Hirn.
Es regt sich wild der Arm nach innrer Schöne,
nach Anschauung zermartert sich die Stirn.
Von sich und Gott getrennt sein ist das eine
das Höllenwesen, schaudervoll geprägt
in Bilder, deren Grau'n in Ketten legt.
Doch wenn wir eingehn in das Allgemeine ,
das nicht in Einzelsinne sich zerlegt –
das wir mit dem Gefühl erfassen können,
dem großen ungeteilten Weltempfinden,
so kindergleich - dann lassen uns die Sünden,
die uns von unserm tiefen Urempfinden,
dem Gott-bewußt-im-Arme-Liegen, trennen –
dann strebt die Seele über sich hinauf - -
in sich hinein. Der Mensch ist selbst die Hölle.
Und Fegefeuer. Und an einer Stelle,
der innersten - in ungeborner Helle
versenkt in sich - muß er auch göttlich sein.
Jahrtausende hindurch hat man ergründet,
wie Irrtum, Bosheit, Schmerz verbunden sind,
und Einsicht, Güte, Glück sich einig findet,
wenn sich die Seele ihrer Kraft verbindet,
in der die Wurzeln der Genesung sind.
Einst las ein Weiser dies im Morgenwind.
Doch dann erschiens als Mär, als leeres Grauen.
Wohlan, du sollst die Höllenqualen schauen
und fühlen, wie sie mehr als leeres Grauen,
nein, übervoll furchtbare Wahrheit sind!
Wahrheit an sich. Viel wahrer als die Dinge,
von deren Schein ihr so viel Wesen macht.
Wahr wie die Finsternis um Mitternacht,
wahr wie die fürchterliche Satansschlinge,
in der ihr aus dem Kindheitstraum erwacht.
Wahr wie das Gnadenlicht, das einmal lacht –
hinter dem Ort der grauenvollen Dinge,
von mir jetzt deiner Seele dargebracht.
Nun folge mir. Doch nimm dein Herz in acht
und hüte deine Seele bei der Nacht,
daß sie am Morgen wache, wirke, singe.'
So schritt er fürbaß. Und ich folgt' ihm sacht.

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