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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Axel Lübbe - Die Göttliche Komödie - Hölle

Auf unsres Lebens Weg grad in der Mitte
Fand ich in dunklem Wald mich ohne Spuren,
Weil nicht auf grader Straße mehr die Schritte. 03

Ach wie ist's schwer, zu schildern die Konturen
Von diesem Wald, dem grausigen, großen, rauhen,
Wo schon Gedanken dran nur Furcht erfuhren! 06

So herbe ist's - fast wie des Sterbens Grauen.
Doch um des Guten, das ich dort gefunden,
Will sagen alles ich, was ich mußt schauen. 09

Wie ich hineinkam, kann ich nicht bekunden;
So fest hielt meinen Schlaf die Zeit am Zaume,
Drin ich vom wahren Weg mich fortgewunden. 12

Doch dann: als ich vor eines Hügels Saume
Dastand am Ende eben jenes Tales,
Darin das Herz mir wurd zum Schreckensraume - 15

Da bllickt ich auf und sah, wie ein astrales
Gewand die Hänge hüllte: des Planeten
Geleucht, drin jeder Weg grad kraft des Strahles. 18

Fast ruhte jetzt die Angst, die mit unstäten
Strumstößen mir des Herzens See zerwühlet
Zur Nacht, als ich so nah dem Nichts getreten; 21

Und so wie der, der letzten Atem fühlet,
Wenn er ans Ufer klomm aus Flut und Schlicken,
Aufs Wasser starrt, das ihn als Grab umspület, 24

So meine Seele, die zur Flucht anschicken
Sich mußt; sie sah sich um und sah die Schwelle,
Die nie noch durchließ, die ins Leben blicken. 27

Dann räumte Ruhe auf die irdsche Zelle;
Und weiter ging den Weg ich durch dies Wilde.
Der festre Fuß war stets an tiefrer Stelle. 30

Da - gleich nach kurzem Steigen: ein Gebilde,
Ein Luchs, ganz leicht und schnell und geil geschmeidig,
Das Fell gefleckt, gleich einem bunten Schilde; 33

Und immer mir vorm Leibe, gleichsam neidig
Auf meinen Blick; ich mußt mich mehrmals wenden,
Umkehr im Sinn, so war der Weg mir leidig. 36

Es war die Zeit der ersten Morgenspenden.
Die Sonne ging vor Sternen mit dem Strahle
Wie damals, als mit seinen Liebeshänden 39

Gott als dies Schöne schuf zum ersten Male.
Drum hat ich scheinbar gutes zu erhoffen
Von diesem Tier in seiner bunten Schale 42

Zur Frühstunde, da süß der Frühling offen ...
Solch Denken aber konnte Furcht nicht bannen,
Weil eines Löwen Anblick mich getroffen. 45

Mir schien's, er kam heran, mich zu umspannen
Mit hohem Maul und solcher Wut zu fressen,
Daß rings die Luft erschüttert floh von dannen. 48

Und eine Wölfin, die ganz ungemessen
Viel Gier zu tragen schien in magren Flanken,
Die vielen auf dem Leben schon gesessen. 51

Sie legte mir so wie mit schweren Pranken
Die Furcht, die von ihr ausging, auf die Sinne.
Nicht mehr zur Höhe konnten die Gedanken. 54

Und so wie einer bebt, daß er gewinne,
Je mehr er sieht, die Zeit will das Verlieren,
Vor Gram und Graun im Denken selbst hält inne - 57

So war ich ohne Frieden vor dem Gieren
Des Tiers, das auf mich kam; mußt rückwärts weichen,
Wo Sonne schweigt und Schatten nur regieren. 60

Wie ich die Tiefe so schien zu erreichen,
Stand, gleichsam heiser von zu langem Schweigen,
Vor meinen Augen einer wie ein Zeichen. 63

Als ich ihn sah so aus der Wüste steigen,
Rief ich: "Wer du auch seist! Erbarm dich meiner!
Magst du als Schatten oder Mensch dich zeigen!" 66

Die Antwort kam: "Ich war Mensch. Bin jetzt keiner.
Lombarden waren meine Eltern beide.
Bei Mantua im Land gedenkt man meiner. 69

Kam in die Welt, eh Julius noch im Kleide
Des Cäsar war - kam dann ins Rom des gütigen
Augustus - spät ... Truggöttern noch im Eide. 72

Ich war Poet und sang von dem rechtmütigen
Sohn des Anchises, der aus Troja mußte,
Als stolzes Ilion fiel im Kampf, im wütigen. 75

Doch du, warum kehrst du ins Schmerzbewußte?
Warum steigst du nicht auf den Berg, den schönen,
Der aller Seligkeiten Grund und Kruste?" 78

"Und du, du bist Vergil, deß helles Tönen
Die Quelle ist vom Strom der Poesieen?"
Rief ich, und Scham schien meine Stirn zu höhnen. 81

O daß mir andre Dichter Licht jetzt liehen
Und Macht zu ehren meine große Liebe
Und mein Bemühn um deine Melodieen! 84

Du bist mein Meister, - Dichter meiner Triebe!
Die schöne Art zu schreiben - sie brächt Ehren
Mir niemals, wenn ich dein nicht denkend schriebe. 87

O sieh dies Tier mir meinen Weg verwehren!
O schütze mich vor ihm, berühmter Weiser!
Das Blut in meinen Adern will sich kehren." 90

"Dir ziemt ein andrer Weg" - sprach er da leiser
Wohl angesichts der so verweinten Wangen -
"Willst du entgehn dem gräßlichen Umkreiser 93

Und diesem Ort. Dies Tier, das dich so bangen
Und schreien macht, läßt keinen ziehn die Straße.
Es jagt ihn, bis es seinen Tod gefangen. 96

Denn von Natur ists böse in dem Maße
Daß nie vermindert wird sein großes Gieren.
Es hat mehr Hunger nach, als vor dem Fraße. 99

Es gattet sich mit vielen andern Tieren
Und mehret sich, bis es vom Edelhunde
Zu Tod gehetzt, sich wird in Schmerz verlieren. 102

Den jagt kein Edelstein in tolle Runde.
Der wittert edleres: Sinn, Mut und Treue.
Und Heimat ist ihm alles Land im Grunde 105

Von Feltre hier bis Feltre dort. Aufs neue
Spürt er Italien auf, um welches fielen
Camillo, Turno, Niso ohne Reue. 108

Er wird auch dieses Tieres Fluch erzielen
Durch alle Mauern ... bis zum Höllenschlunde,
Draus es der Ur-Neid ließ zu seinen Spielen. 111

Nun nimm auch meinen Rat nach solcher Kunde:
Du sollst mir folgen. Ich will Führer werden
Durch ewigen Raum aus dieser irren Runde. 114

Wirst heulen hören die verlornen Herden,
Wirst sehn die alten Geister, wie sie leiden.
Wie sie um zweiten Tod sich toll gebärden. 117

Und jene, die sich stumm in Feuer kleiden,
Weil sie noch immer in der Hoffnung leben:
Die Seligen werden sie zu sich bescheiden. 120

Willst du zu diesen Seligen aufschweben,
Wird führn dich eine würdigere Seele,
Der ich alsdann dich werde übergeben. 123

Weil oben jener Herrscher ohne Fehle
Nicht will, daß, wer ihm naht, mich, den Rebellen
Vor dem Gesetz, sich zum Begleiter wähle. 126

Der oben herrscht, der herrscht an allen Stellen,
O selig der, der zu IHM dort darf gehen
In seine Stadt, vor seinen Thron, den hellen!" 129

Drauf ich: "Mein dichter, sieh mich zu dir flehen
Bei jenem EINEN GOTT, den du nicht kanntest!
Führ mich, damit ich böserem entgehen 132

Hier mag, führ mich zu dem, was du schon nanntest!
Will sehn, um zu Sankt Peters Tor zu kommen,
Auch sie, von denen du dich traurig wandtest ..." 135

Da ging er, und ich folgte ihm beklommen. 136

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