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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Paul Pochhammer - Die Göttliche Komödie - Hölle

Es war in unsers Lebensweges Mitte,
Als ich allein in dunklem Wald mich fand,
Der keinen Pfad mehr zeigte meinem Schritte.
Denk' ich zurück, wie dort in Nacht ich stand,
Nur Dickicht greifend rings bei jedem Tritte,
Faßt mich das Graun, das damals mich umwand.
Wohl litt ich Todespein, doch fand ich Leben:
Von meinem Gang will drum ich Kunde geben.

Ich weiß zu sagen nicht, wie's zugegangen,
Daß ich so weit den rechten Weg verlor,
So tief war damals ich in Schlaf befangen!
Ein Hügel schob sich jetzt der Thalschlucht vor,
In der ich tastend ging mit solchem Bangen.
Als ich an seinem Hange blickt' empor,
Sah Strahlen ich um seine Schultern gleiten -
Der Morgen naht! Die Sonne wird mich leiten!

Nun glätten in mir sich die Sturmeswogen,
Wenn ich die Furcht auch noch nicht meistern kann;
Und wie der Schiffer, dem sein Stern getrogen,
Vom Strand, den er mit knapper Not gewann,
Noch angstgequält, den Odem eingezogen,
Hinstiert aufs wilde Meer, dem er entrann,
So schaut' ich auf die Schlucht mit wirren Sinnen,
Die Lebende noch niemals ließ entrinnen.

Nachdem durch Ruhe ich gestärkt die Glieder
Nahm ich den Pfad, der sich nach oben wand:
Zum untern Fuß glitt oft dabei ich nieder,
Als, sieh! ein flinker Luchs im Wege stand,
In buntgeschecktem Fell, den immer wieder,
So oft ich ihn auch mied, ich vor mir fand.
Er wollte nie mir aus dem Auge weichen,
Als sollt' den Aufstieg nimmer ich erreichen.

Doch - Frühlings-Sonne ja die Erde weckte,
Die, als ihr Licht aus gleichem Bilde quoll,
Ernst sah, wie Liebe ihre Arme streckte,
Der Welt zu weisen, wie sie kreisen soll:
Mich freute jetzt das Fell, das schwarzgefleckte,
Ich schaute aufwärts, sel'ger HOffnung voll -
Da sollte gleich die Angst sich mir erneuen,
Denn vor mir sah ich plötzlich einen Leuen!

Er macht' erhobnen Haupts die Kuft erbeben,
Im Auge ungestillter Mordlust Gier.
Und wie ich eilig wollt' von dannen streben,
Sah eine Wölfin, das noch schlimme Tier,
Zu mir den beutedurst'gen Blick ich heben
Und - Haut und Knochen nur, verhungert schier
Und nimmersatt zugleich - heran sich winden:
Da fühlt' ich in mir jede Hoffnung schwinden.

Wie wer noch eben seine Schätze zählte,
Zusammenbricht, wenn er Verlust entdeckt,
Ward durch das Tier, das ganze Welten quälte
Und jetzt mir näherkam, ich so erschreckt,
Daß immer schnellre Flucht dahin ich wählte,
Wo keine Sonne mehr den Schläfer weckt:
Als dort mir meine Augen einen zeigen,
Der tonlos scheint von langgeübtem Schweigen.

"Ob Mensch, ob Schatten Du, o hab' Erbarmen!"
Rief ich, als ich am Bergesfuß ihn sah,
"Errette hier aus großer Not mich Armen!" -
"Ich bin nicht Mensch, ich war es!" hört ich da,
"Lombarden wohnen, wo ich durft' erwarmen
Am Mutterherzen, da aus Mantua
Die stammten, die mich unter Cäsar zeugten,
Als wir noch falschem Götterbild uns beugten!

Der Dichter war ich, den Augustus ehrte,
Als er in Rom sein mildes Scepter schwang,
Und ich, wie einst zu uns die Schiffe kehrte
Anchises' Sohn, der Held von Troja, sang,
Deß stolzes Ilion die Glut verzehrte -
Doch Du? Du fliehst ins Elend bleich und bang?
Wllst denn Du nicht den Wonnenberg ersteigen,
Von dem aus höhre Freuden Dir sich zeigen?" -

"Du bist Virgil?" sagt' scheu ich und verlegen,
"Du, der erschlossen uns er Rede Quell!
So sei's der Dir geweihten Arbeit Segen,
Daß ich auch heut' mich liebend Dir gesell'!
Ich lernt an Deiner Hand die Flügel regen,
Mir wusch Dein Lied die Dichteraugen hell!
Du halfst mir, schön zu sagen, was ich dachte,
Du, Meister, gabst mir, was mir Ehre brachte!

"Doch sieh das Tier! Ich muß ihm zitternd weichen!
Hilf mir! So wahr du groß als Weiser bist!"
"Du kannst auf dieser Straße nichts erreichen!"
Erwidert er, "dies Tier voll Hinterlist
Macht jeden, den es stellt, im Tod erbleichen
Und wird nur hungriger, je mehr es frißt!
Viel Unheil wird die Welt von ihm erfahren
Und mit viel andern Tieren wird sich's paaren!

Doch wird's dereinst in Todeschmerzen zagen
Wenn schmucklos Zelt den Windhund uns gebracht!
Der wird's von Stadt zu Stadt zur Hölle jagen,
Wo's einst gezeugt ward in der Neidesnacht.
Er wird des Geistes Schätze zu uns tragen,
Dem Vaterland verleihn die alte Macht,
Für das die Nisus, Turnus einst verdarben,
Euryalus und auch Camilla starben!

Doch jetzt - Dein Bestes ist's - laß mich Dich leiten,
Ich darf und will Dein treuer Führer sein:
Erst werden wir den ew'gen Ort durchschreiten,
Wo nichts Du hörst als der Verzweiflung Schrein,
Die nach dem ersten Tode heischt den zweiten,
Auch von der Seele noch sich zu befrein.
Wir finden dann zum Berg den Zugang offen,
Auf dem die weilen, die noch Rettung hoffen.

Doch willst zum sel'gen Volk Du aufwärts steigen,
Wird eine Würd'gere Dir Führerin,
Der ich dann, scheidend, gebe Dich zu eigen.
Mir steht's nicht zu, zu wallen je dorthin,
Noch darf ich jenes Kaisers Stadt Dir zeigen,
Weil gegen sein Gesetz Rebell ich bin.
Sein Herrschen siehst Du rings - nur dort Sein Walten!
O selig - wen er droben will behalten!" -

"O Dichter!", rief ich da, "laß Dich erflehen
Bei jenem Gott, dem fremd Du selbst noch bliebst!
Dem Bösen laß auch dorten nich entgehen,
Wie Du schon hier es eben von mir triebst!
Des heil'gen Petrus Pforte laß mich sehen,
Und jene Trauernden, die Du beschriebst!" -
Und alsobald begann er fortzuschreiten,
Ich folgte ihm und ließ von ihm mich leiten.

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